Willst du nicht das Paket auspacken?“ Mutter sah erwartungsvoll auf das inzwischen arg zerknitterte Geschenk, das Rosi immer noch mit der Welt entrücktem Lächeln in den Händen hielt.

„Hieran geht nichts kaputt“, erinnerte sich Rosi wispernd und riss das Papier auf. Braune Augensterne, deren Farbe sie überall auf der Welt sogleich erkannt hätte, lachten ihr entgegen.

„In deiner Augenfarbe“, raunte Hans in Rosis Ohr, der es sich doch nicht hatte nehmen lassen, Rosis Überraschung beim Anblick seines Geschenkes zu sehen.

„Deine Augenfarbe“, seufzte Rosi beinahe andächtig, weil ihr die braunen Sterne viel wichtiger waren das das Blau.

Rosi beugte sich zu Hans hinüber und küsste ihn auf den Mund. Wieder war da dieser Blitz, der durch ihren Körper fuhr.

„Na, wenn das so weiter geht, kommt das noch in Mode!“ Lachend drohte Marianne mit dem Zeigefinger. Rosi, die kurz vorher beschlossen hatte, Marianne zu fragen, was man machen müsse, damit die Nasen beim Küssen nicht stören, zerschlug diesen Plan in der Gewissheit, sich nach anderen Lernquellen umzusehen.

„Einmal im Jahr zu Weihnachten ist die Knutscherei noch zu ertragen“, grinste Hans, der wohl nicht vom Blitz getroffen wurde. Rosi schwor sich, bis zum nächsten Jahr so viel zu lernen, dass auch Hans den Blitz spüren würde. Dann zog sie erst einmal die Mütze auf, legte den Schal um und zog die Handschuhe an.

„ Passt alles ganz wunderbar“, strahlte sie und Hans meinte, der Schal sei so lang, den könne man auch zu zweit tragen. Er zog das eine Ende des Schals samt Rosis Kopf zu sich und wickelte  die blaubraune Wolle um seinen Hals.

 

„Bleibt mal so“, bat Frau Rose und hielt ihre Kamera in der Hand. Blitzwürfel aufsetzen und lächeln….es blitzte zweimal und dann waren die anderen an der Reihe. Es war ein sehr schönes Weihnachtsfest und die Kinder spielten bis Mitternacht mit der Eisenbahn. Danach brauchte Rosi fast eine Stunde, um ihre Erlebnisse haarklein ins Tagebuch zu schreiben.

*Liebes Tagebuch,

heute ist so viel geschehen. Zuerst war ich böse auf Wallners, weil Hans ohne Eisenbahn gar nichts von Max hätte. Es war schön, Hans im Arm zu halten, obwohl es auch weh tat, ihn so traurig zu sehen. Fast hätte ich mich verraten. Seine Tränen schmeckten salzig und süß, seine Haare rochen wie Pfeffernüsse und Vanille. Er hat sich so über Max gefreut, dass er mich geküsst hat, so richtig auf den Mund! Es war ganz heiß in mir drin, mein Hals war trocken und mir war ganz schwindelig. Ich habe mich so gefreut, weil auch Hans sich bestimmt lange überlegt hat, was er mir schenken soll. Die Sterne haben genau die gleiche Farbe wie seine Augen, wenn ich die Sachen trage, strahlen sie mich an wie seine Augen, wenn er sich freut. Er sagt, die Sachen haben meine Augenfarbe aber die Sterne sind mir wichtiger als das Blau drumherum. Ich habe mich auch mit einem Kuss bedankt und wieder war da dieser Blitz, der bis in meine Füße ging. Ich glaube, Hans hat ihn nicht gemerkt, der will die Knutscherei nur Weihnachten, ich hätte sie viel lieber ganz oft. Vielleicht muss ich nur besser küssen lernen, damit Hans auch öfter will. Mama hat Fotos gemacht, da freue ich mich schon drauf. Hoffentlich hat sie uns nicht nur halb erwischt.*

Gleich nach Weihnachten brachte Rosi den Film zum Entwickeln. Am Tag, an dem die Kinder zu Oma Hertas Kuchenschlacht gingen, waren auch die Bilder fertig. Rosi  war gespannt wie ein Flitzebogen, ob es Mutter diesmal geschafft hatte, die Köpfe erkennbar aufs Bild zu bringen. Marianne beherrschte auch diese seltsame Art der Fotografie, nur fehlten bei ihr meist die Beine, während über den Köpfen meterweise Himmel zu sehen war. Warum schauten die eigentlich durch den Sucher? Der kleine Fotoladen hatte guten Service. Der Fotograf breitete in aller Seelenruhe die Bilder vor den Kindern auf einem Glastisch aus. Rosi ahnte Schreckliches! Die Spitze des Tannenbaums war nicht zu sehen, dafür aber die Hälfte des davor stehenden Tisches, der nach der Bescherung recht wüst aussah mit all dem geknüllten Papier, den leeren Tassen und Tellern. Bei Frau Wallner fehlte die Hochfrisur, die sie stets trug, sie war nur bis zur Stirn auf dem Bild. Vater war diesmal nicht oben sondern seitlich gestutzt aufs Bild gekommen.

„Da fehlen zwei Bilder“, klagte Rosi.

„Nur nicht so schnell, junge Dame. Die beiden Bilder wurden wohl mit besonders viel Liebe gemacht. Darauf ist alles, was drauf sein muss, gut zu sehen.“  Dann legte er die Bilder beinahe andächtig auf die Theke. Zwei Augenpaare lachten dem Betrachter aus Winterkleidung entgegen, sofort fiel die Farbgleichheit des Blau auf, die braunen Sterne spiegelten sich erst auf den zweiten Blick in den Augen des Jungen.

„Kann man die auch doppelt haben?“ Hans sah den Fotografen erwartungsvoll an.

„Natürlich! Wenn man ein Negativ hat, kann man so viele Abzüge machen, wie man will.“

„Dann brauche ich zwei, nein, drei..!“

„Wir brauchen vier!“ beschloss Rosi und lächelte den Mann an. Der nahm die Negative aus dem Umschlag und meinte, die Bilder seien am nächsten Tag fertig.

Oma Herta war auch begeistert von den Bildern und Hans versicherte, dass er für sie schon einen Abzug eingeplant habe, damit sie die von beiden Müttern bewunderte Handarbeit  immer mal betrachten könne. Oma Herta aber meinte, das wäre sehr nett, besser sei aber, wenn sie selber kämen, denn sie brauche etwas mehr Leben um sich herum.

Der Winter ging dahin mit Schneemann bauen, Schlitten fahren und heißem Kakao bei Oma Herta, die wunderbare Geschichten aus ihrer Heimat Pommern erzählen konnte. Bei ihr sangen sie auch noch Weihnachtslieder und bekamen Kinderpunsch. Die Kinder genossen drei Monate später gemeinsam im Gras die ersten warmen Strahlen der Sonne, bauten im Mai ein Baumhaus. Nur wenn Rosi ihre Reitstunden hatte, spielte Hans mit der Eisenbahn, denn Rosi langweilte sich inzwischen dabei und Hans beschränkte sich bei Pferden auf das Streicheln und Füttern.

 Rosi litt in den großen Ferien wie ein Hund, weil Hans mit seinen Eltern zwei Wochen an die See fuhr, während ihre Eltern Freunde der Berge waren. Die Grüße auf den bunten Postkarten waren kein Ersatz für Hans.

Besonders schlimm fand sie, dass ihr Abreisetag einen Tag vor dem Rückreisetag von Hans lag und sie sich deshalb vier Wochen nicht sahen. Als Wallners in die Ferien gefahren waren, ging Rosi oft zum Reiten, sonst hockte sie traurig im Baumhaus und erlebte in Gedanken so manchen Ulk, den sie von hier aus getrieben hatten. Sie schrieb ihren Kummer ins Tagebuch und holte sich die Erinnerungen frisch in ihren Kopf, indem sie ihre eigenen Worte wieder und wieder las. Mit der Wasserpistole waren sie Regenmacher, bei wolkigem Himmel fiel so mancher Spaziergänger auf die Wassertropfen  herein und öffnete seinen Schirm. Einzig und allein das Foto von Weihnachten brachte ihr Trost. Sie trug es immer bei sich, hatte es im Futter ihrer kleinen Handtasche verborgen, in der sie, ganz wie eine feine junge Dame, Taschentücher und Parfüm mit sich trug. Die Düfte bekam sie von Frau Wallner, die alle Nase lang neue Kreationen benutzte und die alten Düfte aussortierte.

*Liebes Tagebuch,

Erwachsene sind wirklich blöd! Hans kommt genau einen Tag nach unserer Abreise in den Urlaub wieder zurück. Ich sehe ihn fast die ganzen Ferien nicht, dabei hatte ich mich so darauf gefreut. Ich sehe mir jeden Tag im Baumhaus das Bild von uns an, doch allein habe ich gar keine Lust, Streiche zu spielen. Wenn jemand tatsächlich den Schirm öffnet, weil ich mit der Wasserpistole Regen mache, ist das nur lustig, wenn ich Hans kichern höre. Ich habe absolut keine Lust, in die doofen Alpen zu fahren.* 

Abwechslung brachten nur ihre Beobachtungen in der Laube. Im Nachbarhaus wohnte während der Ferien ein Mädchen von etwa 15 Jahren. Sie hatte einen recht großen Busen und die älteren Jungen aus der Straße pfiffen ihr hinterher. Als Rosi brummig im Baumhaus saß, schlich dieses Mädchen mit einem Jungen in die Laube. Sofort bezog Rosi Posten im Vorratsschuppen.

„Ach, komm schon! Ist doch nichts dabei! Ich will ihn doch nur einmal ansehen, “ bettelte der Bursche, dessen Namen Rosi nicht kannte, weil er einfach ein paar Altersklassen zu hoch war.

„Ich zeig doch nicht jedem meinen Busen, “ entrüstete sich das Mädchen.

„Bin ich denn jeder? Ich glaube langsam, dass du dir den Büstenhalter nur mit Watte oder so einem Kram ausgestopft hast. Du kannst mir deinen Busen gar nicht zeigen, weil du nur ganz kleine KIrschchen hast, statt dieser tollen Honigmelonen, das wird es sein!“

So einen Verdacht wollte die junge Frau nicht auf sich sitzen lassen. Sie knöpfte die Bluse auf und der Blick auf die prallen Kugeln in den rosa Körbchen war frei.

„Die Tücher sind natürlich unten im BH, “ bemerkte der Bursche und leckte sich die Lippen. Schnell hakte das Mädchen den BH auf und die Rundungen lagen frei.

„Die sehen ja so aus, als seien sie aus Gummi und nur angeklebt, da muss ich mal fühlen, “ spottete er weiter und streckte die Hand nach ihr aus.

„Du wirst mich nicht anfassen, “ zischte das Mädel.

„Komm, lass mich doch nur mal ein wenig streicheln, nur mit einer Hand. Ich tue dir bestimmt nicht weh. Lass mich doch mal dieses süße Muttermal auf der linken Brust berühren, “ bat er und sah sie treuherzig an.

„Auf keinen Fall!“ Fest entschlossen wollte sie den BH wieder schließen, doch der Junge drohte

„Wenn du mich nicht anfassen lässt, erzähle ich jedem, dass du mir deine Möpse gezeigt hast! Ich kann sie ja gut beschreiben und woher sollte ich von dem Muttermal wissen, wenn ich sie nicht gesehen habe?“

„Du bist ein Schwein, “ stieß sie erschrocken hervor aber er lachte nur.

„Ja, ich bin sogar ein geiles Schwein. Stell dich nicht so an und setz dich hin! Ich weiß genau, wann deine Tante zurück kommt. Der sag ich es zuerst, “ drohte er wieder und sie setzte sich zögernd auf das Sofa. Ganz nahe trat er vor sie und befingerte mit der linken Hand ihre Brüste. Inzwischen holte die rechte Hand seinen Zipfel aus der Hose und begann, ihn zu reiben. Das Mädchen saß mit zugekniffenen Augen und angewidertem Gesicht auf dem Sofa und schien nichts zu ahnen. Er fing an zu keuchen und griff in das Haar über ihrer Stirn, bog ihren Kopf nach hinten und spritzte ihr dann etwas in das Gesicht und über ihre Brüste.

Der Schreck ließ sie mutig werden. Sie ergriff den dicken Glasaschenbecher, der am Tischrand stand und zog ihn mit aller Wucht durch das verklärt grinsende Gesicht des Burschen, dem immer noch  etwas aus dem Ding da unten floss. Nun floss auch Blut, denn sie hatte die Nase gut getroffen. Mit lautem Aufschrei sprang er zurück und hielt sich das Gesicht mit beiden Händen. Sie legte nach und hieb ihm den Ascher in die Rippen wozu sie weit ausholte. Den Zipfel noch aus der Hose hängend rannte er jaulend wie ein Hund aus der Laube.

Nun begann das Mädchen zu weinen. Es sah auf ihren nassen Busen und wischte sich angeekelt mit dem Unterarm über das Gesicht, bevor sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche nahm und sich notdürftig säuberte. Rosi hatte nun wieder Stoff für ihr Tagebuch. Sie verstand zwar nicht ganz, was da geschehen war, doch nun hatte sie auch einen großen Jungen nackt gesehen, nicht nur das Baby von Frau Bister. Damals hatte sie geglaubt, das Kindchen sei krank, weil es da unten so ganz anders aussah als sie und Marianne. Frau Bister hatte ihr den Grund erklärt.