Unser Geist langweilt sich sehr schnell und schaltet dann einfach ab, oder sucht sich Themen, die ihn interessieren. So ging es wahrscheinlich auch mir als ich in einem kleinen Cafe saß und die ersten warmen Sonnenstrahlen genoß.

Gedanklich befand ich mich in meiner Kinderwelt. Es war Nachkriegszeit. Da mein Vater im Krieg gefallen war, mußte meine Mutter für mich sorgen. Sie war noch sehr jung und arbeitete den ganzen Tag im Büro. Am Abend war sie müde, machte den Haushalt oder ging mit einer Freundin aus.

Es muß einer dieser schlimmen Tage gewesen sein, an denen ich mich nicht geliebt, nicht verstanden oder auch nicht gewollt gefühlt habe. Ich verließ die Wohnung, das große Mietshaus in dem wir wohnten und schlich zu meiner Großmutter, die nur einen Häuserblock weiter wohnte. Dort war ich immer willkommen und fühlte mich wohl. Sie nahm mich mit in die Küche, trocknete die Tränen, stillte Durst und Hunger. Ihre Ruhe und Ausgeglichenheit taten mir gut, doch das war für mich selbstverständlich, denn in meinen Augen waren Mütter hektisch, überarbeitet, benachteiligt vom Leben weil sie den Krieg überleben mußten und oftmals den Mann und Vater zu ersetzen hatten.

In Gedanken sah ich jetzt wieder die Großmutter, den Topfkuchen in der Hand. Sie begann die Rosinen aus dem Kuchen zu picken und sagte: Sieh dir diesen Kuchen an und stell dir vor, es ist das Leben. Da ist Orangat, da ist Zitronat, Dinge, die du gar nicht magst. Da ist Zucker Mehl und Salz, da sind Rosinen. Einzeln mögen wir die Dinge manchmal nicht. Doch der Kuchen braucht sie, damit er schmeckt. Auch das Leben bringt uns manchmal Ereignisse für die wir uns zu schwach fühlen. Mitunter fühlen wir uns überfordert und sehen keinen Ausweg.

 Sie sah mich liebevoll an und fuhr fort, du bist noch sehr jung, doch für das Leben ist es nie früh genug. Versprich mir jetzt, daß du nun jeden Abend, wenn du im Bett liegst an die Ereignisse des Tages denkst, dann picke die Rosinen heraus, die Dinge, die dich erfreuen und freue dich, dass du das erlebt hast. Das Leben ist mitunter grausam und traurig. Ich kann dich nicht immer davor beschützen. In solchen Situationen such die Rosinen besonders gut, denn dann verstecken sie sich mitunter so, daß du meinst, sie wären nicht da.  

Meine Großmutter ist längst tot, meine Mutter ebenfalls. Beide Frauen verstanden sich in keinster Weise und in mir klingen noch heute die Worte meiner Mutter, als sie sagte, die Großmutter wäre dumm und ungebildet gewesen und habe nicht mitbekommen, wie das Leben wirklich ist. Ich muß darüber noch heute schmunzeln, denn ich weiß, sie suchte jeden Abend die Rosinen.

Ich freue mich, dass sie die Geschichte bis hierher gelesen haben.  Der Alltag drückt uns mitunter sehr und so würde ich mich freuen, wenn Sie heute Abend Rosinen suchen und sie auch finden.