Früher machte ihn eigentlich jeder. Aufgesetzten!
Beeren aus dem Garten, Rumtopf mit sämtlichen Früchten, Kräuter, sogar Studentenfutter und frische Triebe von Nadelbäumen wurden mit klarem Schnaps und Zucker zu mehr oder weniger trinkbaren Gesöffen.
Die Adventszeit gibt den Startschuss für den Genuss der flüssigen Güter. Rumtopf ist ganz toll,selbst wenn er leergetrunken ist, dafür gibt es sogar das Rezept „Rüdesheimer Früchtekuchen“ da kann man die beschwipsten Früchte verarbeiten.
Früher hat Oma die Schlehen aus dem leckeren Likörchen einfach auf den Misthaufen gekippt. Dies wurde ihr streng verboten, nachdem der Nachbar vorsichtshalber die Hälfte seiner scheinbar kranken Hühner köpfte, bevor ihm klar wurde, dass die nicht krank, sondern sturzbesoffen herum torkelten, weil ihnen die Schlehen so gut schmeckten.
In den schlechten Jahren im und nach dem Krieg wurde nichts, was irgendwie essbar war, weggeworfen. Der Inhalt der Flaschen wurden durch ein Sanitastuch gefiltert und alle festen Bestandteile wurden püriert und mit zerbröselten, meist schon älteren Keksen, Bisquitboden, Zucker, fein gemahlenen Mandeln oder Nüssen und Kuvertüre zu einem leicht feuchten Knetteig verarbeitet, zu kleinen Kugeln geformt in Zimtzucker oder Schokostreusel gerollt, gern auch mit Kuvertüre überzogen und waren dann kostbar wie Trüffel. Besonders beliebt waren die Pfirsiche in Rum, die dann tatsächlich zu echten Rumkugeln wurden.
Weihnachten 1947 gab es nicht nur diese herrlich schmeckenden Alkoholpralines, es gab auch Marzipankartoffeln aus Gries und all dem Kram, den man für „Kriegsmarzipan“ braucht, wovon mein Vater heute noch behauptet, es schmecke besser als das echte von heute.
Am 24. 12. war die ganze große Familie mit Tante, Onkeln, Oma, Opa ect. in der kleinen Wohnung meiner Großmutter versammelt und futterte Gulaschsuppe und Maisbrot. Die Kinder hockten danach glücklich auf Kissen vor dem bullernden Kohleofen und naschten die Marzipankartoffeln.
Alle waren guter Dinge, bis die kleine Schwester meines Vaters knatschig wurde, die Arme nach der Mama ausstreckte, die sie auf ihren Schoß nahm. Hier schnappte sich die Kleine den Suppenlöffel und machte damit Fechthiebe quer über den Tisch. Gläser kippten, Kakao und Schnäpse platschten über den Tisch. Oma stellte das unartige Kind mit einem bösen Fluch auf die Beinchen, doch nun nahm das Unglück erst recht seinen Lauf. Das Kind kippelte, hielt sich an der guten, gestärkten Tischdecke fest, rollte zur Seite und deckte das Festmahl dekorativ über sich. Gottlob war die Suppe inzwischen fast kalt.
Oh Gott, was war mit dem Kind? Krampfanfälle? Gerade jetzt, wo war ein Arzt? Irgendwann nahm jemand das weinende Kind nahe genug zu sich, um den Atem zu riechen. Ausgerechnet die Kleinste hatte statt der Marzipankartoffeln einen Teller mit den Rumkugeln erwischt. Die spuckte das Kind, leicht anverdaut, wenig später in den Ausschnitt von Tante Käthe, die kinderlos und immer ein wenig vornehmer als andere war. Die Kleine, die man fortan „Rumkugel“ rief, war das einzige Kind, das in diesem Winter nicht unter Erkältung litt.
Aus diesem Grunde plädiere ich, dieses Naschwerk ist unbedingt erhaltenswert!
Genaue Überlieferung und Grammangaben gibt es nicht, man nahm halt, was da war, um aus dem Matsch der pürierten Früchte Kugeln formen zu können. Echt lecker…aber Kinder und Hühner fern halten! Mal sehen, vielleicht kugel ich ja mal nach Husum…..zum Tausch gegen die Leckerli aus Basel.
