Da waren doch meine Freundinnen und ich gestern Abend in einem Salsa-Club … Es versprach ein besonderer Abend zu werden, denn entsprechende Eintrittskarten erhielt man nur über Vitamin B.  So war es dann auch. Salsa-Rhythmen, super gestylte Frauen, super gestylte Latinlover warteten auf ein ausgewähltes Publikum.

 

Ein wunderbares Programm mit professionellen Tänzern ließ uns staunen, wie erotisch Tanzen sein kann, und die ganze Atmosphäre sorgte für knisternde Stimmung. Jede meiner Freundinnen so wie ich natürlich auch, wären gerne eine dieser super gut aussehenden Tänzerinnen gewesen. Sich einmal von so einem Traummann jenseits dessen führen zu lassen, was sonst ja schon fast als verrucht gesehen wird, würde man es mal so irgendwo in der Öffentlichkeit auf der Tanzfläche veranstalten, war hier eine Selbstverständlichkeit. Je heißer, desto besser, und diese fließenden Bewegungen hatten schon ganz heftig etwas … Wenn jede Körperbewegung in Einklang ist, wenn sich Hände finden, wenn Arme sich heranziehen und wieder weg stoßen, um wieder akrobatisch den nahen Körperkontakt zu finden, indem man sich dabei wieder annähert … also ich muss sagen … das war Faszination pur … jedenfalls empfand ich das so …

 

Natürlich mussten wir das auch ausprobieren. Keine von uns stand bei so viel sichtbarer Erotik auch nur noch ansatzweise still … Und dafür waren diese Latinlover ja auch da, uns in einen heißen Tanz zu führen … Dabei ist der Augenkontakt, dieser tiefe Blick für ein, zwei Sekunden ja mit von entscheidender Bedeutung. Zu sehen, dass der Tanzpartner so ganz bei einem selbst ist, so wie man es ja auch ebenso empfindet, irgendwie macht das dieses Knistern aus und motiviert, sich dem Führenden zu unterwerfen. Ihn bestimmen zu lassen, wie der Tanz verläuft und ihn zu motivieren, indem man sich dieser Führung hingibt, sich in ihr fallen lässt und darauf vertraut, dass der Führende schon weiß, wohin die Reise geht … natürlich nur was diesen Tanz angeht … lächel

 

In einer Pause stand ich bei meinem Cocktail, spürte, dass mir ein extremer Muskelkater winkte, und hoffte darauf, dass mich diese Pause davor verschonte, auch noch diese lästigen Blasen zu bekommen, wenn Füße in neuen Pumps stecken … Mein Blick wanderte über die Tanzfläche und ich fühlte mich rund herum wohl. Was für ein Abend …

 

Nicht weit von mir stand ein Mann. Er schaute ebenfalls über die Tanzfläche, doch blieb sein Blick immer und immer wieder an einer Frau hängen, welche mit einem Latinlover heißen Salsa tanzte. Sie konnte das, so fand ich, wirklich super gut. Ihre Bewegungen passten sich dem Latinlover total an, während andere Damen gerade beim Körperkontakt erhebliche Schwierigkeiten hatten … Man sah ihr an, dass sie viel Spaß an diesem erotischen Tanz hatte … Ich hatte sogar das Gefühl, sie ging ganz darin auf … was ich ihr sehr nachempfinden konnte, denn Tanzen kann viele Blockaden in einem lösen … Plötzlich ist man frei von dem, was einen so beschäftigt  und gibt sich ganz den heißen Rhythmen einer Musik hin, die einem selbst so sehr im Blut liegt …

 

Man vergisst um sich herum alles, ist mit dieser Musik eins, sie, die einen selbst so sehr erfasst, dass man gar nicht mehr anders kann, und es einem so egal ist, was andere denken, wenn man sich in ihr verliert …

 

So kam es mir auch bei dieser Frau vor. Sie erinnerte mich so ein bisschen an so eine Voodootänzerin, die sich ihre eigene Seele rein tanzte … um sich so auf das zu besinnen, was dieser Abend sein sollte …

 

Dieser Mann aber schien das anders zu sehen … für ihn schien sie eine Voodootänzerin zu sein, die sich in die allesverzehrende Liebe hinein tanzte …

 

Sein Gesicht verdüsterte sich von Tanz zu Tanz. Diese Frau, die er beobachtete schien nicht müde zu werden, sondern eher das Gegenteil war der Fall. Sie steigerte sich von Tanz zu Tanz …

 

Irgendwann gab ihr Latinlover auf. Er führte sie dem Anstand entsprechend zu ihrem Glas, welches bei diesem mürrisch drein schauenden Mann stand. Sie verabschiedete sich auch gleich wieder von ihm und war zum Toilettenausgang verschwunden.

 

Später sah ich sie wieder. Sie stand bei diesem in der Zwischenzeit wütend dreinschauenden Mann, und beide hatten eine Auseinandersetzung, das war offensichtlich. An seinen Armbewegungen konnte ich erkennen, wie er sie immer wieder zum Gehen bewegen wollte. Aber sie sträubte sich. Ein anderes Paar gesellte sich zu diesen beiden sich Streitenden. Man schien sich zu kennen. Doch hätte jetzt irgendjemand geglaubt, dass es nun besser zwischen den beiden wurde, der irrte gewaltig. Der Streit endete darin, dass er ihr eine klebte … Die Barbedienung kam hinzu, ebenfalls zwei dieser Bodyguards von der Eingangstüre bahnten sich ihren Weg durch die Menge und versuchten die beiden Streitenden aus dem Club zu manövrieren …

 

Ein Ende eines Abends für zwei Menschen, die sich sicher beide mal einen schönen Abend vorgestellt hatten …

 

Warum gibt es immer wieder so ein Ungleichgewicht in Beziehungen? Ich muss ehrlich sagen, ich war sehr erschrocken über das, was ich da beobachtet hatte … und ich war froh, dass ich diesen Abend mit meinen Freundinnen genoss …

 

Beide der Streitenden schienen sehr unsicher gewesen zu sein, und jeder kompensierte diese Unsicherheit mit dem, womit er am besten klar kam. Sie mit Tanzen, er mit Alkohol. Intensives Hoffen und intensives Verlangen seinerseits fixierten ihn nur noch auf sie. Während sie sich versuchte aus genau diesem Fixum zu befreien, indem sie das unternahm, was ihr Spaß machte …

 

Ein Paar, was sich nicht gleichberechtigt lieben kann. Ein Paar, wo Kontrolle und Kontrollverlust Oberhand finden. Wut und Schuld liegen dicht beieinander, so nah dass man manchmal beide Emotionen gleichzeitig empfindet.

 

Irgendwann viel später sah ich sie an der Bar sitzen. Sie war alleine zurückgekommen …

 

Diese Beiden schienen sich ihre gegenseitige Liebe nicht versichert zu haben. Ein eventuelles Aus, weil die Angst vor Zurückweisung überhand nahm. Es ist wohl eine nackte Tatsache im Leben, dass eine geliebte Person das Interesse verlieren oder jemanden finden kann, der begehrenswerter ist. Dieses Fallenlassen schmerzt und nagt sowie demoralisiert, wie sonst nichts.

 

Es scheint so, ehe man sich nicht der Liebe eines Partners vollkommen sicher ist, die Möglichkeit des Verlassenwerdens so übermächtig wird, dass Leidenschaft schon fast zum Zwang wird. Gefühle wie Eifersucht und Selbstzweifel sind Auslöser der Angst vor Zurückweisung. So gerät man leicht in die Spirale des nicht Geliebtwerdens, weil man selbst Angst vor der Liebe hat.

 

Wie sagte Freud schon? „Wir sind dem Leiden nie so schutzlos ausgeliefert wie zuzeiten des Verliebtseins.“

 

Meine Freundinnen und ich hatten einen sehr schönen Abend, lang war die Nacht, doch ließ mich dieses Erlebnis, welches ich beobachtete, nicht wirklich los.

 

Warum enden so viele Beziehungen, weil Menschen nicht in der Lage sind, sich ihrer Liebe offen zu stellen?

 

Warum finden sich zwei Menschen? Weil man auf einen Menschen trifft, welcher die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Dadurch fühlt man sich emotional gut … und … der Drang, die eigenen Bedürfnisse befriedigend zu sehen ist die Triebfeder für eine Vielzahl menschlicher Verhaltensweisen …

 

Sarah