Schneider
Versuchen Sie es doch wenigstens einmal mit ihm, sagte der Herr vom Arbeitsamt. Es gibt ja auch Unterstützung von uns. Und er ist wirklich ein ganz lieber Kerl, und insgesamt auch durchaus zuverlässig.
Nach einigen Gesprächen mit dem Chef und dem Werkstattmeister kam das "okay". Es war kein begeistertes okay, aber es war eines. Schneider konnte bei uns anfangen. Als Hilfsarbeiter. Unserer Firma ging es damals gut, wir waren im 3-Schicht-Betrieb und Samstagsarbeit war genehmigt worden. In drei Jahren war die Belegschaft angewachsen von 16 auf fast 70. Es gab genug zu tun für Schneider, das stand für mich fest. Das einzige was er nicht aushält, sagte sein Betreuer vom Arbeitsamt, sei Druck. Damit könne er nicht umgehen. Kriegen wir hin, antwortete der Werkstattmeister, der sein direkter Vorgesetzter sein würde.
Schneider erledigte seine Aufgaben gut. Beschriften, Teile in Paletten setzen, Maschinen warten, Chefs Auto sauber machen, und und und. Er hatte genug zu tun. Und keiner setzte ihn unter Druck. Schneider war höflich, aber auch sehr wortkarg. Ivo meinte, vielleicht sei er ja blöd. Aber da bekam er Contra von allen Seiten. Ivo, neugierig wie er nun mal war, wollte von mir wissen, was mit Schneider nicht stimme, warum er sich so absondere. Ivo, ich weiss es nicht. Habe nur eine Vermutung. Dass er irgendwas Furchtbares erlebt hat. Aber mit mir redet er auch nur das Nötigste. Aber weisst was: Wir gehen einfach normal mit ihm um. Dann passts für alle.
Wir waren alle überrascht, als sich Schneider in die Liste eintrug, wer am Staplerführerschein-Lehrgang teilnehmen wolle. Er war jetzt neun Monate bei uns, hatte sich sogar mit 2, 3 Leuten ein wenig angefreundet. Der Chef, der Meister und ich freuten uns, dass Schneider Eigeninitiative entwickelte. Ich fragte ihn: Sag mal, bist Du schon mal Stapler gefahren? Er sagte nur ja, nickte und lief weg. So war er halt. Ein wenig schmunzeln musste ich. Wenn Schneider Feierabend hatte: Wie er sich auf seinem Mofa in die Kurve legte vom Betriebsgelände auf die Strasse hinaus - da spürte man wie froh er war, Feierabend zu haben. Sein Gefühl von Freiheit sprang dann über.
Als Schneider sein einjähriges Jubiläum feierte, luden ihn der Meister und ich in ein gutes Restaurant ein. Der kleine Mann genoss den Abend in vollen Zügen. Aber reden: Nur das Nötigste. Genau so viel, um nicht unhöflich zu sein. Bei persönlichen Fragen kam seine Standardantwort: Nicht böse sein, ich will nicht drüber reden. Wir liessen es dann auch gut sein mit solchen Fragen. Als ihm der Meister sagte, dass er ab sofort 1,50 DM mehr bekäme auf die Stunde, strahlte er aber: Hmmm, dann reichts vielleicht endlich für ein Moped!! Fassungslos schaute ich ihn an: Sag mal, ich dachte du hättest nur Mofa-Führerschein?? Hab ich nicht gesagt, sagte er, und schaute mich gross an. Ha Du Dussel, hättest doch was gesagt. Bei mir in der Garage steht ein Moped rum, mit dem fahr ich 2, 3 mal im Jahr. Das kannste geschenkt bekommen. Sein Gesicht verhärtete sich von einer Sekunde auf die andere. Ich will nichts geschenkt! Ich schaute zum Meister, der zog nur die Achseln hoch. Gut sagte ich, dann schaust Du es Dir an. Wenn Du es willst: 100 DM, 20 Raten sind okay. Wenn Du es nicht willst, rostet es halt weiterhin allmählich in der Garage vor sich hin. Am nächsten Wochenende war Schneider stolzer Besitzer eines Mopeds. Die Raten kamen immer pünktlich.
Acht Wochen später: Herr worldlorenz, kommen Sie schnell. Der Schneider ist umgekippt! Ivo war, ohne anzuklopfen, in mein Büro gestürzt. Wo ist er jetzt? Im Sani-Raum. Ich sagte der entsetzten Sekretärin: Geben Sie dem Chef bitte Bescheid. Dann spurteten wir zum Saniraum.
Der Meister stand neben Schneider. Mindestens genau so blass wie Schneider. Nur, dass Schneiders Gesicht klitschnass war. Ich will ins Krankenhaus, sagte er mit ganz schwacher Stimme. Krankenwagen ist schon bestellt, sagte Uwe, der unser Erster-Hilfe-Mann war. Er kümmerte sich mit all seinem Können um den Patienten. Und einer der Freunde -wenn man das so sagen kann- vom Schneider: Uwe, sonst beinhart, war den Tränen nah. DER IST SCHULD. Sagt er zu mir, und zeigte auf den Meister. Bleibt bitte ruhig, auch wenns schwerfällt sagte ich. Und zum Meister: Kurt, komm bitte mit in den Besprechungsraum. Ein paar sehr giftige Blicke begleiteten Kurt, als wir den Sani-Raum verliessen.
Was war los, Kurt?? Hach, eigentlich nichts. Aber der sollte doch die Sendung fertigmachen, die Ersatzlieferung, wo wir eh schon Feuer unterm Dach haben. Und der war sooo langsam. Da sagte ich halt, er solle Gas geben.
Jetzt war ich auch wütend: Mensch Kurt, so kenn ich Dich gar nicht. Das war ja wohl Dein Idioten-Diplom. Du weisst doch, was sein Betreuer vom Arbeitsamt gesagt hat, und wir auch versprochen haben? Hoffentlich geht das gut aus!
Kurt wirkte äusserst verunsichert. So erlebte ich ihn nur alle Schaltjahre einmal. Tut mir ja auch leid, sagte er. Wusste doch nicht, dass das beim Schneider solche Auswirkungen hat.
Wir gingen wieder aus dem Zimmer. Der Krankenwagen war eingetroffen. War auch höchste Zeit, unser kleiner Kollege war inzwischen bewusstlos geworden.
Sie könne keine Auskunft geben, sagte abends die Dame am Empfang der Klinik. Aber Herr Schneider wünsche ausdrücklich keinen Besuch, von niemanden. Ein paar Kollegen und ich standen da wie begossene Pudel. Müssen wir respektieren, sagte ich schliesslich. Gehen wir halt wieder. Und zur Empfangsdame: Aber richten Sie ihm bitte aus oder lassen ausrichten, dass einige Kollegen von ihm da waren und wir ihm gute Besserung wünschen. Das sagte sie uns zu. Wenigstens das.
Über ein halbes Jahr hatte kein Mensch mehr was von Schneider gesehen, und gehört hatte ich von einem Arbeitsamt-Mitarbeiter, dass er weggezogen sei. Es gibt keine Zufälle. Trotzdem kam es mir als solcher vor, als ich meine Cousine in einer 50 Kilometer entfernten Stadt im Krankenhaus besuchen wollte. Und im Krankenhauspark den Schneider sah. Mit Gärtnergeschirr in der Hand. Er war in seine Arbeit vertieft. Im angrenzenden Mitarbeiterparkplatz erkannte ich mein altes Moped. Sollte ich Schneider ansprechen, oder ihn in Ruhe lassen? Ich überlegte kurz. Dann ging ich einfach auf ihn zu. Er sah mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Sauber, die Grünanlage. Dein Werk, Schneider? Er schaute mich an, sein Blick schien von weiter Ferne herzukommen. Meine Angst, dass er sich erschrecken würde, war unbegründet. Er blieb ganz gelassen. Nicht nur mein Werk, Herr worldlorenz, es gibt auch Kolleginnen und Kollegen. Aber es ist eine schöne Arbeit. Sie macht mir Spass. Ich lachte ihn freundlich an. Mensch, Herr Schneider, soviel haben Sie am Stück noch nie mit mir gesprochen. Eine Spur von Lächeln huschte über sein Gesicht. Sagen Sie Schneider und Du, wie bisher. Das bin ich so von Ihnen gewohnt.
Gut, dann halten wir das auch weiterhin so. Falls wir uns nochmals begegnen. Du siehst sehr erholt aus, hast auch zugenommen, wie ich sehe. Er nickte.
Die Pflanzen sind meine Freunde, kam es kaum hörbar über seine Lippen.
Ich glaube Dir gerne, dass Dir Deine Freunde und die Arbeit in der frischen Luft guttun. Aber jetzt muss ich weiter, einen Krankenbesuch machen. Tschüss Schneider, alles Gute! Ja Ihnen auch, Herr worldlorenz. Schneider hielt bereits wieder einen Zweig in der Hand und begutachtete ihn. Ich bekam nicht mehr mit, ob er ihn schnitt oder was er sonst mit ihm vorhatte.
Ich sah ihn auch nie mehr. Aber immer wenn ich an der Klinik vorbei komme, schaue ich mir das Grün ums Haus an. Und -Respekt- das könnte gepflegter nicht sein.
--copyright rolf worldlorenz--
Schneider erledigte seine Aufgaben gut. Beschriften, Teile in Paletten setzen, Maschinen warten, Chefs Auto sauber machen, und und und. Er hatte genug zu tun. Und keiner setzte ihn unter Druck. Schneider war höflich, aber auch sehr wortkarg. Ivo meinte, vielleicht sei er ja blöd. Aber da bekam er Contra von allen Seiten. Ivo, neugierig wie er nun mal war, wollte von mir wissen, was mit Schneider nicht stimme, warum er sich so absondere. Ivo, ich weiss es nicht. Habe nur eine Vermutung. Dass er irgendwas Furchtbares erlebt hat. Aber mit mir redet er auch nur das Nötigste. Aber weisst was: Wir gehen einfach normal mit ihm um. Dann passts für alle.
Wir waren alle überrascht, als sich Schneider in die Liste eintrug, wer am Staplerführerschein-Lehrgang teilnehmen wolle. Er war jetzt neun Monate bei uns, hatte sich sogar mit 2, 3 Leuten ein wenig angefreundet. Der Chef, der Meister und ich freuten uns, dass Schneider Eigeninitiative entwickelte. Ich fragte ihn: Sag mal, bist Du schon mal Stapler gefahren? Er sagte nur ja, nickte und lief weg. So war er halt. Ein wenig schmunzeln musste ich. Wenn Schneider Feierabend hatte: Wie er sich auf seinem Mofa in die Kurve legte vom Betriebsgelände auf die Strasse hinaus - da spürte man wie froh er war, Feierabend zu haben. Sein Gefühl von Freiheit sprang dann über.
Als Schneider sein einjähriges Jubiläum feierte, luden ihn der Meister und ich in ein gutes Restaurant ein. Der kleine Mann genoss den Abend in vollen Zügen. Aber reden: Nur das Nötigste. Genau so viel, um nicht unhöflich zu sein. Bei persönlichen Fragen kam seine Standardantwort: Nicht böse sein, ich will nicht drüber reden. Wir liessen es dann auch gut sein mit solchen Fragen. Als ihm der Meister sagte, dass er ab sofort 1,50 DM mehr bekäme auf die Stunde, strahlte er aber: Hmmm, dann reichts vielleicht endlich für ein Moped!! Fassungslos schaute ich ihn an: Sag mal, ich dachte du hättest nur Mofa-Führerschein?? Hab ich nicht gesagt, sagte er, und schaute mich gross an. Ha Du Dussel, hättest doch was gesagt. Bei mir in der Garage steht ein Moped rum, mit dem fahr ich 2, 3 mal im Jahr. Das kannste geschenkt bekommen. Sein Gesicht verhärtete sich von einer Sekunde auf die andere. Ich will nichts geschenkt! Ich schaute zum Meister, der zog nur die Achseln hoch. Gut sagte ich, dann schaust Du es Dir an. Wenn Du es willst: 100 DM, 20 Raten sind okay. Wenn Du es nicht willst, rostet es halt weiterhin allmählich in der Garage vor sich hin. Am nächsten Wochenende war Schneider stolzer Besitzer eines Mopeds. Die Raten kamen immer pünktlich.
Acht Wochen später: Herr worldlorenz, kommen Sie schnell. Der Schneider ist umgekippt! Ivo war, ohne anzuklopfen, in mein Büro gestürzt. Wo ist er jetzt? Im Sani-Raum. Ich sagte der entsetzten Sekretärin: Geben Sie dem Chef bitte Bescheid. Dann spurteten wir zum Saniraum.
Der Meister stand neben Schneider. Mindestens genau so blass wie Schneider. Nur, dass Schneiders Gesicht klitschnass war. Ich will ins Krankenhaus, sagte er mit ganz schwacher Stimme. Krankenwagen ist schon bestellt, sagte Uwe, der unser Erster-Hilfe-Mann war. Er kümmerte sich mit all seinem Können um den Patienten. Und einer der Freunde -wenn man das so sagen kann- vom Schneider: Uwe, sonst beinhart, war den Tränen nah. DER IST SCHULD. Sagt er zu mir, und zeigte auf den Meister. Bleibt bitte ruhig, auch wenns schwerfällt sagte ich. Und zum Meister: Kurt, komm bitte mit in den Besprechungsraum. Ein paar sehr giftige Blicke begleiteten Kurt, als wir den Sani-Raum verliessen.
Was war los, Kurt?? Hach, eigentlich nichts. Aber der sollte doch die Sendung fertigmachen, die Ersatzlieferung, wo wir eh schon Feuer unterm Dach haben. Und der war sooo langsam. Da sagte ich halt, er solle Gas geben.
Jetzt war ich auch wütend: Mensch Kurt, so kenn ich Dich gar nicht. Das war ja wohl Dein Idioten-Diplom. Du weisst doch, was sein Betreuer vom Arbeitsamt gesagt hat, und wir auch versprochen haben? Hoffentlich geht das gut aus!
Kurt wirkte äusserst verunsichert. So erlebte ich ihn nur alle Schaltjahre einmal. Tut mir ja auch leid, sagte er. Wusste doch nicht, dass das beim Schneider solche Auswirkungen hat.
Wir gingen wieder aus dem Zimmer. Der Krankenwagen war eingetroffen. War auch höchste Zeit, unser kleiner Kollege war inzwischen bewusstlos geworden.
Sie könne keine Auskunft geben, sagte abends die Dame am Empfang der Klinik. Aber Herr Schneider wünsche ausdrücklich keinen Besuch, von niemanden. Ein paar Kollegen und ich standen da wie begossene Pudel. Müssen wir respektieren, sagte ich schliesslich. Gehen wir halt wieder. Und zur Empfangsdame: Aber richten Sie ihm bitte aus oder lassen ausrichten, dass einige Kollegen von ihm da waren und wir ihm gute Besserung wünschen. Das sagte sie uns zu. Wenigstens das.
Über ein halbes Jahr hatte kein Mensch mehr was von Schneider gesehen, und gehört hatte ich von einem Arbeitsamt-Mitarbeiter, dass er weggezogen sei. Es gibt keine Zufälle. Trotzdem kam es mir als solcher vor, als ich meine Cousine in einer 50 Kilometer entfernten Stadt im Krankenhaus besuchen wollte. Und im Krankenhauspark den Schneider sah. Mit Gärtnergeschirr in der Hand. Er war in seine Arbeit vertieft. Im angrenzenden Mitarbeiterparkplatz erkannte ich mein altes Moped. Sollte ich Schneider ansprechen, oder ihn in Ruhe lassen? Ich überlegte kurz. Dann ging ich einfach auf ihn zu. Er sah mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Sauber, die Grünanlage. Dein Werk, Schneider? Er schaute mich an, sein Blick schien von weiter Ferne herzukommen. Meine Angst, dass er sich erschrecken würde, war unbegründet. Er blieb ganz gelassen. Nicht nur mein Werk, Herr worldlorenz, es gibt auch Kolleginnen und Kollegen. Aber es ist eine schöne Arbeit. Sie macht mir Spass. Ich lachte ihn freundlich an. Mensch, Herr Schneider, soviel haben Sie am Stück noch nie mit mir gesprochen. Eine Spur von Lächeln huschte über sein Gesicht. Sagen Sie Schneider und Du, wie bisher. Das bin ich so von Ihnen gewohnt.
Gut, dann halten wir das auch weiterhin so. Falls wir uns nochmals begegnen. Du siehst sehr erholt aus, hast auch zugenommen, wie ich sehe. Er nickte.
Die Pflanzen sind meine Freunde, kam es kaum hörbar über seine Lippen.
Ich glaube Dir gerne, dass Dir Deine Freunde und die Arbeit in der frischen Luft guttun. Aber jetzt muss ich weiter, einen Krankenbesuch machen. Tschüss Schneider, alles Gute! Ja Ihnen auch, Herr worldlorenz. Schneider hielt bereits wieder einen Zweig in der Hand und begutachtete ihn. Ich bekam nicht mehr mit, ob er ihn schnitt oder was er sonst mit ihm vorhatte.
Ich sah ihn auch nie mehr. Aber immer wenn ich an der Klinik vorbei komme, schaue ich mir das Grün ums Haus an. Und -Respekt- das könnte gepflegter nicht sein.
--copyright rolf worldlorenz--
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