Schöne Menschen werden bewundert, beneidet, bevorzugt. Schöne Menschen verdienen mehr, werden öfter befördert und haben größere Aussichten ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Wirklich? Oder denken wir das nur? Sicher ist jedoch, dass das Äußere eines Menschen das Erste ist, was uns an ihm auffällt. Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden ordnen wir unser Gegenüber ein. Schublade im Gehirn auf, Mensch rein, Schublade wieder zu. Allerdings spielen Erfahrungen die wir mit Menschen eines ähnlichen Typus zuvor gemacht haben, auch eine Rolle. Und eben das Erscheinungsbild unseres Gegenübers. Nur wenn wir das als angenehm empfinden, fühlen wir uns von dem Menschen angezogen. Oft genug erleben wir aber, dass wir –manchmal schon nach kurzer Zeit- die ein oder andere Schublade wieder öffnen müssen, den Menschen „heraus holen“ und unser oft vorschnelles Urteil bzw. Vorurteil revidieren müssen.
Aber wieso ist das Äußere eines Menschen für viele das Wichtigste oder Einzige, auf das sie sich konzentrieren?
Sind wir so visuell geworden, interessiert uns nur noch der schöne Schein? Was macht einen Menschen schön und heißt es nicht, Schönheit liegt im Auge des Betrachters? Was der eine als schön empfindet, muss der andere nicht genauso sehen. Die Ebenmäßigkeit eines Gesichtes, glänzendes langes Haar, ein wohl geformter Körper, bedeuten diese Attribute bei einer Frau automatisch, dass sie schön ist? Muss sie faltenfrei, schlank und straff sein, um als schön zu gelten? Das ist das, was uns die Medien vermitteln. Sind wir bei einem Mann großzügiger? Da stören ein paar Falten und Hautunebenheiten weniger, da kommt es auf einen muskulösen Körper an, den Rest kann der Mann mit Ausstrahlung und Charme wett machen. Die Frau nicht? Dann gibt es noch jene, die die Meinung vertreten, Geld und Macht würden einen Mann attraktiver machen. In wie fern? Ändern wir nicht einfach nur das Bild vor unserem geistigen Auge, dass wir von dem anderen haben, während das Äußere des Menschen jedoch das Selbe bleibt? Ändert nicht auch die Liebe, die wir für einen anderen Menschen empfinden dieses Bild? Wird damit ein Mensch für uns schön, den andere nicht als solches ansehen? Weil wir ihn nicht mehr mit den Augen, sondern mit dem Herzen „sehen“? Nur bis es soweit ist, dass wir einen anderen Menschen lieben, dauert es seine Zeit. Also muss schon zuvor eine Anziehungskraft bestanden haben, die nicht immer auf Attraktivität beruhen kann. Vielleicht werden einige Menschen von Schönheit weniger angezogen als andere. Vielleicht fürchten sie sie sogar, weil sie sich selber nicht als schön empfinden. Sie glauben nicht, dass sie einen anderen attraktiven Menschen für sich gewinnen können, weil sie es selbst nicht sind. Und ein Mensch, der sich selbst als sehr schön ansieht, wünscht sich einen ebensolchen Menschen an seiner Seite. Das erklärt die vielen Paare, die uns mit ihrer Schönheit blenden, weil sie weder in ihrem Inneren noch in ihrer Beziehung zueinander genauso schön sind. Sie führen sicher keine glücklichere und erfülltere Beziehung als ein weniger schönes Paar. Und auch wenn zwei in ihrer Schönheit und wegen ihrer Äußerlichkeiten perfekt zueinander passen, auch perfekt zu harmonieren scheinen, muss das nicht so sein.
Schöne Menschen müssen nicht zwangsläufig oberflächlich sein, doch wenn ihnen ihre Schönheit und die ihres Partners wichtiger sind, als alles andere, dann sind sie es. Und weit davon entfernt, perfekt zu sein.
Warum ist die Optik für uns so wichtig? Viele Frauen (aber auch Männer), die jeden Morgen viel Zeit und Mühe für ihr Äußeres verwenden, sagen, dass sie das für sich selber tun, nicht für andere. Aber ist das die Wahrheit? Würden all diese Menschen die gleiche Zeit und Mühe aufwenden, wenn sie alleine auf der Welt wären oder auf einer einsamen Insel leben würden? Machen sie sich nicht doch die Mühe, damit sie in den Gesichtern der anderen, Anerkennung, Bewunderung oder gar Neid sehen? Und dafür nehmen sie oft auch Botox Behandlungen, Hyaluron Unterspritzungen, Gesichtsstraffungen oder andere Operationen in Kauf. Sie glauben, nur wenn sie perfekt aussehen, finden sie einen Menschen, der sie liebt und werden glücklich. Schönheit= Glück, diese Rechnung kann nicht aufgehen. Im tiefsten Inneren bleiben sie der Mensch, der sie waren. Eine Schönheitsoperation ändert das Aussehen, die Zweifel und Ängste, die im Inneren verborgen lauern, bleiben jedoch bestehen. Wenn man meint, sie mit der Operation der zu großen Nase zu bannen, werden sie sich ihren Weg über ein anderes Körperteil, das vermeintlich hässlich ist, suchen. Eine Psychotherapie wäre eine sinnvollere Alternative. Aber wir ändern lieber unser Aussehen, um attraktiv zu sein, als an unserer Persönlichkeitsstörung zu arbeiten.
Wir sollten aufhören, uns von Schönheit blenden zu lassen. Auch wenn uns das unser Verstand bereits sagt, muss die Erkenntnis darüber, doch oft genug noch unser Herz erreichen. Und mit dem sollten wir „sehen“, nicht nur mit unseren Augen, da diese eben nur den schönen Schein wahrnehmen. Davon abgesehen frage ich mich, wie es überhaupt sein kann, dass Äußerlichkeiten in unserem Leben so viel mehr Raum einnehmen, als menschliche Größe, wie Ehrlichkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Sollten wir das Glück in unserem Leben nicht mehr als auf einem schönen Äußeren (dem unseren und dem der anderen) auf bauen?
