Wer aktiv im Leben steht, wird häufig mit den unterschiedlichsten Menschentypen konfrontiert. Da hilft es oft, sich so schnell wie möglich ein Bild von jemandem zu machen, das einem eine gewisse Sicherheit im Umgang mit ihm gibt.
3 Beispiele.
- Da begegnet mir die stark gestylte Frau Mitte 40, und ich wehre mich gegen meinen ersten Gedanken, der mich beschleicht, denn sie kann diese Wirkung ebenso gut für ihren Beruf brauchen und muss nicht unbedingt Männer damit einfangen wollen.
- Da öffne ich dem gut gekleideten Mann meine Tür, der selbstsicher auftritt und mir in wohlgesetzten Worten mitteilt, er müsse mich mal einen Augenblick sprechen. Er muss nicht unbedingt ein Vertreter sein, den ich abweisen würde, sondern er kann ein ganz anderes Anliegen haben.
- Da kommt meine kleine Tochter und legt den Kopf zur Seite. „Papa?“ fragt sie langgezogen und checkt meine Reaktion. Sie muss nicht unbedingt eine Aufladung für ihr Handy haben wollen. Es kann auch ebenso gut sein, dass sie meine Aufmerksamkeit für ein Problem mit ihren Mitschülern braucht.
Genug der Beispiele für Schubladendenken. Hier der Anlass zu meinen Überlegungen:
Da helfe ich einem Nachbarn ohne dessen Bitte oder gar Aufforderung, weil in seinem Garten die Wasserleitung geplatzt und er nicht erreichbar ist. Fluten von Wasser ergießen sich auf seinen Rasen und spülen die Erde weg. Ich weiß, wo das Wasser außen abgestellt werden kann, weil das in meiner Doppelhaushälfte genau so geht. Ich drehe also den Haupthahn zu und informiere ihn telefonisch.
- Am nächsten Tag fragt er mich, was mich seine Probleme überhaupt angingen, anstatt sich zu bedanken.
Ich bin sprachlos. Was muss das für ein Arschloch sein, wen er so reagiert? Welche Antwort soll ich geben?
Jetzt könnte ich mich bspw. daran erinnern, dass er als Fahrer bei der Bundeswehr die Großen Tiere fährt und seine Frau bei der KFZ-Zulassungsstelle arbeitet und sein Sohn freiwillig als Soldat in Afghanistan war. Ich kann ihn und seine Frau deshalb als Behördenknechte beschimpfen, die zu faul zum arbeiten seien und sich wegen der finanziellen Sicherheit beim Staat prostituieren.
Ich könnte auch verächtlich abwinken und die Leute für schwachsinnig halten und nicht ernst nehmen.
Ich kann aber auch überlegen, ehe ich reagiere.
Meine Analyse:
- Stimmt. Vor 16 Jahren war es. Ich kam aus dem Westen und zog in ein neu erbautes Reihenhaus im Osten. Wir stellten uns als Nachbarn einander vor und ich erzählte plaudernd von mir, woher ich käme und was ich so mache, und mein Nachbar und seine Frau schwiegen und lächelten zurückhaltend. So wie sie im Osten erzogen waren.
- Ich kenne dieses Verhalten von meinen Schwiegereltern
Dei beiden müssen gedacht haben: was für ein Angeber. Der erzählt so viel von sich selber; ein Besserwessi und deshalb durch und durch unsympathisch.
Tja, und von da ab gab es nicht mehr als „Guten Tag und Guten Weg“ zwischen uns, und ich habe all die Jahre nicht gewusst, ab deren Verhalten ihrem Naturell entsprach oder was ich falsch gemacht haben könnte. Jetzt, durch den Wasserrohrbruch, kam es zu einem von Seiten des Nachbarn ungewollten Kontakt, und er empfand meine Hilfe als unangenehm und belastend.
Die müssen selbst mein Wasser-Abstellen als Bevormundung aufgefasst haben.
Und ich? Was muss ich jetzt tun?
- Ich werde auch weiter grüßen, helfen, wenn es notwendig sein sollte, denn Schubladendenken ist in diesem Fall völlig unangebracht, weil die eher zurückhaltenden Nachbarn bestimmt nicht aus Bosheit so reagiert haben. Und das Thema ansprechen werde ich auch nicht...
Oder was meint ihr?
