Während draußen die Sirenen heulten und der Tod allgegenwärtig war, wurden drinnen Kinder geboren.

Gerda war seit 30 Jahren Nonne, seit 25 Jahren Krankenschwester auf der Wöchnerinnenstation, wurde auch zu Hausgeburten gerufen. Jetzt, mitten im Krieg, war man im Krankenhaus besser aufgehoben, denn auf den Straßen war oft kein Durchkommen. Es wäre auch nicht von Nutzen, würde Gerda von einem Tiefflieger abgeballert.

 

Wie immer schienen sich die Frauen verabredet zu haben, gleichzeitig zu gebären. Mit Sorge sah Gerda auf die nicht mehr ganz so junge Frau, die ihr drittes Kind unter dem Herzen trug. Die ersten Kinder der Familie X. waren gleich nach der Geburt gestorben und auch diese Schwangerschaft war alles andere als normal verlaufen.

 

Sie setzte das hölzerne Rohr auf den runden Bauch. Die Herztöne gefielen Gerda gar nicht. Die Familie wohnte nicht weit vom Kloster entfernt, war ihr gut bekannt  und hätte gut für ein Kind sorgen können. Die Ehe schien inzwischen unter der Kinderlosigkeit zu leiden, doch die Eheleute waren zu gottesfürchtig, um sich zu trennen oder andere Partner zu suchen. Sie litten stumm vor sich hin.

 

Herr X. hatte ein Bein verloren bei einem Unfall unter Tage. Nun verhinderte dieses Unglück seinen Einsatz an der Front. So gut er konnte sorgte er an den Bunkern für Ordnung, wenn wieder einmal alle Menschen bei Alarm in großer Panik angestürzt kamen. Seine ruhige Art besänftigte jeden und er war beliebt. Gerda war überzeugt, dass er ein wunderbarer Vater wäre.

 

Im Nebenbett, das nur durch eine spanische Wand abgetrennt war, schrie eine junge Frau auf. Auch bei ihr hatten die Presswehen eingesetzt. Drei andere Frauen hatten zwar Wehen, doch würde es bei ihnen bis zur Geburt noch eine Weile dauern.

 

Laute, harte Schritte klangen auf dem Gang. Ohne anzuklopfen flog die Türe auf und drei Männer in Uniform stürmten herein.

„Wer ist Sarah G.?“

„Was fällt ihnen ein? Dies ist der Kreißsaal, da haben Männer nichts zu suchen! Scheren sie sich sofort heraus, “ brüllte Gerda .

Sie war eine hochgewachsene Frau von kräftiger Figur, dem großen Herzen eines Wales, der Stimme eines Generals und dem Gemüt eines Engels.

„Wir müssen die Jüdin sofort verhaften, “ brüllte der Ranghöchste

.„Sie werden gefälligst wiederkommen, wenn das Kind geboren ist! Die Frau kann nicht laufen, wollen sie sie tragen?“

„Sie übernehmen die Verantwortung, “ befahl der brüllende Mann und kündigte sein Erscheinen für vier Uhr am Nachmittag an.

 

Gerade bäumte sich Frau X. auf, die war leichenblass. Schnell prüfte Gerda die Herztöne des Kindes. Sie waren nicht zu hören. Innerlich schickte sie ein Gebet zum Himmel „Herrgott, so schenk doch der armen Frau endlich ein gesundes Kind! Was hat sie dir getan, dass du sie so strafst?“

 

Wieder bäumte Frau X. sich stöhnend auf.

„Ich gebe ihnen etwas gegen die schlimmsten Scherzen, “ beruhigte Gerda und stach die Nadel in die Vene.

Kurz darauf schlief Frau X. Gerda presste ihre Hände fest auf den Bauch der Ohnmächtigen und das Kind kam heraus. Diesmal tat es noch nicht einmal einen ersten Schrei, es war schon tot.

Ein kleiner Bub mit dunklem Haar. Gerda nahm das Kind und wickelte es in ein Tuch. Sie legte es auf den kleinen Tisch mit den Instrumenten, denn in diesem Moment war deutlich zu sehen, dass das Kind der jungen Jüdin schon in der Scheide steckte. Nach einer weiteren Wehe wurde der kleine Junge mit dem letzten Schwall Fruchtwasser aus seiner Mutter gepresst.

 

Ein süßer Kerl! Mutig öffnete er die kleinen Äuglein und begrüßte die Anwesenden mit einem kräftigen Schrei, wurde danach aber sofort leiser und sah seine Mutter an. Die brach in Tränen aus.

 

 Eine vor Freude weinende Mutter war für Gerda nicht neu. Es kam vor, dass sie gemeinsam mit der Mutter ein paar Tränen der Rührung vergoss, trotz all der vielen Kinder, die mit ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickt hatten.

Dieses Weinen war anders. Die junge Frau zog Gerda an der Schürze nahe zu sich und flüsterte ihr zu

„Sie werden uns beide töten. Seinen Vater haben sie schon erschossen. Sie haben die ganze Familie geholt. Die sind alle in die Züge gekommen und niemand kehrt von da zurück, das wissen wir doch! Mein Jakob soll leben! Bitte!“

 

Große Tränen kullerten aus den dunklen Augen der jungen Frau. Heute ist wieder so ein Scheiß-Tag, dachte sich Gerda und sah auf die betäubte Frau X. Was für eine Welt!

Da wollte jemand unbedingt ein Kind und hatte eine Totgeburt, im Nebenbett lag ein gesundes, hübsches Kind und war doch dem Tode geweiht. Tränen rollten nun auch über Gerdas Wangen. Sie bekam gleichzeitig Wut über all die Ungerechtigkeit. Wo war Gott jetzt? Segnete er gerade die Bomben, damit die gut detonierten? Obwohl Gerda Ordensschwester war und eine Braut Jesu, haderte sie an solchen Tagen mit Gott. Er könnte seine Pflichten als Vater der Menschheit besser erfüllen, fand sie.

 

Der Blick der jungen Frau ging zu dem leblosen Bündel auf dem Tisch zwischen ihrem und dem Bett von Frau X. Dann sah sie Gerda eindringlich in die Augen, küsste ihren Sohn und streckte die Hand nach dem Bündel aus. Gerda verstand. Schnell schlug die eines der gleich aussehenden Tücher um den strampelnden Knaben, zog das tote Kind vom Tisch und legte es in die Arme der tapferen, jungen Mutter. Die legte ihren Kopf an das Bündel und weinte bitterlich.

 

Schnell windelte Gerda den Knaben, zog ihm Hemdchen und Strampelanzug an, überprüfte vorher noch Reflexe und Temperatur. Alles war völlig in Ordnung. Sie überprüfte Puls und Blutdruck bei Frau X., zog einen ihrer Arme etwas vom Körper weg und legte das Kind in die Mulde hinein. Der Kleine nuckelte an seinem Fäustchen und schlief bald darauf ein.

 

Nun war es an der Zeit, nach den anderen Wöchnerinnen zu schauen. Zwei von ihnen schickte Gerda auf den Flur, wo sie auf und ab gehen sollten, um die Wehentätigkeit zu erhöhen. Die dritte Frau sah Gerda seltsam an. Hatte sie etwas mitbekommen?„Das eine Kind hat ja gar nicht geweint, stimmt da etwas nicht? “ Angstvoll sah sie Gerda an.„Es wurde tot geboren, “ flüsterte Gerda tonlos und schlug die Hände vors Gesicht.

 

Die Frau stand auf und ging trotz ihrer Wehen zum Bett der weinenden Mutter. Sie strich ihr über den Kopf und bat darum, das tote Kind sehen zu dürfen.

„Ein hübsches Kind. Die dunklen Haare hatte es wohl von ihnen. Gott brauchte einen wunderschönen, kleinen Engel, darum hat er ihnen das Kind genommen. Sie werden andere Kinder bekommen!“

Weinend nickte die junge Frau, die es besser wusste. Sie würde gewiss keine Kinder mehr bekommen, nicht in diesem Leben.

 

Zaghaft klopfte es an die Türe. Mit verweintem Gesicht öffnete Schwester Gerda die Türe.Herr X. erbleichte.

„Ist wieder was mit dem Kind? Ist es wieder tot?“ Mit einem Schluchzer schlug er die Hände vors Gesicht.

Die Nonne beruhigte ihn. „Nein, diesmal hat Gott einer anderen Mutter das Kind genommen. Ihr Sohn ist völlig gesund und schläft neben seiner Mutter.“

 

Gerda tat etwas, was damals unüblich war. Sie holte den Vater in den Kreißsaal. Schob die spanische Wand in die Mitte des Raumes, so, dass die junge Mutter einen Blick auf den zukünftigen Vater werfen konnte. Der hatte inzwischen das Kind aus den Armen seiner immer noch schlafenden Frau genommen und küsste die kleinen Fäustchen.

„Oh Gott! Das ist das schönste Kind der Welt! Er hat mein dunkles Haar geerbt und sehen sie mal, Schwester Gerda, sieht seine Nase nicht genau so aus wie meine?“

Gerda legte den Kopf schief und meinte nach einer Weile

„Mir scheint, sie ist ein winziges Stück kleiner, “ wobei sie ihr sanftes Lächeln auf den Lippen hatte.

Lachend winkte der junge Vater ab.

„Das wird noch, was, Peterle?“

Zärtlich sah er seinen Sohn an und strich über die Hand seiner Frau.Diese Gesten wurden genau von der jungen Frau mit dem leblosen Bündel im Arm beobachtet und ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

 

„Hat sie sich sehr quälen müssen?“ Unsicher sah er Schwester Gerda an.

„Ich würde von einer weiteren Schwangerschaft abraten. Sie haben jetzt ihren Stammhalter und was bringt es, wenn sie bei der nächsten Schwangerschaft ihre Frau statt eines Kindes zum Friedhof bringen müssen?“

Herr X. nickte und würde dafür sorgen, dass seinem Sohn die Mutter erhalten blieb.

 

Peterle wurde wach und quengelte. Schnell ging Gerda ins Nebenzimmer und kam mit einem Milchfläschchen wieder. Das reichte sie dem stolzen Vater und erklärte

„Ihre Frau hat noch keine Milch. Sie werden eine Amme brauchen oder auf Pulvermilch zurück greifen müssen.“

„Meine Schwester hat eine Tochter von sechs Monaten und so viel Milch, die nässt ständig ihre Blusen ein. Daran soll es also nicht hapern.“

Sein Geschick beim Füttern des Kindes zeigte, dass er seine Schwester sehr oft besucht hatte.

 

Mit einem Poltern flog die Türe auf und die schweren Stiefel trampelten herein.

„Bis vier ist keine Zeit! Der Zug wartet!“

Barsch zischte er die beiden Frauen an, die hinten im Zimmer lagen.

“Wer ist Sarah G.?“

„Die Frau hat gerade eine Totgeburt hinter sich! Lassen sie ihr doch wenigstens noch ein paar Tage Ruhe, “ flehte Schwester Gerda doch der Soldat schob sie rüde zur Seite.

„Dann hat der Balg es ja hinter sich, “ grinste er roh und Gerda bekreuzigte sich

„Dafür wird der Herrgott sie strafen, “ fauchte Gerda doch der Mann meinte, besser der Herrgott strafe ihn als der Führer.

 

Mit offenem Mund und vor Entsetzen weit geöffneten Augen sah Herr X. zu, wie sie die Jüdin aus dem Bett rissen und sie nur mit dem fleckigen Nachthemd bekleidet aus dem Zimmer zerrten.

Er merkte erst als sein Kind zu weinen begann, dass er es zu fest an sich drückte.

Das Bündel mit dem toten Baby hatten sie einfach wie Müll wieder auf das Bett geworfen

Herr X. stöhnte auf.„Solche Barbaren! Wie können die sowas machen? Was wird nun mit dem Kind?“

Schwester Gerda zuckte mit den Schultern.

„Wir haben so viel Glück erfahren, ich möchte etwas davon weitergeben. Wir werden das Kind begraben, so, wie wir unsere Kinder begraben haben!“

Herr X. schien fest entschlossen.

„Der Kleine sollte Jakob heißen, “ erinnerte sich Gerda.

„Das wird dann der zweite Name für unser Peterle. In Erinnerung an dieses arme Geschöpf!“

 

„Peter?“ Schwach kam die Stimme aus dem Bett neben der Türe.

„Liebling! Wir haben einen wunderschönen Sohn bekommen! Er soll Peter Jakob heißen, was hältst du davon?“

„Das Kind lebt? Ich hatte solche schreckliche Angst! Bring ihn mal zu mir, ich muss ihn doch auch sehen!“

 

Während die frischgebackenen Eltern sich einig wurden, dass Peter Jakob Vaters Nase und Haare, jedoch den Mund und die Öhrchen von der Mama hatte, trug Schwester Gerda die Kinder ins Geburtenbuch ein.

Peter Jakob X. sechs Pfund, 52 cm

? G. Totgeburt eines Jungen

 

Peter Jakob war das erste von 11 Kindern, die Schwester Gerda insgeheim ihre Kinder nennt.