Samstag, 02.10.2010. Frühstück 07:30 Uhr.
Das Frühstück in der 1. Phase der Essstruktur sieht so aus. 1 Portion Frischkornbrei, 1 Vollkornbötchen oder 2 Scheiben Brot, 1 abgemessene Portion Butter, je einen salzigen Belag (Wurst oder Käse) und 1 süßen Belag (Marmelade oder Honig. 2 kleine Tassen Kaffee mit oder ohne Milch, keinen Zucker, ungesüßten Tee (Kräutertee oder Früchtetee unbegrenzt). Die Portion muss gegessen werden. Mir erscheint sie viel zu viel, wie alle Portionen, egal ob Mittag oder Abendessen. Das Essen ist insgesamt ausgesprochen gut und schmackhaft, selbst in besten Restaurants habe ich nicht besser gegessen. Man hat die Möglichkeit auszusuchen, Nach vitalstoffreicher Vollwertkost mit Fleisch und Fisch, oder vegetarisch bzw. vegan. Auch wird auf ärztliche Verordnungen bei Unverträglichkeit Rücksicht genommen. Eine Mitpatientin in der Essstruktur hat einige Unverträglichkeiten, von Milchprodukten zu Äpfeln und Tomaten. Nach 6 Wochen in der Essstruktur wurde ihr empfohlen doch das eine oder andere auszuprobieren, was sie auch tat und siehe da, am Ende ihrer Behandlungszeit war sie nicht nur 10 kg leichter, sie konnte auch alles essen. Auch ihre Lactoseunverträglichkeit gab es nicht mehr.
Doch an diesem Samstag stehe ich noch am Anfang und bin skeptisch.
Nach dem Frühstück Komitee der therapeutischen Gemeinschaft, Komitee wird immer auch begleitet von Therapeuten. Samstags werden keine großen Themen behandelt, da dann nur ein Therapeut zur Verfügung steht. Heute stehen wir, die Neuen im Vordergrund.
Ich werde gefragt, wie geht es dir?
Hast du dich schon eingelebt?
Wie geht es dir in der Gemeinschaft?
Hast du Heimweh?
Brauchst du etwas für das Wochenende und wie siehst du dem Wochenende entgegen?
Hast du deine Koffer schon ausgepackt?
Nachdem wir Neuen uns dazu geäußert haben, wird noch einiges organisatorisches besprochen. Diensteliste für die Woche, die noch nicht vollständig ist. Wanderung am Sonntag etc.
Danach ist ein Infovortrag. Der Chefarzt der Klinik hält einen Vortrag über Einstellungssätze. Das sind Sätze die die Einstellung zum Leben verändern sollen. Patienten im Komitee, in Meetings, in den Gruppen stellen sich mit diesem Einstellsatz vor dem Namen vor. Es war mir schon aufgefallen und ich hatte mich gewundert über Sätze wie z.B. Ich habe das Recht auf Leben, oder ich bin wertvoll mit all meinen Gefühlen etc..
Dann Mittagessen und Wochenende. Ich habe Zeit die anderen kennenzulernen. 120 Patienten können aufgenommen werden, aufgeteilt in 2 Gemeinschaften A und B, diese wieder unterteilt in je 10 Kerngruppen, die von den jeweiligen Kerngruppentherapeuten in Einzelgesprächen und 3 x die Woche in Gruppengesprächen betreut werden, zusätzlich zu den Gemeinschaftskomitees, die 5 x die Woche stattfinden, immer mit einem Team der Therapeuten.
Ich erfahre von bonden, von meditativem Atmen, von Körpertherapien, von Familienaufstellen, von Body Art, Hütten-Marathon, Hippotherapie, therapeutisches Wandern und vieles mehr. Dies alles wird immer von erfahrenen Psychologen und Therapeuten geleitet. Für mich sind das alles böhmische Dörfer, doch ich höre interessiert zu, denn ich bin bereit mich auf alles einzulassen, da die klassische ambulante Psychotherapie mich bisher nicht weiter gebracht hat und Psychiater und Krankenkasse mir eine Klinik mit ganzheitlichem Konzept empfohlen haben, unter anderem diese, in der ich jetzt bin.
Unter dem Begriff therapeutische Gemeinschaft kann ich mir immer noch nichts vorstellen, doch ist es nicht so, dass wir uns gegenseitig behandeln, dies habe ich schon herausgefunden (im nach hinein muss ich herzlich über diese Vorstellung lachen). So vergeht der Samstag. Nach dem Abendessen besuche ich noch ein Meeting. Meeting sind Selbsthilfegruppen nach dem Konzept der AA. Ich gehe in EKS (erwachsene Kinder suchtkranker Eltern und oder disfunktionaler Familien).
Typische Schwierigkeiten
von "Erwachsenen Kindern":
Wir sind wieder an eine suchtkranke oder anders abhängige Person geraten.
Wir fürchten uns davor, verlassen zu werden.
Wir kümmern uns lieber um andere als um uns selbst.
Wir möchten alles unter Kontrolle haben.
Wir sind ständig im Stress.
Es macht uns Mühe zu vertrauen oder wir vertrauen falschen Personen.
Wir fühlen uns ängstlich unter fremden Menschen und gegenüber Autoritätspersonen
Wir haben Angst vor persönlicher Kritik und möchten auf keinen Fall Fehler machen.
Wir fühlen uns minderwertig, nicht genug (perfekt), anders als die anderen.
Wir haben zu viel Verständnis für andere und zu wenig Verständnis für uns selbst.
Wir fragen uns, was "normal" ist.
Es fällt uns schwer, Spaß zu haben.
Ja, dort finde ich mich in vielen Punkten wieder.
Noch einmal gehe ich einen Gemeinschaftsraum, diesmal in das Kaminzimmer mit dem gemütlichen, gekachelten Kamin. Jemand aus der Gemeinschaft spielt Gitarre, anschließend besuche ich die Sauna und danach falle ich müde in mein Bett.
Sonntagmorgen, der Wecker klingelt, es ist 6:30 Uhr. Um 7:30 Uhr ist Frühstück und ich hatte mich entschlossen vorher noch 30 Minuten schwimmen zu gehen. Das Frühstück findet diesmal nicht am Essstrukturtisch statt. Sonntags ist Kerngruppenfrühstück. Ich werde zum ersten mal die Mitglieder meiner Gruppe alle kennenlernen. Auf jedem Tisch im Speisesaal und auch im Kaminzimmer stehen Schilder auf dem Tisch mit den Namen des Kerngruppentherapeuten. 3 Männer und 6 Frauen, ich bin die 7 Frau in dieser Runde und wir sind anzahlmäßig wieder komplett.
Nach dem Frühstück werde ich gefragt, gehst du mit zum Seelentanz? Seelentanz frage ich? Was ist das? Mir wird geantwortet, komm geh einfach mit, was ich dann auch tue.
Alles strömt in den sogenannten Bondingraum. Ein Kreis wird gebildet und innen noch ein zweiter, damit alle, die teilnehmen wollen, Platz haben. Der Seelentanz scheint sehr beliebt zu sein.
Jemand legt eine CD ein.
Der Seelentanz ist ein Rundtanz mit einfachen Bewegungen und einfachem Text. Ein gesungenes und getanztes Mantra.
Der Text wird mehrfach wiederholt.
Ich bin wie ich bin, mit allen Dingen
ich bin wie ich bin, ich will mich singen
und meiner Seele Zeit und Raum geben
in mir zu leben
in mir zu sein
Ich bin berührt, ich verlasse den Raum nach dem Tanz und den gegenseitigen Umarmungen und Wünschen für einen schönen Sonntag und bin seit langer Zeit entspannt und fühle mich wohl.
Text: Nika Nachtwind
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