Die Sehnsucht ist ein schlechter Berater...
oder die Partnerschaftssuche über das Internet.

Was sollen wir tun, wenn die klassischen Reviere wie Freundeskreis, Büro,Arbeitsplatz, Nachbarschaft und Sport abgegrast sind, und neue Menschen in unserem Leben immer seltener auftauchen?
Wenn weit und breit niemand in Aussicht ist und nichts sich wirklich bewegt?
Was können wir tun, wenn uns in der entscheidenden Situation die Seuche der Schüchternheit, unsere Bequemlichkeit oder unsere Phantasielosigkeit an ein ungewolltes Singleleben kettet?
Wir loggen uns ein in das Medium Internet.
Hier sind wir anonym, keinen kritischen Blicken ausgesetzt, müssen nicht mit unserer eigenen Unzulänglichkeit kämpfen. Wir haben Zeit unsere Worte zu wählen, wir sind nicht auf unsere Spontaneität angewiesen. Unser Gegenüber hat kein echtes Gesicht, maximal sehen wir das beste Foto, das sie oder er auftreiben konnte.
Hier können wir uns einfach präsentieren, ohne auszugehen. Hier sind wir alle dynamisch und attraktiv; alle lieben die Kultur und die Natur und das Unkonventionelle.
Alle haben natürlich auch Humor. Die Erwartungen sind hoch, bei der Auswahl der Aspiranten/innen sind wir gnadenlos.
Am Anfang wird die Partnersuche zum Full-time Job, E-Mails, Chatten, Sticker, das normale Leben bleibt für eine Weile vor der Tür. Die elektronische Partnersuche mutiert zum Freizeitsport, zur Tragikomödie und zum kleinen Abenteuer. Die Flut, die über einen Inserenten, insbesondere aber über eine Inserentin hereinbricht, ist eindrucksvoll!
Manche Antworten oder Inserate gleichen allerdings fast einem Wanderzirkus.
Dann wird es plötzlich ernst: ein Telefonat, ein Treffen! Wir versuchen unsere Erwartungen zu dämpfen, aber die führen längst ein unkontrolliertes Eigenleben, richten sich in ihrer Höhe direkt an den vor dem Bildschirm verbrachten Stunden aus. Die Verdrängung auf ein realistisches Maß gelingt nur oberflächlich.
Die Vorgespräche am Telefon mögen noch so gut gewesen sein, das Geschriebene noch so witzig oder vielleicht sogar brillant, entscheidend ist und bleibt der erste Eindruck!
Und dann treffen wir uns und realisieren: Wir sind Fremde, die voreinander stehen. Und wenn das Herz nicht sofort Feuer fängt, lassen wir einander nach einer kleinen Höflichkeitsphase sehr bald fallen. Die Karawane zieht weiter!
Wir geben uns keine Zeit, den anderen in verschiedenen Situationen kennen zu lernen, unsere Erwartungen sind enttäuscht und haben uns ein Bein gestellt. Es ist irgendwie anders als im echten Leben.
Viele haben vermutlich vergessen,dass man selber auch nicht jünger wird, und haben ihre Vorstellungen, über das berühmte "Pling", wie es man mit 16,oder 18 war.Erwarten, dass es genauso ungezwungen und naiv von Statten geht,wie Anno dazumal.
Nur kann Niemand seine Lebenserfahrungen aus dem Kopf radieren.

Was bleibt?

Nun, viele interessante Bekanntschaften, immer noch - platonisch und entfernt - und auf Dauer übersteiget die Zahl auch unsere zeitliche Möglichkeiten, denn das tägliche Leben hat zu uns zurückgefunden und klopft schon wieder an die Tür.
Hätten wir uns nicht über das Inserat kennen gelernt, hätten wir dann vielleicht eine Chance gehabt zusammenzukommen?
Warum also haben wir es dann trotzdem versucht?
Weil unser Antrieb für das Ganzen wohl immer gleich bleibt: die Sehnsucht, der Hunger. Und, mit einem guten Schuss Humor, stirbt die Hoffnung auch hier erst zuletzt.
In diesem Sinne

Brigitte