Falsch gedacht, auch sie wurde von Amor eiskalt erwischt. Schon am nächsten Tag war klar, dass sie heiraten würden. Verrückt? Ja, aber was sprach dagegen? Sie konnten nicht voneinander lassen. "Ab jetzt für immer" stand in den Ringen, die sie trugen. Den Termin für die Hochzeit bestimmten sie auf ähnlich verrückte Art.
„Wenn wir müssen!“
Das war nach sechs Monaten der Fall und das Glück hätte perfekt sein können, wäre da nicht dieser Sportunfall gewesen. Zum Gipsarm gleich das nächste Unglück. Die Firma, bei der er arbeitete, war pleite. Eigentlich ein Glücksfall, denn dort gab es keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten.
Nun konnte er in Ruhe nach einer Firma suchen, die Zukunft bot, denn er musste ja nicht nur für sich sorgen. Als normaler Geselle fing er an und während am heimischen Herd ein Kind heran wuchs, dass zweifellos die Gene seiner Eltern trug, was Dickköpfigkeit und Normhass betraf, suchte er nach der Leiter, die ihn beruflich nach oben brachte. Der einzige Weg führte noch einmal auf die Schulbank. Der Anfang fiel ungemein schwer.
„Hinter einem erfolgreichen Mann steht immer eine Frau, die ihm nicht nur zur Seite steht, sondern ihm bei Bedarf auch in die Seite tritt!“ Der Spruch traf voll ins Schwarze.
Neben der Arbeit über Jahre die Abendschule besuchen, bedeutet auch, dass die Wochenenden futsch sind. Lernen war angesagt, oft mit der Tochter an einem Tisch, nur war er über das kleine Einmaleins hinaus.
Die Einzige von seinen drei „Mädchen“, die nicht maulte, war sein Motorrad. Sie stand klaglos und ungenutzt da. Das Kind litt, weil es nur mit Mama zur Kirmes, in den Zoo oder sonst wohin ging. Ihr leuchtete die Notwendigkeit dieser familiären Durststrecke ein.
Dann stand die Leiter plötzlich vor seiner Nase, leicht glitt er von Stufe zu Stufe, war glücklich, endlich Aufgaben zu bekommen, die neben seinen Händen auch seinen Kopf forderten. Die anspruchsvollere Arbeit benötigte mehr Zeit, mehr Engagement. Er traf einen aus der Abendschule, der hatte die gleiche Leiter wie er vor der Nase, nur in Köln. Irgendwie wurde die Leiter zur Sucht, die Sucht zweier befreundeter Männer. Sie riefen sich an, wenn irgendwo ein Kurs lief, der ihnen nützlich sein konnte, tauschten neue Erkenntnisse aus. Sie fühlten sich prächtig, bis der Kölner von seiner Frau zum Teufel geschickt wurde. Die eigene Frau schickte nur fragende, hilflose Blicke. Das Gespräch mit ihr über die Scheidung des Kollegen, verlief in falsche Bahnen.
Er kannte sie doch und trotzdem riet er ihr, Tennis-, Reit- oder Jogakurse zu belegen, wenn sie sich langweilt. Er konnte nicht verstehen, wie eine Frau klagen konnte, die doch nun wirklich alles hatte, was sie wollte. Er erfüllte dir doch jeden Wunsch. Unter den Wünschen mehr Zeit mit ihm zu vermuten, obwohl sie das so oft sagte, dazu war er zu dumm, es gab auch keinen Kurs für Frauenwünsche.
Da er so hart und viel arbeitete, nahm er sich Freiheiten heraus. Er machte Motorradtouren mit seinen Kumpeln, fuhr mit der Familie in die Berge, kletterte dort aber auch einen Teil des Urlaubs mit seinen Kollegen auf die Gipfel. Die Fotos, die ihn nahe am Rande gähnender Abgründe zeigte, verursachten ihr große Angst, die er belächelte. Er wusste, was er tat. Leider nur am Berg.
Irgendwann war es so, dass niemand da war, wenn er das Haus betrat. Der Zettel auf dem Küchentisch „Bin unterwegs“ ein Seitenhieb. Er kennt sie, dies bedeutet, sie geht davon aus, dass er ihre Abwesenheit sonst gar nicht bemerke.
Natürlich bemerkte er es, sie fehlte ihm, diese Wärme, ja, auch dieses Verwöhnen. Warmes Essen auf dem Tisch, gepackte Sporttasche, geordnete Post, Liebesbeweise für einen sonst recht selbständigen Menschen, der Gängeleien hasste. Würde sie ihm, wie seine Mutter, den Kragen seines Hemdes richten, bekäme er die Blattern! Während der Zeit, in der er auf sie wartete statt umgekehrt, beschäftigte er sich mehr mit ihr als wenn sie neben ihm gesessen hätte. Dieses Warten, die Öde einer leeren Wohnung. Treffen mit Freunden wurde unwichtiger.
Genau in dieser Zeit zog die Tochter mit ihrem Freund zusammen und die Wohnung wurde noch leerer. Seine Frau kam mit glänzenden Augen zurück und zeigte ihm die Fotos, die sie gemacht hatte. Nichts verlernt in den Jahren.
Immer öfter riefen Männer an, die Termine für Treffen nannten, Brutstellen von Uhus verrieten oder knallhart meinten, sie würden lieber mit ihr persönlich reden.
Der Dreirad-Effekt setzte ein! Unbekannt? Nun, ein Kind kann sein Dreirad über Wochen unberührt im Hof stehen haben, bei jedem Wetter, völlig unbeachtet, doch sobald ein anderes Kind darauf fahren will, wird es augenblicklich zum Zankapfel. Dummerweise hatten sie gleich am Anfang ihrer Ehe abgemacht, dass fremdgehen nicht das Aus für die Ehe bedeuten würde. Er hörte noch ihre Worte
„Die Dinger nutzen nicht ab, die sind ja nicht aus Seife und bei mir geht da unten auch so leicht nichts kaputt! Allerdings darf das nie heimlich geschehen. Ich will nicht die Letzte sein, die es erfährt.“
Seither hörten sie über dieses Thema nichts mehr und nun doch die Anrufe dieser Männer. Statt zum Training ging er mit ihr zu einem der Termine und lernte eine tolle Truppe von Natur- und Tierfreunden kennen, die alle fotografierten oder filmten. Spontan hatten sie eine Begeisterung, die sie teilten. Während ihm die Arbeit nur wenige Stunden Zeit ließ für dieses Vergnügen, wurde es bei ihr zur Berufung, fast zur Besessenheit.
Nun war er es, der sie daran erinnerte, dass da neben der Fotosache auch noch eine Ehe bestände.
„DU, mein Schatz, bist seit Jahren mit deinem Job liiert. Erinnerst du dich? Ich sollte mit meiner Freizeit etwas anfangen war dein Rat. Tennis, reiten und Joga liegt mir nun mal nicht. Außerdem mag ich auf die Menschen, die Naturerlebnisse mit mir teilen, nicht mehr verzichten.“
Rums! Das saß!
Am Wochenende machte er alle Exkursionen begeistert mit, während der Woche hinderte ihn der Job. Irgendwann hat sie das ungenutzte Kinderzimmer umgeräumt. Wenn sie spät zurück kam oder, im Sommer, um drei Uhr früh aufbrach, schlief sie dort, um ihn nicht zu stören. Irgendwann hatten sich ihre Schlafgewohnheiten in so verschiedene Richtungen entwickelt, dass jeder sein eigenes Schlafzimmer hatte. Getrennte Bäder gab es schon lange. Sie aßen auch nur noch selten gemeinsam, weder die Gerichte noch die Uhrzeit konnte täglich unter einen Hut gebracht werden.
Zuerst fand er es gut, dass er seine Fleischgerichte mit vielen Peperoni würzen konnte und nicht mehr Massen von Gemüse und Salat vor sich stehen hatte. Der Gedanke, nie mehr mit Apfelpfannkuchen konfrontiert zu werden, machte ihn nahezu euphorisch.
Heute kommt es vor, dass er sich einfach einen aus der Pfanne oder von ihrem Teller mopst, wenn sie wieder auf dem Teppich sitzt und die Bilder für Ausstellungen sichtet. Wenn sie dann spitz sagt
„Wie die Dinge sich doch ändern können, “ fragt er sich, was sie meint. Nur sein Geschmack? Ihre Situation? Männer fragen dann nicht nach, obwohl sie wissen, dass sie sollten. Ist halt so.
Plötzlich erkennt man, dass der Partner nicht mehr die andere Hälfte des Ichs ist, sondern ein eigenständiger Mensch, der nicht ständig das WIR in den Mittelpunkt stellt. Dumm für ihn, dass er es war, der ihr das vorlebte, was sie jetzt tut. An der Berufung, dem Lebensinhalt arbeiten. Sie schließt ihn nicht aus ihrem Leben aus, er bekommt nur viel weniger von ihrer Zeit, ihrer Aufmerksamkeit. Freud würde das vielleicht als Abstillphase sehen.
Wenn er ihre Aufmerksamkeit und Zeit bekommt, bei gegenseitigem „Besuchsrecht“ für die Schlafzimmer, das rege genutzt wird, ist es viel schöner als früher. Nur kommt er sich nicht wie ein Ehemann vor, eher wie ein Geliebter, der ständig neu erobern muss. Zwei dickköpfige Egomanen unter einem Dach. Kommt er mit der Emanzipation seiner Frau nicht zurecht oder warum hat er das Gefühl, er lebt getrennt?
Sie war immer schon souverän eigenständig, wäre nie auf die Idee gekommen, sich für ihre Exkursionen, die über Tage gingen, seine Erlaubnis zu holen. Sie teilte ihre Abwesenheit mit und gut war`s. So wie er bei seinen Touren. Gut gelernt, Madame!
Er hat keine Angst so zu enden wie der Kollege aus Köln. Da ist viel zu viel Gefühl vorhanden, sie können nicht ohne den anderen oder muss er sagen, er kann nicht ohne sie? Sie kann anscheinend mehr ohne ihn schaffen als er glaubte, sie kann so gut wie er. Also sagt er besser, „Ich will nicht ohne dich“ oder, „Ich möchte nur mit dir“.
Um einen Menschen zu verstehen, muss man das kennen, was er liebt, womit er sich beschäftigt. Egal, wie blöd einem das Hobby vorkommen mag, man sollte wissen, um was es geht. Manchmal ist das nämlich gar nicht so öd wie vermutet. Der Blick hinter die Kulissen deckt Tatsachen auf. Auch die, dass Schreiben den Autor befreien kann und dem (bestimmten) Leser Einblicke in Seelenstücke und Gedanken gibt, die er in einem Gespräch gar nicht so zusammen bringen könnte, trotz Rhetorikseminaren.
Hier unterbricht niemand, hinterfragt nicht jeden Satz, verwirrt nicht die Gedanken. Bei Gesprächen ist er trotz aller Kurse hintenan. Bei ihr, sonst nicht! Sie mit ihrer Gabe für schnelle Wortfindung, ihrer emotionalen Sprache. Kopflos würde sie ihn machen, wie eh und je.
Dabei würde er so gern ihre Sicht der Dinge kennen.
