Die sexuell bedingte Einstellung der meisten Männer gegenüber den Frauen hat sich während der letzten 50 Jahre enorm verändert. Aber auch die der meisten Frauen gegenüber dem Sex.
Während vor hundert Jahren bspw. der durchschnittliche Mann von der Arbeit kam, seine Lohntüte unter das Ausgussbecken warf und die Frau von hinten nahm, während sie sich bückte, um die Tüte aufzuschlitzen und das notwendige Geld für die nächste Woche heraus zu fischen, gibt es heute keine Lohntüten mehr. Und beim Online-banking sitzt die Frau auf dem Stuhl und ist für seine Attacken nicht zugänglich.
Damals hatten manche Frauen regelrecht Angst vor den zwar selteneren, aber trotzdem regelmäßigen, sexuellen Wünschen der Männer.
Die Männer wussten, dass die Frauen Angst hatten und die sensibleren unter ihnen warteten so lange, bis sie es nicht mehr aushielten und sich ihre Schädeldecke wölbte. Aber dann griffen sie erbarmungslos zu und erleichterten sich. Auf eine solche Erleichterung könnte eine Beschwerde folgen, aber die Frauen beschwerten sich kaum, denn die Männer verdienten das Geld, und es war nicht angebracht, den Ernährer der Familie miss zu stimmen.
Auf diese Art brachten viele Frauen ein halbes Dutzend Kinder (oder mehr) zur Welt, die sie dann wieder allein groß ziehen mussten, denn Kinder waren Frauensache. Dass sie da in halbe Panikattacken verfielen, wenn die Männer mit vor Gier glänzenden Augen nach ihnen griffen, ist ja wohl leicht verständlich.
Männer wiederum konnten kaum nachvollziehen, weshalb Frauen keine Lust auf sie hatten, und genau deshalb schufen sie aus ihrem Frust solche Vorstellungen, dass eine Frau während des Sex an die Zimmerdecke dachte, die mal wieder frisch gestrichen werden müsse oder daran, was sie mal wieder kochen könne.
Wie viele Männer stellten damals die These auf, dass ihre Frau „kalt“ seien?
Ende der 60er und Anfang der 70er erschien zur rechten Zeit der Aufklärer Oswald Kolle auf der Bildfläche. Denn parallel dazu brachte Schering seinen Ovulationshemmer „Euginon 28“ auf den Markt, eine Pille (ich mag dieses Wort AB-Pille nicht) auf den Markt, der der Frau endlich die Möglichkeit verschaffte, ihre Empfängnis selber zu steuern. Wenn auch mit einem viel zu hohen Wirkstoff-Anteil, der neue Risiken mit sich brachte.
Kolle vermittelte den Männern, dass auch Frauen einen Orgasmus haben können, dass sie aber viel länger dazu bräuchten, und dass es die Aufgabe des Mannes sei, die Frau noch anderweitig zu stimulieren und nicht nur durch rhythmische Ehestandsbewegungen.
Vorbei war die Zeit, als die Männer ihr „DrrrrrrrrDrrrrrDrrrr, wie war ich?“ abzogen, während die Frau mit einem „MistMistMist, ich hab noch nicht“ antworteten.
Auch ich wurde damals zum Sex-Ingenieur und wäre es noch heute, wenn ich nicht aus freien Stücken andere Erfahrungen gemacht hätte.
Kolle riet zum Vorspiel. Da ich hier keinen Porno schreiben möchte, verzichte ich auf nähere Ausführungen. An bestimmten Symptomen der Frau (Flush im Gesicht, schweres Atmen, Kontraktion der Gesäßmuskeln) erkannte der Mann ab jetzt den Erregungszustand der Frau, und erst dann, wenn er das Gefühl hatte, dass sie mit ihm auf einem Level war, durfte er es wagen, das zu tun, was er eigentlich die ganze Zeit hatte tun wollen.
Sex wurde zu einer Technik, es gab Rezepte wie aus dem Kochbuch. Die Frau, die in vorkolle’scher Zeit das Sexualobjekt der Männer war, wurde nun zur Maschine, wie ein Diesel, den man erst einmal vorglühen musste, bevor er ansprang.
„Meine Frau hat Orgasmen“, verkündeten Männer ab sofort stolz in vertrauter Runde, während sie vorher mit der Anzahl ihrer Abschüsse geprahlt hatten.
Zusammen mit der Pille und der neuen Technik von Kolles Gnaden kam das Gros der Frauen erstmals dazu, ein erfüllteres Sexualleben zu genießen. Diese positive Entwicklung kann nicht geleugnet werden, obwohl Kolle ein Mann war und die Chemiker, die den Ovulationshemmer entwickelten, auch männlichen Geschlechts waren.
Eines aber hat mir kein Kolle erzählt. Eines habe ich selber feststellen müssen: Frauen haben eine Psyche. Ja wirklich. Und diese Psyche bewirkt, dass wir Männer unsere Technik unter bestimmten Umständen völlig vergessen können.
Du kannst als Mann stundenlang an einer Frau herum orgeln, wenn sie dich nicht als ihren Organisten anerkennt. Dann kommen einfach keine harmonischen Töne aus ihr heraus. Da nützen dir die Kenntnisse über die Register, die zu ziehen musst und die Entstehung des Tons in den Orgelpfeifen und die ganze musikalische Harmonielehre überhaupt nichts.
Wenn alles stimmt, mein lieber Mann, ist sie schneller als du, und wenn du meinst, du müsstest den Zeitpunkt des Orgelkonzertes ansetzen und die Einladungen dazu schreiben, täuschst du dich, ob es dir passt oder nicht.
Auch auf diesem Gebiet, auf einer der letzten Männerdomänen laufen sie uns den Rang ab, dies an die Adresse der Männer, denen die Frauen schon jetzt viel zuviel von sich her machen.
Glücklicherweise, wo wir Männer doch selbst keine Lust auf eine technische Planung haben. Ganz ehrlich, dazu sind wir doch viel zu faul. Also bitte...
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© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
Mein Glossar:
nie = nie
selten = nicht immer, so gut wie nie
manchmal = nicht immer, aber es kommt vor
öfter=nicht immer, aber in mehr als der Hälfte der Fälle
dauernd = ununterbrochen
oft=nicht immer, aber häufig
sehr oft=nicht immer, aber sehr häufig
immer = immer
