Kostja öffnete den Brief mit dem Stempel seines ehemaligen Gymnasiums. Er wurde, wie alle Schüler und Ehemaligen, zum 100jährigen Bestehen der Schule eingeladen.

Eigentlich hatte er spontan keine Lust, auch nur einen dieser Typen wieder zu sehen. Eine vielleicht. Sie war damals gerade erst Lehrerin geworden und hatte ihn ganz anders behandelt als die anderen Lehrer. Sie war schonungslos offen und ehrlich, schien nicht vor seinem Vater zu katzbuckeln wie die anderen Pauker. Sie ließ ihm auch seine Art und seine Dummheiten nicht durchgehen. Kostja war zwei Jahre vor seinem Abitur ein mittelmäßiger Schüler, pickelig und dick. Die anderen riefen ihn Kasper statt Kostja. Diesen blöden Namen hatte seine Mutter ausgesucht, lange bevor sie schwanger wurde. Alles war immer genau geplant, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo sein Vater die Assistenzärztinnen und seine Mutter den Alkohol interessanter fand als den eigenen Partner oder den Sohn.

Kostja überlegte. Schülke hieß sie, Julia Schülke.  Sie hatte ihm damals gesagt, dass er sich weder auf den beruflichen Lorbeeren seines Vaters ausruhen, noch die Sucht seiner Mutter mittragen könne. Auch das unfreundliche Verhalten seiner Mitschüler könne er nicht ändern, weil er nur sich, nicht die Mitschüler ändern könne. Kostja lag nicht viel daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er mochte den Geruch eines Krankenhauses nicht, hasste weiße Klamotten und stets von Krankheit und Leid wollte er auch nicht umfangen sein. Frau Schülke war es, die darauf hinwies, dass er sein Licht unter den Scheffel stelle, nur um den Numerus Clausus nicht zu schaffen, den ein angehender Mediziner brauche.

„Du hast dich dick gefressen, du hast dich dumm gefaulenzt! Nur du kannst das ändern! Alles kann man dir im Leben nehmen, doch das, was du im Kopf hast, nimmt dir keiner mehr weg, es ist dein höchstes Gut!“

Diese Worte hatten ihn getroffen. Wortlos hatte sie ihm ein Foto hingelegt, das ein dickes, hässliches Mädchen zeigte. Fragend sah sie ihn an

„Na, was sagst du?“

„Könnte meine Schwester sein, “ gab Kostja zu.

„Das war ich mit 14 Jahren. Dann war ich die Hänseleien leid. Ich bin in jeden Sportverein gegangen, habe tanzen gelernt, bin wie eine Wilde  geschwommen, machte Karate und habe für die Schule gepaukt. Beim Abiball haben sich dann schon drei Burschen um mich gestritten, ich bin aber nur kurz geblieben, wollte die nicht haben, die mich zuvor nicht wollten. Ich weiß, wie du dich fühlst, ich weiß aber auch, dass du es ebenso schaffen kannst wie ich. Ob du feige den leichteren Weg des Loosers gehst oder dich durchbeißt, musst du nun selber entscheiden. Es stehen die Sommerferien an, da kannst du für eine Nachprüfung lernen und Sport treiben oder an eurem Pool Mutterseelen allein Chips und Schokolade in dich stopfen.“

„Ich bin nicht feige!“

Kostja hatte ihr die Worte entgegen geschleudert wie  Speere.

„Das werde ich nach den Ferien sehen, Konstantin.“

Kostja sah sie mit gerunzelten Brauen an.

„Weißt du nicht, dass Kostja die russische Koseform von Konstantin ist, was nichts anderes heißt als standhaft? Ich hoffe, du machst deinem Namen Ehre!“

Kostja lächelte. Ja, er hatte seinem Namen Ehre gemacht. Seine Eltern waren erstaunt, weil er mit den Supernoten und den guten Verbindungen seines Vaters nicht den leichten Weg der Nachfolge antreten wollte. Inzwischen hatte Kostja sich einen Namen als Jurist gemacht, der dafür bekannt war, dass er Bauskandale aufdeckte und die Interessen der kleinen Leute vertrat, die ihre Familien in Häusern verloren, die aus minderwertigem Beton gebaut waren. Er wurde gerufen, wenn Brücken einstürzten und Türme wackelten. Deutsche Firmen, die im Ausland große Objekte bauten, wollten ihre Verträge mit den Fremdfirmen von ihm ausarbeiten lassen. Die Gutachter, mit denen Kostja zusammen arbeitete, waren  seine Familie geworden, mit der er ständig umher reiste.

Der Brief erinnerte ihn an eine Welt, der er entflohen war. Die Feier sollte kurz vor Weihnachten stattfinden. In den letzten fünf Jahren war er zu der Zeit immer unterwegs, hatte am Heiligen Abend  kurz angerufen, seinen Vater nur in der Klinik erreicht. Nichts, wirklich nichts zog ihn zu dieser Feier…eigentlich. Der Gedanke, den heißen Tropenwald, in dem eine Brücke gebaut wurde, zu verlassen, um wieder einmal Schnee zu sehen, brachte ihn ins Grübeln. Wenig später hatte er sich zur Feier entschlossen, wenn das Schicksal es zuließe. Irgendetwas brauchte immer ein wachsames Auge und das war meist seines. Sollte alles seine Ordnung haben, konnte er immer noch kurzfristig einen Flug buchen.

Kurz vor Weihnachten war nichts in Ordnung. Die einzige Straße, die durch den Wald zur Brücke führte, wurde durch starke Regenfälle unterspült und brach weg. Baustopp, denn es konnte kein Material geliefert werden. Mit dem Hubschrauber flog man ihn gleich zum nächsten Flughafen. Sechzehn Stunden später hielt das Taxi vor dem Haus seiner Eltern. Durch das große Wohnzimmerfenster sah er seinen Vater. Nanu? Freitagabend um kurz nach sechs war der nicht mehr in der Klinik?

Seine Mutter öffnete die Türe und nach einem kurzen Moment des Erstaunens, fiel sie ihm um den Hals

„Kostja, mein Junge! Du siehst fantastisch aus! Mein Gott, du bist ja kaum noch mit dem Jungen zu vergleichen, der hier zum Studium fortging! Cornelius! Schau mal, wer hier ist!“

Sein Vater hatte Tränen in den Augen als er ihn in die Arme nahm. Bis weit in die Nacht hinein führten sie das erste vernünftige Gespräch mit ihrem Sohn. Seine Mutter hatte eine Entgiftung in einer Klinik hinter sich. Sie war so tief gesunken, dass sie sich das Leben nehmen wollte. Danach bekam sie psychische Hilfe und auch ihr Selbstwertgefühl gesundete. Sie stellte ihren Mann vor die Wahl. Entweder wäre er mehr für sie da oder sie ließe sich scheiden. Inzwischen genossen sie die gemeinsame Zeit, hatten sogar einen Besuch bei Kostja geplant. Nun konnte die Reise anderswo hinführen. Kostja erzählte von der Einladung zum Fest, von dem geringen Verlangen, seine lieben Klassenkameraden zu treffen.

„Geh zum Frisör, kauf dir einen neuen Anzug und geh hin, die werden Augen machen,“ zwinkerte sein Vater doch die Mutter war strikt dagegen.

„Der geht überhaupt nicht zum Frisör, der bleibt genau so wild und ungebändigt, wie er jetzt ist. Denk doch mal an all die fetten Spießerärsche. Wenn die Mädel, die damals Kasper zu dir sagten, dich heute sehen, werden die dir nachrennen! Du kannst Vatis Tropenanzug tragen, der ist genau richtig und passen wird er auch, Vati war er immer ein wenig zu lang.

Kostja amüsierte sich über den Eifer seiner Mutter. Sie bügelte den hellen Anzug aus Leinen, aber nicht zu gründlich, sie zupfte ihm ein paar Strähnen aus dem adrett gekämmten Haar und versteckte den Rasierapparat. Kostjas Vater, der früher immer so bestimmend und dominant war, sah sich das an und lächelte verschmitzt.

„Siehst prima aus, “ grinste er, gab seinem Sohn eine angedeutete Backpfeife und hielt mit der anderen Hand den Schlüssel seines alten Daimlers hin.

„Du lässt mich mit dem Oldtimer fahren?“

„Ja! Du bist nun alt genug, wofür sonst habe ich den letzte Woche poliert und aufgetankt?“

Der Gedanke an diese liebevolle Geste seines Vaters stand Kostja noch im Gesicht als er die geschmückte Aula betrat. Ganz wie seine Mutter es wünschte, traf Kostja verspätet ein. Alle Augen richteten sich auf ihn. Früher wäre er vor Scham in den Boden versunken, heute grinste er nur über die neugierigen, interessierten Blicke. Einige Frauen tuschelten, andere lächelten ihn offensichtlich an. Rocksäume rutschten höher, Ausschnitte wurden mehr oder weniger dezent herunter gezogen.

Kostja erkannte einige seiner Klassenkameraden. Nun waren die fett geworden, manche hatten schon eine deutliche Glatze. Weiter hinten am Tisch saßen die Lehrer. Frau Schülke konnte er nicht erblicken. Wahrscheinlich unterrichtete sie gar nicht mehr hier. Da die Tische fast vollständig besetzt waren, ging Kostja an die Bar und bestellte sich ein Mineralwasser. Grinsend stellte er fest, dass plötzlich recht viele Frauen die Toiletten aufsuchten. Der Weg dahin führte an der Bar vorbei. Jutta Zimmermann kam auf ihn zu. Die war früher immer ganz besonders spöttisch gewesen.

„Na wenn das nicht unser Kolja ist,“ flötete sie.

„Ich hieß immer schon Kostja, doch das konntest du dir ja noch nie merken. Sag also ruhig weiter Kasper zu mir,“ riet Kostja munter.

„Ach, das waren doch lustige Wortspielereien unter Freunden,“ winkte sie ab.

„Gut, dass du mir das gesagt hast, denn mir war der humorige Wert damals völlig entgangen,“ raunte er und sah ihr ganz tief in die Augen.

„Komm doch an unseren Tisch, wir werden schon noch irgendwo einen freien Stuhl für dich auftreiben,“ bot sie an.

„Ich komme vielleicht etwas später darauf zurück. Ich suche noch jemanden, “ erklärte er und wandte sich an den Kellner hinter der Bar.

„Unterrichtet Frau Schülke eigentlich noch an dieser Schule?“

„Natürlich! Sie ist inzwischen Konrektorin. Da vorne steht sie doch mit dem alten Lehrer Lehmberg, der ist pensioniert seit einem Jahr!“

Kostjas Blick folgte dem ausgestreckten Zeigefinger und sah nicht weit von sich den alten Mathepauker. Der wohlgeformte, biegsame Körper vor ihm war Frau Schülke? Damals war sie fast maskulin gewesen, knabenhaft dürr mit kurzen Haaren. Die Frau dort hatte weich fallendes, goldiges Haar bis über die Schultern. Irgendwie schien sie die Blicke in ihrem Rücken zu spüren. Sie drehte sich um, sah ihn kurz an und strahlte über das ganze Gesicht. Mit einer Hand zog sie Lehrer Lehmberg hinter sich her, die andere streckte sie Kostja entgegen.

„Ach, ist das schön, dass sie gekommen sind!“

„Waren wir nicht schon mal beim du?“ Freudig ergriff Kostja ihre Hand und hielt sie viel zu lange fest.

„Damals waren sie ein Schüler und ich ihre Lehrerin, heute haben sie zwei Doktortitel. Da sind die Karten anders verteilt und ich werde ja auch gesiezt, “ gab sie zu bedenken.

„Aha! Mein Werdegang wurde beobachtet, “ schmunzelte Kostja.

„Nun ja, nie vorher und nie danach hat sich jemand meine Worte so sehr zu Herzen genommen. Ich gebe zu, ich bin da ein wenig stolz drauf. Sie haben sich prächtig entwickelt, sind ein toller Mann geworden!“

Lehrer Lehmberg zog sich dezent zurück. Julia und Kostja sahen sich lächelnd an. Plötzlich wusste Kostja, warum er zu dieser Feier wollte. Er wollte ihr zeigen, dass er nicht feige war, dass er den steinigen, harten Weg genommen hatte.

„Wir haben uns wohl beide entwickelt. Ich sehe weder ein dickes Kind, noch eine gerade erwachsene Frau, die männlicher als Winnetou ist. Es ist wohl so, dass die schönsten Schmetterlinge die längste Metamorphose durchmachen.“

„Es ist wohl auch so, dass neben dem Sport und der beruflichen Anstrengung das Studium weiblicher Geschöpfe nicht zu kurz kam. Du verstehst es, sowohl mit den Augen wie auch mit dem Mund zu umgarnen,“ gestand sie.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich dir hier und jetzt zeigen würde, was mein Mund noch kann!“

„Ich stelle mir gerade vor, dass du verlernt hast auszurechnen, um wie viel älter ich bin!“

„Ach, stell dir doch lieber vor, wie scheißegal mir das ist, “ brummte er und zog sie in seine Arme.

„Kostja, das hat doch keine Zukunft, das passt doch nicht, “ warnte sie schwach.

„Das wissen wir nach zwanzig Jahren! Alles kann man mir im Leben nehmen, doch das, was ich im Herzen hab, das nimmt mir keiner weg, das ist mein höchstes Gut! Außerdem mache ich meinem Namen Ehre und bleibe standhaft. Das wolltest du doch, oder?“

Julia lehnte ihren Kopf an seine Schulter und gab sich von ihren eigenen Waffen geschlagen.