Es war aus und vorbei. Wer nun wirklich die Beziehung beendet hatte, konnte mir keiner der beiden genau sagen, doch wussten beide, dass es so nicht weiter ging. Die Beziehung hatte sich nicht tot gelaufen, aber keiner der Beiden war zufrieden. Jeder spürte, er müsse irgendwie den Anderen verlassen. Zudem verspürten beide jeweils heimliche Lust auf neue Partner.   

 

Doch fühlten beide nach der Trennung unabhängig voneinander, dass ihnen jeweils der Andere fehlte. Also beschlossen sie, ohne es jeweils vom Anderen auch nur zu erahnen, sich im Internet nach geeigneten Ratgebern umzusehen, frei nach dem Motto: Wie bekomme ich meine(n) Ex zurück … Beide wollten jeweils nicht ihr Gesicht beim jeweils Anderen verlieren, denn wie würde das wohl herüber kommen, einfach mal ehrlich zu sagen: Du, ich vermisse Dich … 

 

 Also studierten beide fleißig den jeweils für das Geschlecht passenden Ratgeber. Ja, wie ist das mit solchen Ratgebern? Sind sie auf demselben Muster aufgebaut, oder wird jeweils dem Geschlecht passend unterschiedliche Ratschläge erteilt? So, wie ich später erfuhr, scheinen sich die Ratgeber im Prinzip zu gleichen.  

 

Es zogen so die Wochen ins Land und jeder wunderte so, dass der jeweils Andere keine Reaktion zeigte. Immerhin stand ja dort geschrieben, dass mann/frau sich ja gerade dadurch beim Anderen interessant macht, Stillschweigen zu wahren. In dieser Zeit, so wird laut diesen Ratgebern empfohlen, soll man an sich arbeiten. Was beide auch fleißig taten. Sie brachten ihr Äußeres auf Vordermann, sie arbeiteten mit Affirmationen, standen also morgens und abends vor dem Spiegel und sagten sich: Ich bin der Preis; ich bin unwiderstehlich; auf mich fliegen die Männer/Frauen, usw. …

 

Beide betrieben fleißig Sport, um ihre Pfunde los zu werden; sie ging joggen, er stürmte ins Sportstudio.  Im Laufe der Wochen ertappten sich beide unabhängig von einander, immer mal wieder das Handy in die Hand zu nehmen, doch wurde ihnen ja geraten: Finger weg davon … Ihm wurde geraten, drei Wochen ins Land ziehen zu lassen, ihr wurde geraten, vier bis sechs Wochen still zu halten.  

 

Was beide nicht wussten war, die Autoren dieser Ratgeber waren verheiratet. In dieser Zeit, so rieten die Ratgeber, sollten sich beide jeweils Gedanken über die verflossene Beziehung machen. Was war störend an dem jeweils anderen? War er überhaupt der/die Richtige? Wollte man ihn/sie überhaupt zurück? Beide wurden aufgefordert, sich das Pro und Contra aufzuschreiben. Bei beiden entstanden zu diesem Zeitpunkt schon erhebliche Zweifel, ob die verflossene Partnerschaft die wirklich wahre Partnerschaft war, denn die Ratgeber weckten mit ihren gezielten Fragen Verdrängtes. Doch mal ehrlich, wo gibt es die perfekte Beziehung? 

 

Gemäß der Ratgeber hatten mann/frau hart an sich gearbeitet, und waren nun körperlich fit, gut aussehend, alles war gepflegt, neue Klamotten hingen im Kleiderschrank, mann/frau fühlten sich wohl in seiner/ihrer Haut, was auch Dritten nicht verborgen blieb.   Und … die jeweiligen Ratgeber waren clever, rieten den beiden, sich ruhig auf das jeweils andere Geschlecht einzulassen, auszuprobieren, wie die Wirkung sei. Mann/frau sollten üben, ob sie richtig gut flirten konnten, wie sie auf Dritte wirkten, damit sie, wenn der Tag X der Kontaktaufnahme zum Ex-Partner kam, auch bestens vorbereitet und trainiert waren.  

 

Gesagt, getan … Beide nahmen ja ihre jeweiligen Ratgeber sehr ernst, auch wenn sie beide in der Zwischenzeit gar nicht mehr so unbedingt auf den jeweils Anderen fixiert waren. Die Gedanken an den jeweils Anderen waren nicht mehr so häufig präsent, denn der Andere meldete sich ja auch nicht. Auch dafür gaben die Ratgeber gute Erklärungen, dass es wichtig sei, distanziert zu bleiben, denn das gehörte ja alles mit zum neuen Sein. So würde mann/frau zur gegebenen Zeit unwiderstehlich auf den Ex-Partner wirken.   So waren beide nur noch unterwegs, hetzten sich von einem zum nächsten Date ab, um brav zu erkennen, ob die jeweiligen Flirttipps auch wirklich funktionierten.   

 

Die Zeit war nun für ihn gekommen. Die drei Wochen waren herum. Er sollte sich nun gemäß einer detailliert beschriebenen Liste für ein Telefonat mit ihr vorbereiten. Wenn er zu nervös wäre, sollte er vorher meditieren. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er das Handy in die Hand nahm, die Liste als Gebrauchsanweisung für den Fortschritt des Telefonats lag vor ihm. Er sollte die Nummer unterdrücken, damit garantiert war, dass sie auch wirklich das Telefonat annahm. Nein, dachte er sich, ich bin zu nervös. Ich meditiere lieber erst einmal. Er wollte schon das Handy weglegen, als sein Handy sich bemerkbar machte. Ein anonymer Anrufer … Er nahm grundsätzlich keine anonymen Anrufe entgegen, also ging er nicht dran …  

 

Schade, dachte sie, er scheint wohl das Handy nicht zu hören. Aber ihr Ratgeber riet ihr ja, nicht aufzugeben, es später noch einmal zu versuchen. Da sie sich diesen Ratgeber eine Woche vor ihm bereits über das Net herunter geladen hatte, waren ihre vier Wochen nun herum. Eigentlich wollte sie mit dem Anrufen noch warten, weil es ihr schon Spaß machte, so viele Dates zu haben, sie war ja nun Top Model und die Erfolge bei den Dates hatten ihr Selbstbewusstsein stark aufgemöbelt, aber irgendeine innere Stimme trieb sie doch dazu, ihn anzurufen. Na, dachte sie, vielleicht bleiben wir auch einfach nur gute Freunde …  Sie versuchte es nach einer Stunde nochmals, da ertönte nur das Besetztzeichen. Also verschob sie den Anruf auf ein paar Tage später, denn sie war abends zu einem Date verabredet …  

 

Ein paar Tage später faste er sich erneut das Herz. Er war doch nun Alphamännchen. Doch kamen ihm Zweifel: Was, wenn sie bereits einen Neuen hatte? Aber auch hierrüber hatte der Ratgeber ja auch ein Kapitel übrig. Er lag ja noch gut in der Zeit, so dass selbst eine neue Liebe in ihrem Leben nur eine Übergangslösung sei. Und er als neues Alphamännchen würde in ihr, dies wurde ja im Ratgeber versichert, den besten Eindruck hinterlassen, so dass er sich sicher sein konnte, dass jeder andere Mann neben ihm verblassen würde. Dies hatten ja auch die verschiedenen Dates gezeigt. Nun rief er an, sein Herz pochte wieder stark, aber er zwang sich, auf diesen Spickzettel zu starren. Tatsächlich, sie ging an ihr Handy.  

 

„Nanu, wieso rufst mit unterdrückter Nummer an?“ fragte sie ihn und zog ihren Spickzettel für das mit ihm geplante Telefonat herbei. „Och, du, das ist wohl ein Versehen“, stammelte er. Und nun hielten sich beide genau an ihre Spickzettel und kamen keinen Schritt weiter, weil sich beide gleich verhielten und der gewünschte Überraschungseffekt des jeweils Anderen aus blieb. Das Gespräch verlief alles andere als begeisternd und nachdem sie es beendeten, fragte sich jeder: Was war das denn jetzt? Beide kamen zu dem Schluss, dass der jeweils Andere wohl doch kein Interesse mehr hatte.  

 

Die Ratgeber hatten aber auch hierfür eine Lösung: Nicht aufgeben, weiter machen. Ein nächstes Telefonat sollte zu einem gemeinsamen Treffen führen. Die Euphorie, die Freude war allerdings bei beiden endgültig verflogen … Keiner von ihnen hatte die rechte Lust, es noch weiter zu versuchen.  

 

Die Zeit zog ins Land. Weitere Dates mit eventuellen neuen Partnern wurden für beide weniger. Beide dachten zwar aneinander, aber es schien nicht zu reichen, um noch einmal miteinander zu telefonieren. Die jeweiligen Ratgeber waren längst vergessen, und im jeweiligen Leben der beiden kehrte Ruhe ein, als sie sich eines Sonntags morgens zufällig an einer Tankstelle wieder sahen. Aus dem Alphamännchen war wieder ER selbst geworden, auch SIE als Top Model war wieder auf den Boden ihrer selbst zurückgekehrt. 

 

Als sie sich gegenseitig entdeckten, war die Freude riesig groß. Sie hatten sich verändert, das spürten sie beide, aber auf ihre natürliche Art und Weise. Sie sind noch heute ein Paar. Die beiden Ratgeber haben sie sich binden lassen und verstauben heute im Bücherregal, denn sie wurden nicht mehr gebraucht …  

 

Sarah