Er freut sich auf den Frühling, auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, die er nur fühlen kann. Er wird keinen blauen Himmel sehen, die Blumen im Garten kennt er nur aus seinem "sehenden" Leben. Dieses Leben ist seit Jahren endgültig vorbei. Mein Vater trägt sein Schicksal tapfer, doch an manchen Tagen fällt es ihm schwer: "Für mich ist immer Nacht, auch wenn die Sonne scheint..." Darauf eine passende Antwort zu finden, ist nicht einfach. Einen wirklichen Trost gibt es nicht. 

 

Im Frühling wird er auf der Terrasse sitzen und die Sonne genießen. Ich erzähle ihm von den Blumen, die ihre ganze Pracht entfalten. Er kennt noch alle Namen, wenn ich sie ihm beschreibe. An die Farben kann er sich erinnern. Wenn er sich mit seinem Blindenstock vorsichtig über den Gartenweg vorwärts tastet, habe ich unendliches Mitleid mit ihm. Wenn es doch nur eine Möglichkeit geben würde, dass er noch einmal sehen könnte! Einen einzigen Tag nur!

 

Es ist schwer für ihn, Gesprächen in einer größeren Runde zuzuhören, weil er ja nur die Stimmen hört, aber die dazugehörigen Gesichter nicht sehen kann. Dem Geschehen im Fernsehen zu folgen, ist fast unmöglich, auch wenn meine Mutter versucht, ihm alles zu erklären. Darum konzentriert er sich auf das Radio und Hörbücher. 

 

Es ist immer schwer, mit einer Behinderung zu leben, sie als unabänderlich zu akzeptieren. Doch in der Dunkelheit leben zu müssen, erfordert sehr viel Kraft und Stärke. An guten Tagen hat er diese Stärke und ich freue mich über sein Lächeln und weiß, dass er die Sonne im Herzen trägt.  

 

 

 

 

 

Bild: pixelio

M.E.