Sollte er tatsächlich  Glück haben? Nicht auszudenken, wenn es klappen sollte. Immerhin, sie hatte nicht nein  gesagt. Morgen wollte sie ihn anrufen, um ihm zu sagen, ob sie bereit war, sich mit ihm zu treffen.

 

Seit Jochens Frau  vor 5 Jahren gestorben war, lebte er allein, ein Mann von 67 Jahren, nicht schön, nicht hässlich, nicht groß, nicht klein, eben, wie er fand, ein ganz durchschnittlicher Mann. Zunächst hatte er sich, nach Irenes Tod  in seine Arbeit gestürzt, hatte freiwillig Zusatzschichten übernommen, nur um nicht nach Hause zu kommen und allein sein zu müssen. Nur in ganz kleinen Schritten hatte der Schmerz sich zurückgezogen.

 

Doch als er 65 wurde und in Rente ging, wurde ihm seine Einsamkeit bewusst. Jochens ehemalige Kollegen luden ihn immer wieder ein, doch an gemeinsamen Unternehmungen teilzunehmen, doch er konnte sich nicht dazu aufraffen, und da sie immer wieder eine Absage bekamen, zogen sie sich mehr und mehr zurück.

 

Zwar kam seine Tochter einmal die Woche  mit seinem Enkelkind vorbei, aber die übrige Zeit verbrachte er grübelnd und einsam meist allein in seiner Wohnung. Schlafen, essen, nachmittags ein kleiner Spaziergang, fernsehen, wieder schlafen. Die Tage, Wochen und Monate krochen eintönig dahin.

Doch dann schenkte ihm seine Tochter vor etwas über einem Jahr einen PC zu Weihnachten und  beantragte einen Internetanschluss für ihn.

Zunächst hatte Jochen sich dagegen gewehrt, er in seinem Alter, das war ihm alles sehr suspekt.

Doch seine Tochter und sein Schwiegersohn zeigten ihm die ersten Schritte an diesem „Ding“, wie er es nannte, und bald kam er ganz gut damit zurecht.

Vor acht Monaten war Jochen dann eher zufällig auf dieser  „Internetplattform für die reife Jugend“ gelandet und dort war er dann nach einiger Zeit auch  Helga begegnet.

 

Offensichtlich war auch Helga nicht sehr Chat erfahren, die Nachrichten, die sie anfangs austauschten, waren freundlich aber unverbindlich gewesen. Nach und nach jedoch wurden sie persönlicher und Jochen erfuhr, dass Helga ihren Mann vor 3 Jahren durch einen tödlichen  Autounfall verloren hatte, ihre Ehe kinderlos war und sie sich ebenfalls sehr allein fühlte und dass sie nur ca. 50 km von ihm entfernt wohnte..

Dank einer guten Witwenrente brauchte sie mit ihren 56 Jahren nicht zu arbeiten.

Aber ähnlich wie er, konnte auch sie sich nur selten aufraffen, mal etwas zu unternehmen.

 

Sie war, wie er fand, eine äußerst attraktive Frau für ihr Alter, vorausgesetzt, es war ein echtes Foto.

Er hatte Helga danach gefragt und sie hatte fast entrüstet beteuert, dass  sie genau so und nicht anders aussähe. Mittlerweile schrieben sich Jochen und Helga schon seit über 4 Monaten und  gestern hatte er es endlich gewagt, sie um ihre Telefonnummer zu bitten.

Nun hatte er sie und hatte sich den ganzen Tag über nicht getraut, sie anzurufen.

Bis zum frühen Abend hatte er gebraucht, bis er es wagte, die Ziffern einzutippen.

Fast war er versucht, den Anruf abzubrechen, als das Rufsignal ertönte, doch bereits nach dem zweiten Ton war sie am Apparat. Und plötzlich wich seine Verlegenheit und Unsicherheit, als er ihre Stimme vernahm.

Helgas Stimme faszinierte ihn. So und nicht anders hatte er  sie sich vorgestellt. Sie plauderten über Gott und die Welt und nach über einer Stunde wagte er dann endlich, sie zu fragen: „Ich würde dich so gern persönlich kennen lernen,  können wir uns nicht bald mal treffen?“ Und  Helga hatte nicht „Nein“ gesagt, sondern „Vielleicht“.

 

Nach dem Telefonat hatte er den PC noch einmal eingeschaltet und sich ihr Profil und ihr Foto intensiv angeschaut. Zuversichtlich fuhr er den Rechner herunter und schaltete ihn aus. Und das erste Mal seit langer Zeit träumte er in dieser Nacht.

 

 

© Sibylle E.

Foto: Aquarell von Marianne SEB