Wieder einmal heulten die Sirenen.
„Dieter, du musst deinen Koffer nehmen und ganz schnell zu Onkel Clemens in die Schule rennen, “ trug die Mutter eindringlich auf.
Der Knirps von gerade vier Jahren kannte das schon. Seine Mutter bekam augenblicklich Durchfall, wenn die Sirenen heulten. Statt mit ihm zu kommen, rannte sie aufs Klo
Die Schule, die als Luftschutzraum diente, war nur 500 Meter entfernt an der nächsten Ecke. Sein Onkel war dort Ordner und hielt immer einen Platz frei.
Als Dieter, wie ihm beigebracht worden war, eng an der Häuserwand zur Schule lief, hörte er ein lautes Brummen am Himmel. Ein Propellerflugzeug kam auf ihn zu. Es war ganz nahe. Er konnte den Mann mit der Fliegerbrille erkennen, sah das Lederband, das unter seinem Kinn lustig flatterte. Wenn Dieter auf den Propeller der silbernen Maschine sah, schienen sie manchmal still zu stehen.Irgendetwas knallte und pfiff um ihn herum, doch Dieter stand nur da und starrte entzückt zum Himmel.
Eine Hand ergriff sein dürres Oberärmchen und mit Schwung wurde er in einen nahen Hauseingang gezogen.
„ Du darfst doch nicht einfach stehen bleiben und warten, bis die Schweine dich abballern!“
Dieter erkannte den Schuster Cornellissen, der ihm gerade das junge Leben gerettet hatte. Was der Schuster meinte, verstand er nicht, folgte ihm aber im Laufschritt zur Schule, wo seine Mutter schon völlig entnervt nach dem Jungen suchte.
Schnell brachte Onkel Clemens sie in einer Ecke unter und dann ging es auch schon los. Es krachte und dröhnte, doch diesmal war das alles viel lauter. Der elektrische Strom fiel aus, niemand traute sich zum Generator. Die Wände und Holzbänke wackelten, als säße man auf einem galoppierenden Pferd. Die Menschen schrien, beteten und fluchten, sie weinten, nässten und koteten sich ein in ihrer Todesangst, Mütter pressten ihre Kinder an sich, um ihnen in der letzten Minute so nahe wie möglich zu sein.
Der Boden bebte ganz seltsam, aus der Decke fielen Stücke heraus, groß wie ein Fußball, fielen auf Beine, Schultern und Köpfe. Das Kreischen der Frauen übertönte das Weinen der Kinder, eine Staubwolke waberte gespenstisch durch den Lichtschein der einsamen Petroleumlampe und draußen dröhnten die Motoren der Flugzeuge so laut, als wären sie auf dem Dach der Schule gelandet.
Das Dröhnen entfernte sich, die Staubwolke wurde lichter, Dieter sah die Menschen neben ihm in eine dicke, weiße Puderschicht gebettet. Die wenigen alten Männer fassten sich zuerst und stemmten sich gegen die schwere Türe, die sich erst nicht öffnen ließ. Gemeinsam schafften sie es und einer drängte sich durch den Spalt und tastete sich an der Wand des Ganges entlang.
In gespenstischer Totenstille lauschten alle den knirschenden Schritten im Gang, der ins Freie führte. Ein seltsamer Laut, einem Gurgeln nicht unähnlich, tönte aus der Richtung, in die der Alte gegangen war. Was war los? Er wollte doch Nachricht geben, ob die Luft rein sei.Der nächste zwängte sich durch den Spalt und schob erst einmal die hinderlichen Steine zur Seite, um die Türe weiter öffnen zu können. Zwei Männer und eine Frau tappten diesmal durch den vor Dreck knirschenden Korridor zum Ausgang. Dort fanden sie den zusammengekauerten Alten, der zuerst aus dem Bunker gegangen war. Wie hypnotisiert starrte er auf die Trümmerwüste vor sich, die kurz zuvor noch aus Häusern und Straßen bestanden hatte.
Alles, was 100 Meter weiter vor der Schule gestanden hatte, war dem Erdboden gleich gemacht. Aus den Trümmern loderten Flammen, Menschen und was von ihnen übrig war, lagen überall herum. Die Frau machte kehrt, ging in den Bunker und sagte bestimmt
„Die Kinder bleiben hier drin!“
Zögernd und voll schlimmer Vorahnungen sahen sich die Erwachsenen an, befahlen den Kindern zu warten, bis sie abgeholt würden und wankten aus den Schutzräumen, stellten sich der Realität. Vor der Schule erklangen Schreie, die Dieter das Blut in den Adern gefrieren ließen. Wer so schrie, dem war etwas Schreckliches geschehen, soviel war auch ihm klar.
Lange Zeit hockte er mit rundem Rücken auf der niedrigen Bank, einige Kinder waren schon abgeholt worden, er wollte zu seiner Mutter, pinkeln musste er auch. Obwohl es bestialisch nach allen möglichen Körperausscheidungen stank, wollte Dieter absolut nicht hier in eine Ecke pinkeln.
Er wollte nur bis ganz kurz vor die Türe gehen, zu dem kleinen Busch daneben. Als er seine Hose öffnete fiel sein Blick auf ein Gebilde, das seine Augen erst einmal wie ein Puzzle zusammen setzen musste. Onkel Clemens lag dort auf dem Rücken im Dreck, seine Augen und sein Mund waren weit geöffnet und aus seinem Bauch quoll eine schwarzrote, breiige Masse mit dicken Schläuchen drin. Völlig vergessend, dass er gerade pinkelte, taumelte er ein paar Schritte rückwärts und stolperte über etwas. Seine Hand griff in eine warme Masse und als er hinsah, lehnte er gerade auf einem abgerissenen Bein. Er öffnete den Mund zu einem Schrei doch nichts als ein Kiekser entwich seinen Lippen. Er sprang auf, wollte das widerliche Blut an einem Stein abwischen, doch der Stein war warm und hatte lauter Haare. So schnell seine Beine ihn über Geröll, Schutt und Leichen trugen rannte er los, nur schnell nach Hause…
Doch wo war die Straße? Dicke Staubschichten lagen überall da, wo keine Steine waren. Er fand auch die Häuser nicht, an denen er vorbei laufen musste, um zu seiner Mutter zu kommen. Qualm trieb ihm die Tränen in die Augen und blind rannte er einfach weiter, stolperte, stand wieder auf. Weg, nur weg hier! Als er völlig erschöpft war, sah die Umgebung auch nicht besser aus.
Hier standen noch einige Häuser, doch sie brannten. Fensterscheiben klirrten in der Gluthitze und beulige Hände aus schwarzem Rauch griffen nach ihm. Hitze und Wind formten Monsterfratzen in den Rauch, die das Kind verfolgten, mit Riesenmäulern nach ihm gierten. Er schrie so laut er konnte, doch die Hände waren immer noch da, rüttelten ihn, tatschten feuchtwarm ins sein Gesicht, fassten ihn im Genick, stürzten sich auf seinen Kopf. Er strampelte und schrie, schlug um sich und rief nach seiner Mutter.
Dieter wurde wach und lag auf dem Sofa seiner Tante Thea. Der alte Lehrer seines Bruders hatte ihn umherirrend gefunden. Sein Elternhaus stand nicht mehr, war dem Erdboden gleich gemacht worden von der ersten Luftbombe, die in Bergeborbeck fiel.Ein paar Wochen später saßen Tante Thea und ihr Sohn Helmut, wie auch Dieter und seine Mutter auf einem Pferdewagen, der alle zum Bahnhof brachte.
„Wir werden evakuiert, kommen da hin, wo kein Krieg ist, “ hatte die Mutter erklärt und Dieter war froh. Nachts kamen immer noch die Rauchmonster an sein Nachtlager und befahlen ihm, ins Bett zu machen oder ganz laut zu schreien.
Am Bahnhof waren unvorstellbare Menschenmassen. Sie standen auf den Waggons, auf den Pollern dazwischen, hingen halb aus den Fenstern. Ordner sortierten die Frauen mit den kleineren Kindern aus und schoben sie zu einem Wagen, wo man die Sitze innen noch sehen konnte.
Dieter wurde durch ein geöffnetes Fenster nach innen gereicht, wobei er sein Köfferchen fest in der verkrampften Hand hielt. Seine Mutter erhielt die Information „Abteil sieben,“ und musste sich durch die übervolle Türe in den Zug zwängen, der bald schon durch einen schrillen Pfiff das Signal zur Abfahrt bekam.
Als der Zug langsam ruckelte und Dieter seine Mutter noch nicht sehen konnte, weinte er. Der Mann neben ihm tröstete den Jungen
„Du musst keine Angst haben. Die Mama kommt gleich! Es ist nur so voll auf dem Gang, dass sie nicht schnell vorwärts kommt. Mama weiß, dass du in diesem Abteil bist. Lass uns jetzt mal zuhören, was die Lock sagt…hörst du, wie sie sich anstrengen muss, weil so viele Leute mitfahren? Hör mal hin…sie sagt…h e l f m i r schiiieben, heeelf miiir schiiiieben, helf mir schieben…“
Dieter hörte aufmerksam hin. Ja! Mit dem Dampf, der jetzt vor dem Fenster sichtbar wurde, drangen auch die Laute der Lok bis zu ihnen. Immer schneller fuhr der Zug, immer schneller kam die Aufforderung…helf mir schieben…
Der Mann war wohl ein Eisenbahnfan, denn er erklärte Dieter
„Jetzt sagt sie…geht schon besser, geht schon besser,“ wobei der Mann absichtlich zischend sprach.
Ein Pfiff ertönte und der Mann strahlte
„Hast du gehört? Nun hat sie gerufen…guuuut! Jetzt schafft sie es ohne anschieben.“
Der Zug fuhr, doch Dieters Mutter war immer noch nicht da. Wieder weinte das Kind.
„Was hast du denn alles mitgenommen auf deine Reise?“ Der Mann versuchte, Dieter abzulenken und zeigte auf den kleinen Koffer an Dieters Hand.
„Da ist was zum Anziehen drin und mein Benno!“
„Wer ist denn dein Benno, “ wollte der Mann wissen und Dieter holte einen kleinen Bären aus dem Koffer.
Er hatte hellbraunes Fell, trug eine rote Schleife um den Hals und eines seiner Augen war heller braun als das andere Auge. Mutter hatte es mit Uhu angeklebt, weil es beim Toben herausgefallen war und der Metallstift, der es im Teddykopf festgehalten hatte, abbrach.
Endlich ging die Türe auf und Dieters Mutter kam herein. Ein Mann bot ihr seinen Platz an und setzte sich selber auf den Boden. Dieter schlief bald auf dem Schoß seiner Mutter, die dürren Beinchen auf den Knien des netten Herrn neben ihm platziert, die Hände um Benno gewickelt.Der Zug erreicht Ulm, Dieter wird geweckt, er muss laufen, die Mutter trägt schon den Koffer, Dieter trägt seinen doch dann ist Benno weg und der Zug fährt weiter , die Menschen drängeln und niemand mehr tröstet den kleinen Jungen, der noch nach Wochen weint, weil sein Freund weg ist
Alle Bären, die nach Benno gekauft werden, lehnt er ab. Er bleibt seinem Freund treu, will keinen anderen Bären.
Dieter ist inzwischen 70, stolzer Urgroßvater. Mit seinem Urenkel geht er über einen Flohmarkt, denn Junior hat Opa überzeugt, dass er ein neues Spiel für seine „Playsi“ braucht, die auf dem Flohmarkt billiger sind.Der Flohmarkt ist nicht groß, auch nicht übermäßig gut besucht und so läuft Junior zu den Ständen mit der modernen Technik, das Taschengeld gut verborgen in der Jacke, während Dieter sich lieber den alten Kram ansieht.
An einem Stand entdeckt er ein Feuerwehrauto aus Blech. So eines hat er selber noch zuhause im Keller, in einem originalen Persil-Karton. Er ist auch noch im Besitz eines Polizeiautos, was nicht vom Tisch fällt, sondern an der Kante von allein umdreht.
Er geht näher zu dem Stand und sieht das Preisschild an dem Blechauto. Ein Euro!
„Junge Frau, das ist ein echt altes Auto, das müssen sie in einem Antiquitätengeschäft anbieten. Ein Euro ist viel zu wenig, nehmen sie das mal schnell vom Tisch runter, “ rät er der jungen Dame, die nicht gerade reich aussieht.
„Ich habe das Zeugs von einer alten Nachbarin bekommen, die ist jetzt im Pflegeheim gestorben. Ich muss meinen Keller leer machen und habe keine Ahnung von dem Krempel.“
„Blechspielzeug ist gefragt, glauben sie mir, “ versichert Dieter und sieht sich weiter um, doch es gibt nichts interessantes mehr zu sehen.
„Ich habe auch noch alte Puppen hier, “ erklärt die Frau und öffnet einen zerbeulten Koffer.
Die ersten Barbiepuppen liegen darin und auch ein Schlummerle ist zu sehen. Dieter hat dafür keine Verwendung, er hat nur männliche Enkelkinder, wie er der Dame erklärt.
„Mit so einer hat meine Mutter früher gespielt, “ verrät die junge Frau und hebt die Puppe mit den schlackrigen Armen und Beinen aus dem Koffer.
Dieter glaubt zu träumen.
Unter der Puppe liegt ein kleiner Bär, sein Fell ist schmutzig hellbraun und ein Auge ist heller als das andere Auge. Die rote Schleife wurde durch eine grüne ersetzt doch dies ist zweifellos Benno!
Wie in Zeitlupe bückt er sich hinunter. Ja, Benno zwinkert ihm zu, so, wie er es immer gemacht hat.Auf dem Rücken des Bären ist der Kreis zu fühlen, der die Brummstimme beherbergt. Darüber fehlt die Holzwolle, weil da mal ein Loch war. Dieter entdeckt den dunkelbrauen Faden, mit dem Mutter Benno zunähte. Die Stimme war damals schon kaputt, doch Dieter unterhielt sich auch gut mit dem stummen Benno.
„Benno, wie kommst du denn hierher, “ will er ganz offen von dem Bären wissen. Der zwinkert mit einem Kopfrucken zum Auto hinter dem Verkaufstisch. Klar, mit dem Wagen der Dame….
„Den können sie geschenkt haben, der ist so dreckig, den wollte ich schon in den Müll werfen, “ gibt die Dame zu und wundert sich über Dieters entsetztes Gesicht.
Er kramt in seiner Börse und zieht den Fuffi heraus. Zehn Euro braucht er noch für Mc Donalds, das hat er dem Kleinen versprochen.
Er drückt das Geld in die Hand der verdutzten Dame und den Bären mit Tränen in den Augen an sich.
Heute Nacht, wenn die Träume wieder kommen, wird er Benno erzählen, was alles auf der Fahrt geschehen ist, wie die Männer über Mama hergefallen sind als sie durch den Wald zu dem Bauernhof gelaufen sind, auf dem sie dann leben durften, wie sie den Koffer von ihm und Mama plünderten und seine Mama nackig war. Er wird Benno auf seine Ohren drücken und dann werden sich die Schreie seiner Mama vielleicht nicht mehr bis an sein Trommelfell drängen können.
Vielleicht wird er auch, wenn Benno jetzt wieder über ihn wacht, das Gefühl nicht mehr haben, dass sein Pipi ihm vor lauter Angst an den Beinen herunter läuft.
