Stefan K. (28)
will kein ‘Flaschendrehen’ mehr spielen
Ich weiß nun nicht … war es später Vormittag oder aber früher Nachmittag … jedenfalls ist es mir zur Gewohnheit geworden, nicht mehr nur zu bestimmten, von mir favorisierten Fernsehsendungen den Kasten einzuschalten.
Ich suche nämlich Arbeit, wenn möglich, nicht gaaanz so schlecht bezahlt, und in der Regel habe ich dann schon vier/viereinhalb Stunden Jobrecherche hinter mir, die ein oder andere Bewerbung ist auch dabei, da ich doch recht vielseitig bin.
Und nicht nur aus diesem Grund – vom eigenen Defizit abzuschalten, sich selbst für eine Weile ‚auszuschalten’ …schalte ich also ‚ein’.
Ich sehe einen Mann.
Gut lesbar (sogar für mich, die ich eine Brille mit doch imposant-dicken Gläsern trage) steht unter dem Konterfei:
Stephan K. (28) will kein Flaschendrehen mehr spielen
Stefan K. kenne ich nicht, aber ich kann ihn sehr gut verstehen. Mit 28 würde ich auch kein Flaschendrehen mehr spielen wollen.
„Das ist ja der Punkt“, spreche ich mit mir selbst. „Wenn ich nicht Flaschendrehen spielen will - schon gar nicht mehr mit 28 (!), empöre ich mich selbst – „dann mach’ ich dat nich. Ist doch ziemlich einfach.“
Aber da ich mich durch menschliche Verstrickungen schon früh angezogen fühlte, wische ich meine Bedenken zur Seite … lausche …
Das ist keineswegs ganz so einfach, höre ich die Stimme aus dem Off meine Bemerkung kommentierend.
Stefan K. will wirklich mit dem Flaschendrehen aufhören …
„Ja, in Gottes Namen“, antworte ich der Stimme, die mir immer vertrauter wird, „wat hält dat Schaetzelein denn davon ab, mit dem Flaschendrehen aufzuhören?“
Da ich die Stimme durch meine Fragen, die ich so – schwupps – beim angestrengten und auch durchaus engagierten Hingucken einfach so mit eingeworfen habe, keineswegs unterbrechen konnte, bekomme ich noch so en passant mit, dass Stefan K.
Haltet euch fest … ihr glaubt et nich …
SEXSUECHTIG
ist.
Na ja, und er deswegen eben Probleme mit dem ‚Aufhören“ hat.
„Hm“, überlege ich laut. „Drehen die die Flasche, um auszulosen, wer wen küsst … so mit 28 … oder … etwa … nae, echt? … wer mit wem … oehm … (spannungsvolles Raunen vor meinem Fernsehgerät, uups, das bin ich selbst) ‚beischläft’“.
Nae, ne?
Meine Spannung steigt ins Unermessliche. Mit mehr oder weniger vor Schreck geweiteten Augen werde ich Zeugin, das Agnes K., Mutter des Stefan, selbigen zur Rede stellt, indem sie wie eine Furie durch das gemeinsame Wohnzimmer tobt und alle, die gerade lustig drehen … hach, endlich … hinauswirft.
Es folgt eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen Sohn und Mutter K., bei der Mutter K. sich lediglich im letzten Moment zurückhalten kann, ihrem Sohn körperlich ‚die Leviten zu lesen’.
Ich sitze da vor dem TV. Scripted … alles nur scripted, beruhige ich mich selbst.
Aber:
Ganz andere Gedanken kommen mir, während ich nebenbei vernehme, dass Stefan K., der seine Mutter sehr liebt, eine Therapie machen will. Ernsthaft.
Allen Ernstes?
Wegen Flaschendrehen? Oder weil er mit 28 immer noch Flaschen dreht?
Er wird dem Psychotherapeuten gegenübersitzen, und ihn direkt mit seiner Not konfrontieren:
„ Herr Dr. Sorge-Feingefühl, ich habe ein Flaschendrehsyndrom!“
Herr Dr. Sorge-Feingefühl wird Stefan K. beruhigend, interessiert und auch väterlich besänftigend anschauen und ihn fragen:
„Möchten Sie mir beschreiben, was sie fühlen … was sie denken, wenn Sie den Flaschenhals, die Öffnung (akademisches Räuspern) sehen, wenn diese mit der von Ihnen doch mehr oder weniger initiierten Geschwindigkeit immer wieder auf sie zeigt … oder … das scheint ja nun auch ein gewisser Thrill zu sein, nicht wahr? … auf jemand anderen, jemand fremden? – Oder, fangen wir vielleicht mit dem Bauch der Flasche an … wenn sich die Wölbung der Flasche lustvoll um den eigenen Rotationspunkt dreht, immer schneller, immer rasanter … was empfinden sie dann?“
Stefan K. wird …
„Nein, stopp!“, rufe ich mich selbst zur Ordnung, gebiete meiner Phantasie Einhalt.
Ich überlege …der Schnufie ist 28, lebt bei seiner Mutter und knüpft mittels Flaschendrehen Kontakte zum anderen Geschlecht im gemeinsamen Wohnzimmer … nur ganz kurz denke, hoffe ich, dass der Schnufie wenigstens ein eigenes Bett hat …
Ich überlege … die Mutter liest ihrem 28-jaehrigen Sohn die Leviten … wahrscheinlich endlich, oder wie?, rennt es mir durch den Kopf. Aber meine Überlegungen werden immer konkreter und auch grausamer in ihrer Konsequenz:
Dieser Schnufie samt seiner Mutter geht wählen!
Angst!
Schnell schalte ich ab. Mir ist egal, ob er eine Therapie machen wird oder nicht. Letzten Endes ist mir auch egal, ob seine Mutter ihrem verbalen ‚Leviten lesen’ körperliche Untermalungen zwecks Nachhaltigkeit folgen lässt.
Es folgt: soll er doch waehlen gehen. Seine Mitdreher/innen auch und seine Mutter ebenfalls.
Denn:
Nachdem ich mein Entsetzen überwunden habe, nehme ich einen Zollstock, vermesse mein Wohnzimmer (32 qm, wat e Jlueck, da kann das Kamerateam auch noch locker agieren und auch das Beleuchtungsteam wird keine Schwierigkeiten haben) und nach einer kurzen Kosten/Nutzenrechnung steht mein Entschluss:
Bei Frau Gabililith werden ab sofort Kontakte per Flaschendrehen geknüpft.
Pro Session nehme ich eine Pauschale von Euro 50,00 (Getränke werden von jedem selbst mitgebracht), pro Nase noch einmal Euro 5,00.
Das Drehen der Flasche kostet jeden einmalig weitere, sofort zu entrichtende Euro 2,00 – hierbei ist vollkommen egal, ob sich die Flasche drei- oder fünf Mal dreht -, kommt ein erfolgreicher Kontakt zustande, ist eine bescheidene Folgegebühr, nennen wir sie ‚Abstandszahlung’ von lausigen Euro 10,00 (ich bin ja kein Halsabschneider) fällig.
Bei 8 teilnehmenden Personen pro Tag und ca. 50 Drehflaschenmomenten (realistisch eingeschätzt) macht das … summa summarum … ach, und da habe ich natürlich vergessen, dass ich meine Idee vermarkten werde.
Vorzugsweise an … ach, is egal … Hauptsache, der Rubel rollt, da werde ich zur Matruschka.
Wenn hier also gerade und zufällig ein potenter (ihr wisst schon, wie ich es meine) Produzent auf der Platte diesen Artikel liest:
Ich habe selbstverständlich hier nicht meine Geschäftsidee in Gänze dargelegt....
Bei Interesse:
Gabililith, PF
Platinnetz, Koeln
Eine kleine Erklärung zum Schluss:
Ich mache das nur, damit alle Stefan K.’ s unserer Republik nicht zum Therapeuten müssen und auch nur, weil ich weiß, dass alle Menschen gleich sind.
Besonders die Wahlberechtigten. Somit ist meine Intention eine rein gesellschaftspolitische. Was ja aber eigentlich klar sein dürfte.
