Drei Tage lang hatte der Sturm über Klein Zicker und Lobbe auf Rügen getobt. Der Wind knallte die Wellen gegen die Steilkante, bis große Stücke abbrachen. Die Uferschwalben würden neue Brutröhren bauen, sich eine andere Steilwand suchen, doch die kleine Bank, die oben kurz vor der Kante stand und einen so wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang gewährte, lag nun zertrümmert und halb verdeckt von Sand und Lehm auf den typisch schwarz-weißen Steinen im Spülsaum.
Da hatte der Leuchtturm es besser, seine Ufer waren mit Beton gesichert, hier nagten die Wellen vergebens. Trotzdem hatte man das Gefühl, der alte Turm bebe bei jedem Klatscher, der die Gischt über ihn sprühen ließ. Wer verrückt genug war, sich bei dieser Windstärke bis zum Turm zu wagen, konnte verstehen, warum selbst große Seevögel wie Silbermöwen völlig ohne Flügelschlag in der Luft bleiben konnten. Sogar ich war sicher, wie ein Windvogel vom Boden abzuheben, wenn ich meine Jacke öffnete und wie Flügel seitlich festhielt, woraus man erkennt, dass ich eine der Verrückten war, die sich den Wind um die Ohren pfeifen ließ.
Die Farben der Ostsee waren unbeschreiblich. Es gab helle Flecken wo das tosende Wasser den Kalk hochspülte und ganz dunkle mit Schleier, weil über den felsigen, schwarzen Grund Sandnebel wirbelten. Die schnell ziehenden Wolken ließen das Meer mal bedrohlich dunkel sein, dann wieder huschte ein Sonnenstrahl aus der grauen Watte und tupfte ein zartes Smaragdgrün in die Wellen.
Mit dem Donnern der tosenden Wellen schlief ich ein und wurde am nächsten Morgen von einem Sonnenstrahl geweckt, der meine Nase kitzelte. Sonne? Mit dem Fernglas ran ans Fenster….tatsächlich! Türkis schimmerte das Wasser vor dem langen Sandstrand, auf dem allerlei Strandgut lag.
Hatten die Einheimischen nicht gesagt, dass man nach solchen Tagen Bernstein am Strand finden konnte? Wie war das noch? Ach ja, man erkennt ihn daran, dass der vermeintliche Stein entweder schwimmt, oder in der Bewegung der Wellen rollt. Nix wie raus an den Strand!
Die Jacke knotete ich nach wenigen Minuten um die Fototasche, die Sonne wollte an diesem Morgen die versäumte Wärme der letzten Tage mit einem Schlag zu verteilen. Schnell belebte sich der Strand, was mich nicht weiter störte. Ich brauchte ja nicht den idealen Platz für meine Liege, ich suchte nach Schätzen!
Im breiten Band des angespülten Blasentangs fanden sich die seltsamsten Dinge…ein Schuh, eine kaputte Brille, Getränkedosen, Plastiktüten, abgerissene Bojen der Fischernetze, Hölzer aller Art, eine luftleere Luftmatratze, eine Angel, mehrere Hüte und Kappen…herrje, was die Leute beim Sturm so alles verlieren! Hoffentlich ist die Luftmatratze weggeflogen, als sie zum Trocknen wo lag. Ich hatte keinen Bock, auf eine Wasserleiche zu treffen.
Gerade huschte mir dieser düstere Gedanke durch den Kopf als auch etwas über meinen Fuß huschte. Etwas verwundert sah ich auf den kleinen Aal, der sich wohl im Tang versteckte und mit diesem Taxi hierher kam. Ich kann nicht sagen, wer von uns erschrockener guckte. Er jedenfalls war der, der schneller weg war, denn ich suchte weiter aufmerksam Strandgut und Spülkante ab.
Am Nordperd, einem Vorsprung des Strandes, suchten mehrere Leute, was man an den gesenkten Köpfen sah. Sie Sonne sengte auch, nicht ihren Kopf aber meinen Nacken. Was gäbe ich jetzt um eine kühlende Brise, doch den Wind hatte Petrus in den letzten Tagen verbraucht.
„ IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHHH!!! Eine Schlaaaaangeeeee!“ Die Dame hinter mir brüllte, als sei der Leibhaftige vor ihr aus dem Boden geschossen.
„Das ist nur ein kleiner Aal,“ beruhigte ich doch die Dame beharrte darauf, es sei eine Seeschlange.
„Dann kann das nur die tödlich giftige Baummamba sein, “ erwiderte ich achselzuckend und Madame schaffte die hundert Meter in 6.3 Sekunden…und das auf Sand!
*Pfui, schäm dich, so fies am frühen Morgen* schalt ich mich selbst.
*Wenn die so blauäugig ist* entschuldigte ich mich bei mir.
Noch weiter zu gehen schien nicht lohnenswert, die ersten gesenkten (und wohl auch gesengten) Köpfe kamen mir schon entgegen. Ich machte kehrt und fand nach ein paar Minuten eine Flasche, die sehr auffällig auf dem Tang lag. Nanu? Die hatte ich übersehen? Jetzt war die bestimmt nicht angespült worden, die Wellen lispelten jetzt, wenn sie über den Sand rollten, gestern hatten sie noch gebrüllt. Eine Flasche konnte dieses Händchen voll Wasser nicht bewegen. War da nicht etwas drin?
Tathaftig! Eine Flaschenpost! Boh, so ein Glück! Die Neugier ließ meinen Puls auf geschätzte 250 Schläge ansteigen. War da der sehnsüchtige Brief eines Märchenprinzen drin? Eine Schatzkarte? Die Bundeslade? Wieso wollte diese gemeine Papierrolle nicht aus dem Flaschenhals kommen? Mein Handballen war schon ganz rot, weil ich die Flaschenöffnung ständig dagegen schlug. Endlich konnte ich den Rand der Rolle mit den Zähnen fassen und herausziehen. Fast ehrfürchtig rollte ich den Zettel ab.
WER DAS LIEST IST DOOF!
Keine Ahnung, welchen Ausdruck mein Gesicht gerade hatte, den beiden Bürschchen, die neben einem nahen Felsen kauerten, gefiel er wohl. Sie machten sich vor Lachen fast in die Badehosen.
Lag es daran, dass einer der Jungen aussah wie mein Enkel, dass ich gar nicht böse war, sogar laut über diesen Streich lachen konnte? Ich rollte das Papier zusammen, stopfte es zurück in die Flasche, drückte den Korken wieder hinein und platzierte sie für den nächsten Doofen.
Egal, ob man an Seeschlangen, Prinzen oder Schatzkarten glaubt, wer so blauäugig ist, ist auch ein wenig doof!
