Ein outing zuerst: Die Sänger sind schwul. In allen Lagen, durch alle Register, vom hohen Tenor bis runter zum Bass. Das schreib ich nun keineswegs, weil ich ein gemeiner Hund bin, sondern weil's einfach zur Sache gehört. "Männer-Minne", der 1987 gegründete Schwule Männerchor e.V., ist eine bekennende Gemeinschaft: Man darf ES nicht nur wissen, man soll ES auch merken. Auf diese "besondere Note" setzen die Minnemänner nicht etwa, weil sie ihnen Notenkenntnis und gediegene Sangeskultur ersetzen soll (so was gibt's ja leider auch), sondern weil sie mit ihrer eignen Art zu Toleranz herausfordern wollen und zu einem freundlichen Miteinander. Mit ihrem Programm "Bis früh um sex'e, süßer Klaus", im Neuköllner Saalbau vor viel Publikum dreimal gespielt, hat sich das halbe Hundert Freizeitsänger einen lang gehegten Wunsch erfüllt: eine Berlin-Revue mit Travestie, Parodie und Schlagern aus neun Jahrzehnten.
Sie wollen, so die Sangesbrüder im einschlägigen Stadtführer "Berlin von hinten", kein professioneller Chor werden, "der mit einem fehlerfreien Konzert das Publikum langweilt". Worauf ich das Programm meinem unprofessionellen Ohr anvertraute, das gravierende musikalische Kunstfehler nicht registrierte.
Die schwule Befindlichkeit wurde mit heiterem Selbstverständnis und Charme zur Schau gestellt, ohne missionarischen Eifer oder aufdringliche Provokanz. Sympathisch auch der frische, unsentimentale Klang des Chores, dessen Mitglieder fast alle im besten Minnealter sind. Die Formation wirkt gut trainiert, doch nicht dressiert. Der schlanke, geschmeidige Gesangsstil ließ sich auf den flotten Berliner Singspielton der Lincke, Gilbert und Nelson ebenso mühelos einstimmen wie auf den ironischen Brett'l-Stil der Hollaender, Spoliansky und Neumann oder den smarten Tonfilm-Sound der Kreuder, Igelhoff und Grothe.
Stars hab ich keine ausgemacht, Talente en masse, für Soli gab's keinen Trommelwirbel. Ensemblegeist geht hier wohl über alles. Gut aufgehoben im Ensemble auch Gastsolistin Ingeborg Strehle, denn ganz ohne Weiber geht die Chose eben doch nicht. Szene(n)applaus, als beim Lied "Nach meene Beene" der Chor im Handumdreh'n zum Corps de ballet wurde und Bein zeigte: Der intelligente Gag, das originelle Requisit, das komische Kostüm-Detail und die phantasievolle szenische Andeutung ersetzen eine aufwendige Ausstattung. Ökonomie auch in der Massenregie auf enger Bühne, so dass selbst quirlige "Milljöh"-Szenen übersichtlich blieben.
Die Conférence drängte sich nicht auf und drängelte sich nicht vor. Knappe Texte, gescheite Pointen, mit denen zum Beispiel auch die UFA-Traumfabrik treffend kontrapunktiert wurde. Treffender noch, als es dann das Le Prelude im Programm vermochte, und die Gewehrsalven aus dem Lautsprecher. Sie erwischten den Chor beim Marsch-Fox...
Nach der Pause wurde wieder auferstanden, mit dem passenden Eisler-Lied auf den Lippen: ein ebenso pfiffiger wie folgenreicher Gag. Denn nun hatte man sich zu dicke mit der Geschichte eingelassen, die im Nachkriegsberlin bekanntlich in zwei Geschichten zerfiel. Irgendwann bei solchen musikalischen Streifzügen entdeckt der Librettist eben immer den Historiker in sich. Da hört dann der Spaß auf und die Schulstunde fängt an. Denn mit Geschichte ist nun mal nicht gut zu spaßen, mit unserer schon gar nicht. Die Minne-Männer immerhin waren so schlau, sich doch lieber an die Lieder zu halten, die bringen ja genügend Zeitgeist mit, und was sie nicht tragen können, gehört auch nicht in so ein Programm. Bloß dass man halt von der DDR keine Lieder wusste außer der Hymne, und von der DDR-Geschichte nur das, was man so aus Zeitungen weiß. Darauf wurde zurückgegriffen, und raus kam: "Erich, wenn du Geburtstag hast", oder: "Ach Egon, Egon, Eeeegon...". Ach Klaus!
Zum Glück war der Osten rasch abgearbeitet, und dann war man wieder bei sich zu Haus und kannte sich aus und hatte zur Westberliner Nachkriegsgeschichte auch die passenden Nachkriegslieder, die schönsten lieferte das Kabarett. Satirisches von der Harmlos-friedfertigen Art, bitte sehr, aber Toleranz war ja das Grundmotiv des Abends. Wie sagte der Conférencier? "Falls Sie die eine oder andere exzentrische Bewegung der Akteure auf der Bühne irgendwo schon mal gesehen haben sollten - beim Vater, beim Bruder, beim Sohn oder bei sich selber, dann gehen Sie nach der Veranstaltung besser gleich nach Hause und führen ein klärendes Gespräch!"
Die Zuschauer lachten einvernehmlich. Wohl, weil's die meisten schon hinter sich hatten.
© P. B.
Streifzug mit Musik und Männer-Minne
Bis früh um sexe, süßer Klaus“ – ich erlebte eine musikalische Herrenpartie durch neun Jahrzehnte Berliner Geschichte
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