Elisabeth saust durch das Wohnzimmer und sucht ihre Kuchengabeln. Sie hat für die Konfirmationsfeier ihrer Enkelin eine Torte gebacken, und wie sie ihre Schwiegertochter kennt, hat die nicht genügend Besteck.
Von ihrer Schwiegertochter hält sie so gut wie gar nichts.
Eine Schublade nach der anderen öffnet sie. Sie findet Dinge, von denen sie gar nicht weiß, dass sie die besitzt. Kuchengabeln sind nicht dabei.
Aber dass ihre süße Enkelin Romina Konfirmation hat, das weiß sie.
Ihr Sohn Manfred holt sie mit dem Auto ab.
„Mama, bitte sitz’ hinten. Ich weiß nicht, ob du dich richtig fest hältst, wenn ich mal bremsen muss.“
„Aber dann verstehe ich dich nicht, Junge, und ich wollte dir noch einiges erzählen, bis wir bei euch sind.“
Manfred fügt sich, und Elisabeth berichtet vom Dokumentarfilm über Altersdemenz, den es kürzlich im Fernsehen gab.
„Ich weiß, man bildet sich oft Krankheiten ein, wenn man älter wird. Aber ich beobachte es schon seit einiger Zeit an mir. Ich erlebe Tage, wo ich ständig nur nach allem suche, und tags darauf finde ich die Sachen da, wo sie immer gelegen haben.“
Manfred hat bestimmte Eigenarten schon lange an seiner Mutter festgestellt. Es wird immer schlimmer, und mit Helga hat er schon oft darüber darüber diskutiert. Aber jetzt wiegelt er erst einmal ab.
„Ach, Mama, das geht uns doch allen so.“
„Nein nein, rede nicht. Ich weiß, dass man anfangs genügend lichte Momente hat, um zu erkennen, was mit einem los ist. Nur später merken es nur noch die anderen, dafür aber um so heftiger.
Und wenn ich mal Pflege brauchen sollte, bitte steckt mich nicht in eine Anstalt. Am liebsten wäre mir, ich würde bei euch im Hause wohnen. Aber pflegen müsstest du mich. Deine Helga ist ja so unordentlich.“
Der Wagen fährt in die Einfahrt, und als Elisabeth aussteigt, wird sie von Helga, Romina, ihrem Bruder Frederic und Neffen und Nichten herzlich begrüßt.
„Ich wollte Kuchengabeln mitbringen, aber ich habe sie nicht gefunden“, sagt Elisabeth bedauernd.
Helga lacht bitter. „Du traust mir mal wieder gar nichts zu, was?“
„Kein Haushalt hat genügend Besteck, wenn eine große Feier ansteht“, behauptet Elisabeth. „Wo ist denn meine Süße?“
„Du hast mehrere“, findet Manfred und lacht. „Meinst du unsere Konfirmandin?“
„Aber Oma, du hast mich doch gerade mit Küsschen begrüßt“, ruft Romina. „Die Stelle ist ja jetzt noch feucht.“
Alles lacht.
Romina führt ihre Oma an den für sie vorgesehenen Platz zwischen Mama und Papa.
„Sie wusste nicht mal mehr den Namen ihrer Enkelin“, behauptet Helga. „Und das mit den Kuchengabeln ist wieder typisch für sie.“
Nach kurzem Überlegen fügt sie hinzu:
„Der Doktor meint, dass sie in spätestens einem Jahr pflegebedürftig sein wird.“
„Es fällt mir zwar schwer, aber ich nehme mir die Zeit, sie zu pflegen. Sie hat mir alle Liebe, jede Menge Verständnis für meine Eigenarten in der Pubertät und eine gute Erziehung und die richtige Ausbildung gegeben“, erklärt Manfred. „Der Bausparvertrag wird fällig, und mit dem Geld kommen wir schon finanziell über die Runden.“
"Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn du sie pflegst. Du bist doch unser Alleinverdiener."
Romina steht in der Tür und will los plappern, wie dies Kinder meistens tun, aber sie besinnt sich, dass sie ab heute zu den Erwachsenen zählt und wartet ab, bis ihre Eltern eine Redepause machen.
„Ich überlege auch schon“, sagt Helga. „Romina und Frederic sind schon so groß, dass ich mich nicht mehr ständig um sie kümmern muss.“
„Du willst Oma pflegen?“ fragt Manfred erstaunt. „Wo sie dich doch überhaupt nicht leiden kann?“
„Schwiegermütter sind nun mal so“, findet Helga und zuckt mit den Achseln. „Einen Trost habe ich ja. Je stärker die Demenz fortgeschritten ist, desto seltener erinnert sie sich daran, wie wenig sie von mir hält.“
Romina hat mit gehört und legt ihre Hände von hinten auf die Schultern ihrer Eltern. Die drehen sich erschrocken um.
„Ich bin auch noch da“, sagt Romina. „Ich habe meine Oma lieb und kann mich nachmittags ein wenig um sie kümmern.“
„Aber nur nach den Hausaufgaben“, ruft Helga und hebt den Zeigefinger.
„Nee, die lese ich ihr vor. Vielleicht kann Oma mir noch eine Weile helfen. Sie war schließlich mal Lehrerin.“
© Jürgen Berndt-Lüders
