Tante Luise
Sie war eine der älteren Schwestern meiner Mutter, konnte Gitarre spielen und dazu singen. Als junges Mädchen war sie sehr hübsch, wurde von den jungen Männern ziemlich umworben und arbeitete in einer Garnfabrik. Uns Kindern hat sie viele Geschichten aus dieser Zeit erzählt, dazu mit ihrer Gitarre gespielt und gesungen. Wir liebten sie heiß und innig, denn sie brachte uns Kindern immer Süßigkeiten mit und gute Laune.
Sie heiratete zweimal, aber beide Ehen blieben kinderlos. Ich hatte nur ihren zweiten Mann kennen gelernt, den Onkel Franz. Er war von Beruf Stukkateur und ein stiller und fleißiger Mann.
In den letzten Kriegsjahren hatte er mal in einer Gaststätte nach entsprechendem Alkoholkonsum laut geäußert, der Hitler würde unser ganzes Volk ins Verderben stürzen. Noch in der gleichen Nacht wurde er verhaftet und kam ins KZ Mauthausen. Tante Luise stand in dieser Zeit tapfer zu ihrem Mann, obwohl die Nazis ihr zusetzten, sich von ihm scheiden zu lassen. Er hat das KZ überstanden und kam nach dem Krieg wieder nach Hause zurück, aber er war ein psychisches Wrack und - er war Alkoholiker geworden. Er muss Fürchterliches erlebt haben, aber er sprach nie darüber. Nur wenn er betrunken war und jemanden in einer Uniform sah, zum Beispiel einen Polizisten, griff er ihn sofort an. Es kam auch zweimal zu einem Prozeß, wo er aber jedes Mal frei gesprochen wurde. Vom deutschen Staat bekamen alle KZ-ler nach dem Kriege eine sogenannte Wiedergutmachung, wovon sich Onkel Franz ein kleines Häuschen baute. Mein Vater half ihm dabei.
Bei schönem Wetter besuchte unsere ganze Familie häufig sonntags die Tante Luise und den Onkel Franz, und wir brachten ein wenig Leben in die Bude. Onkel Franz starb verhältnismäßig früh, und meine alte Tante wohnte mit ihren 80 Jahren allein, fast ganz erblindet und stark gehbehindert, in ihrem Häuschen. Ein Altenheim, wo sie versorgt worden wäre, kam für sie überhaupt nicht in Frage.
So wurde es einsam um sie. Und da geschah etwas, womit niemand in der Verwandtschaft gerechnet hatte: Sie verliebte sich unsterblich in einen 20jährigen.
Ich kann das eigentlich gut verstehen. Sie hatte wenig Kontakt mit der Außenwelt, und dann kam jemand und sprach freundlich und mitfühlend mit ihr. So ist das auch passiert, der junge Mann brachte ihr aus einer Caritas-Küche das Mittagessen und erbot sich auch, für sie die Einkäufe zu machen. Ich glaube auch, dass er in seiner Arbeit religiös motiviert war. Sie konnte ihn aber nicht sehen, sie hörte nur seine Stimme.
Meine Mutter war fassungslos, denn Tante Luise rief sie jetzt täglich an und schwärmte ihr was vor von diesem netten jungen Mann, der so verständnisvoll war. Wir anderen amüsierten uns eher, aber es war ihr ernster, als wir alle glaubten. Sie fieberte Stunden vorher dem Zeitpunkt entgegen, bis der junge Mann kam. Sie versuchte dann immer, ihn möglichst lang im Gespräch fest zu halten. Erst, als sie anfing, öffentlich Überlegungen anzustellen, ob sie ihm nicht ihr Häuschen vererben sollte, brach in der Verwandtschaft ein Sturm der Empörung aus.
Gott sei Dank aber löste sich das Problem auf andere Weise: Der junge Mann bekam von seinem Arbeitgeber eine andere Fahrstrecke zugewiesen und kam nicht mehr.
Er hat aber nie von seinem Glück erfahren und davon, welche
Rolle er in einem kleinen menschlichen Drama gespielt hatte.
Tante Luise
Kann sich eine einsame, 80jährige Frau, in einen 20jährigen verlieben? Das ist in meiner nächsten Umgebung geschehen... Wie denkt Ihr darüber?
Dies ist übrigens meine vierte "wahre Geschichte"!
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