Rezension

„Tanz ins letzte Drittel“
Heide Floor, Lerato Verlag
ISBN: 978-3-9-38882-83-2

Diese Erzählung lebt nicht von der Dynamik der Handlung, sondern von der filigranen Beschreibung der Alltagserlebnisse, Stimmungen und Gefühle, die beide Protagonisten durchleben, zuweilen durchleiden.

Facettenreich und doch Ahnungen stimulierend baut sich ein Spannungsbogen auf. Zwischen zwei ganz unterschiedlichen Charakteren. Mathilda und Maximilian, beide in der zweiten Hälfte ihres siebenten Lebensjahrzehnts erfahren, wie Abschiede von sehr nahen Menschen und die Gefühle einer prickelnden Liebe Schnitt- und Nahtstellen zugleich sein können.
Doch selten entsteht der Eindruck, dass beide eine wirklich authentische Liebe verbindet. Zu sehr sind sie mit sich selbst und ihren Gedanken beschäftigt. Mit dem „sich ertappen“ von Gefühlen und Phantasien, die doch so gar nicht in ihren geregelten, aber kontaktarmen Alltag passen.

Erst das überraschende Ende der Geschichte offenbart eine konturenschärfere Mathilda. Sie ist in Teilen ihrer Person eine Spielerin, die nicht frei von Eigeninteressen, aber immer „under cover“ verfolgt, welche seismografischen Gefühlswallungen ihre anonymisierten Avancen bei den ihr bekannten Männern auslösen.

Ist es die Realität im Zusammenleben zweier Menschen zwischen 65 und 70 oder stilistisches Merkmal? Es gibt wenige und kaum längere Dialoge in diesem Buch. Dafür aber „sprachliche Stillleben“, so intensiv und detailgenau, dass die Wahrnehmungen von Mathilda und Maximilian einem fast körperlich spürbar werden. Und hier liegt eine Stärke von Heide Floor. Sie malt situatives Erleben mit Wörtern.

Dem Buch geschähe Unrecht, würde es nur in den Bibliotheken der Seniorenresidenzen ausgeliehen.
Es ist ein Buch für die Generation 50 plus. Denn es erlaubt einen hoffnungsfrohen Blick in ein Alter jenseits des Renteneintritts, der auch viel Zuversicht schenkt. Eine Zeitreise mit der Erkenntnis, dass Lebenslust und Begehren kein Verfalldatum haben.