Ungenutzt. Die Außenkanten des Gebäudes waren in einem Farbton gestrichen, der an Lavendelblau erinnerte. Das diente der Corporate-Identity, auf die man hier großen Wert legte. Auch alle Hinweisschilder und selbst die Stützen des Daches über dem Wartebereich waren in dieser Farbe gehalten. Etwas später war man der Meinung, es diene dem Absatz an Fahrkarten, würde man die Begriffe Fahrkartenschalter und Auskunft durch Agentur ersetzen. Jedenfalls war diese Entwicklung auf einem Aushang hinter dem völlig verdreckten Fenster des Gebäudes nachzulesen. Darauf war auch zu erfahren, dass - mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns - diese Agentur leider geschlossen werden musste.
Übrig blieben zwei Fahrkartenautomaten, Maschinen also, denen man über Tasten zu verstehen gab, was man von ihnen wünschte. Wobei sich die Wünsche auf Angaben wie Fahrziel, persönlicher Reifegrad und den Umstand bezogen, ob man vielleicht auch wieder zurückzukehren gedenke. Ob der Fahrplan eine solche Möglichkeit vorsah, war auf dem benachbarten Automaten zu erfahren. Die Geräte piepten bei jedem Tastendruck freundlich, eine völlig zufrieden stellende Art der Kommunikation in einer Welt, die ihren Durchschnittswortschatz täglich nach unten korrigiert. Lediglich bei der Nachfrage, welche Route man benutzen wolle, wenn zwei oder mehr Alternativen zur Verfügung standen, piepte nichts. Die Frage stand stumm in einem Display, etwa auf der Höhe eines Durchschnittshundertachzigers angebracht. Und Brian fiel die Weisheit eines jener modernen Seminare zur Verbesserung der Kundenbeziehung ein, welche besagt: Kommunikation ist das, was ankommt. Bei ihm kam erst einmal nichts an, die Kommunikation erfolgte buchstäblich über seinen Kopf hinweg. In der irrigen Annahme, der Maschine alles Nötige mitgeteilt zu haben, versuchte er, ihr seinen Geldschein in den Rachen zu schieben. Sie verweigerte die Annahme und er überlegte, ob sie die Angabe von Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder Schuhgröße vielleicht milder stimmen würde. Immerhin wären das nützliche Daten zur Verbesserung des Reise-Services. Im zweiten Versuch kam er etwas weiter. Der Automat nahm den Schein nun entgegen, spie ihn jedoch nach einigen Umdrehungen im Innern wieder aus. Brian, vertraut mit der Denke von Maschinen, wusste nun, es gäbe noch zwei Varianten, dem Blechkasten seine Zahlungswilligkeit zu beweisen. Es wäre ihm inzwischen allerdings lieber gewesen, eine jener von früher vertrauten nuscheligen Beamtenstimmen hätte ihn angeherrscht: "Schieb' den verdammten Schein so rein, dass die Zahl darauf nach oben und zu dir zeigt."
Das wesentlich größere und vor allem farbige Display des zweiten Gerätes informierte derweil unablässig über die neuesten Schnäppchen bei Städtereisen und als unwiderstehlich angepriesene Ticketangebote. Um die entsprechenden Buchungen zu tätigen, brauchte es jedoch einen Internet-Anschluss. Wie, so fragte sich Brian, bekommt der kurzzeitgedächtnisschwache Durchschnittsbürger die angegebene Internet-Adresse bis nach Hause? Bill Gates fiel ihm ein und seine Analyse der IT-Schwäche der Deutschen. Brian schämte sich, denn natürlich war die Lösung das mobile Internet für die Westentasche - mitsamt der damit verbundenen Marketing-Botschaft: Warum warten?
Seine Fahrkarte hatte er inzwischen. Und er hatte noch Zeit. Dreißig Minuten. Nach der Bahnuhr allerdings waren es noch über sechs Stunden. Sie stand. Da auch sie in jenem Blau gestrichen war vermutete Brian hierin ebenfalls eine Betriebsoptimierung. Eine stehende Uhr stimmt immerhin zweimal am Tag, in unserer sekundenorientierten Zeit ein nicht zu unterschätzender Aspekt.
Die Trostlosigkeit dieses Ortes wurde unterstrichen durch Graffiti-Versuche, die an die Schrift von Erstklässlern erinnerten. Irgendjemand hatte sich hier verewigt, den Kick einer ersten nächtlichen Aktion mit der Spraydose genießend, um sich vielleicht mal in einer großen Stadt einen großen Namen in der Szene zu machen. Den Automaten für Süßwaren und konservierten Knabberkram hatte er allerdings ausgespart. Dabei wäre das gewiss verkaufsfördernd gewesen. Sein sprödes und ungepflegtes Äußeres machte wenig Appetit auf seinen Inhalt.
Für die Spinnen war der Tisch unter dem Dach des Wartebereiches reichlich gedeckt. Schwarze Nester verrieten, wo sich nachts beim Schein der Neonröhren Fliegen in den Netzen verfingen. Ein totes Fahrrad lag in einer verkrauteten Fläche zwischen Gleiskörper und dem, was dereinst Agentur war.
Dieser Bahnhof war ohne Zweifel entmenscht. Er war rigoros reduziert auf den Kern seiner Funktion, ohne die ordnende Hand eines sich kümmernden Individuums, mochte dies auch noch so beamtenmäßig drein schauen. Brian hatte das Gefühl, in einer fremden Welt zu stehen, das einzige Lebewesen auf diesem Planeten zu sein. Nur die große Werbetafel auf der anderen Seite des Bahndammes kümmerte sich um ihn. Sie präsentierte die Glitzerwelt rund um scheinbar ausgefallene, sich selbst immer wieder kopierende Modeschöpfungen. Zwei junge Damen, in wehendes Tuch gehüllt, auf einer Rollbahn, die von weitem den Eindruck einer Wüste vermittelte, verstärkten jedoch sein Befinden. Ein fein gekleideter junger Herr, soeben am Fallschirm eingeflogen, unglaubhaft, weil zu stilsicher zersaust, verkörperte den Typus des coolen Businessman, der ohne Woher und ohne Wohin einfach da ist. Seine Existenz definiert sich ausschließlich durch den Herstellernamen auf dem Wäschezettel seiner Unterhose. Wäre er nackt gewesen, hätten ihn seine nichts sagenden Muskelpakete vermutlich verwechselbar gemacht. Und damit sehr verwundbar.
Der Zug kam. Seine drei Frontscheinwerfer leuchteten zielgerichtet dem Schienenstrang entlang und suggerierten ein verborgenes Wissen darum, wo's lang geht. Eine weibliche Automatenstimme bat um Vorsicht bei der Einfahrt. Brian war einen Augenblick lang verwundert, im Führerhaus einen Menschen sitzen zu sehen. Der Zug hielt und spuckte einen Teil seiner menschlichen Fracht auf den Bahnsteig, als wolle er sich einer Last entledigen. Für einen kurzen Moment war der Bahnhof voller Leben. Ferngesteuert vom Betriebsplan des Zugbetreibers, der genaue Vorgaben machte über die Haltezeit in diesem Bahnhof.
Brian geriet ins Schwitzen. Den einen Fuß bereits im Wagen fragte ihn ein ausländischer Mittfünfziger in gebrochenem Deutsch: "Hält der Zug auch in Klein-Umstadt?" Rote Lampen begannen zu blinken, mit einem durchdringenden Piepen gab irgendein Relais im Elektronenhirn des Triebwagens zu verstehen: rein oder raus.
"Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube nicht."
Brians gehetzte Antwort war für den älteren Herrn mit seinen Handwerkerhänden offenbar unverständlich. In einer resignierenden Geste die Schultern anhebend entschied er sich, nicht einzusteigen. Brian zog den fehlenden Fuß nach und die Türen schlossen sich fauchend. Drei Sekunden Verzögerung wegen eines Menschen, dessen Fingerkuppen mit dem Drücken von Tasten nicht vertraut waren, dessen IT-Kompetenz wahrscheinlich noch unterhalb der Gates'schen Schwächeschwelle lag. Der Automat mit der Städte-Werbung im Display hätte gewiss eine Antwort für den Reisewilligen gewusst. Für ihn, den Menschen, machte es damit keinen Unterschied, ob ein Zug Verspätung hatte, weil sein Betriebshandbuch menschliche Nachkommastellen zuließ oder ob er auf den nächsten warten musste, weil er, der Mensch, nicht nach taylorisierten digitalen Mustern funktionierte. Der Zug fuhr an und ließ den älteren Herrn als analogen Müll zurück.
Je näher Brian der Mainmetropole kam, desto mehr Androiden bevölkerten den Zug. Er hatte inzwischen umsteigen müssen und reiste nun in einer jener Eisenschlangen, die im Minutentakt fuhren und mal S-, mal U-Bahnen hießen, je nach dem, ob sie über- oder unterirdisch verkehrten. Es war eine reine Definitionsfrage. Er war längst eingewickelt von den Fäden jenes lückenlos durchnummerierten Netzes, das die Welt auch dieser Region in Zonen einteilte. Die Verbindung zwischen den Zonen bildeten die Gleiskörper, gleichsam als Adern, die freien Durchlass gewährten. Die Mitte des Netzes, dort, wo für gewöhnlich die Spinne sitzt, war jene Stadt, die nicht nur Main-, sondern auch Finanzmetropole war.
Nun war er umgeben von Wesen höchst unterschiedlich ausgeprägter Kinderstube. Fast allen gemeinsam war jedoch der lange Arm eines Industriezweiges, an dem sie alle baumelten, der bestrebt war, jegliche menschliche Aktivität mit einem akkubetriebenen Gerät zu begleiten. Brian ging noch einen Schritt weiter. Er war der Überzeugung, dass jene Schwelle, jenseits derer ein Leben ohne Akku nicht mehr vorstellbar, ja, nicht mehr lebbar ist, bereits überschritten war.
Die Androiden um ihn herum drückten in atemberaubender Geschwindigkeit irgendwelche Tasten auf irgendwelchen Geräten, die mit Fiepen und Piepstönen antworteten. Wer keine Taste drückte, lauschte in sich selbst versunken, mit dem Kopf swingend, tonlos mitsingend oder einfach stumpf sich zudröhnend den MP3-Klängen eines Ohrhörers. Brian verglich die MP3-Fraktion gerne mit dem Teddy aus seinen Kindertagen: Steiff - Knopf im Ohr. Aber wenigstens war hier die Sachlage noch klar. Immer häufiger fühlte sich Brian von charmanten jungen Damen angesprochen, wogegen grundsätzlich nicht einzuwenden gewesen wäre. Allerdings war da wieder dieser Knopf am Kopf, der das eigentliche Ziel der Ansprache war - das drahtlose Mikrofon fürs Handy. Brian war versucht, auf Ansprache prinzipiell nicht mehr zu reagieren. Eine interessante Konsequenz in einer Kommunikations-Gesellschaft.
Die U-Bahn saß voll versprengter Herdenmitglieder, alle in der festen Überzeugung, sie seien kommunikativ, denn sie telefonierten, sie chatteten, simsten.
Die Verwechslung von Verständigung mit Abstimmung, von Austausch mit Umgang war für Brian ein stetes Ärgernis. Und gleich danach rangierte die ganze Tainment-Illusion. Edutainment, Infotainment, was waren das für Begriffe, wie sehr gaukelten sie den Benutzern elektronischer Kleingeräte mit Online-Zugang vor, sie würden sozusagen auf Knopfdruck ihre Persönlichkeit entwickeln? Niemals würde auch nur ein einziges Kind durch irgendein Tainment erfahren können wie es sich anfühlt, sich die Finger zu verbrennen. Niemand würde es jemals unterhaltsam finden können, mit seinem Liebeskummer, mit Verlusten klar zu kommen. Das Leben, zumal das Innenleben, waren anders als es die Software- und die Elektronik-Industrie gerne hätten. Und das Niveau war vergleichbar jenen Boulevard-Zeitungen, die sich Zeitung nennen durften, weil das Papierformat stimmte.
In der U-Bahn war man Zuschauer und Schauspieler zugleich. MP3-Geräte, Handys, iPods waren eigentlich nur erfunden worden, um den Menschen in der U-Bahn einen Grund zu geben, den Blicken der anderen auszuweichen, ohne deswegen unsicher oder gar unhöflich zu wirken. Man saß oder stand ja auf dem Präsentierteller. Auch die Fenster, ihrer Aussichtsfunktion beraubt, dienten in diesem Beförderungsmittel ganz anderen Zwecken. Bei der Einfahrt des Zuges konnte man taxieren, in welchem Abteil wohl noch ein Sitzplatz zu ergattern war. Bei den Aufenthalten an den Stationen erlaubten sie ein Kurzstudium der spezifischen Graffiti, die gelegentlich einen Rückschluss auf die überirdische Umgebung zuließ. Hier waren sie ihrer ursprünglichen Bestimmung noch am nächsten. Am Unterhaltsamsten waren sie aber speziell samstagabends. Denn zu dieser Zeit dienten sie all den Feierabendschönheiten in ihrem hemmungslosen Narzissmus zur wiederholten Kontrolle der exakt konturierten Farbabstufungen zwischen Scheitel und Dekolleté. Jene Gesamtkunstwerke hatten auch einen sehr zierlichen Gang, an Geishas gemahnend, mit kurzen und behutsamen Schritten, jegliche Erschütterung vermeidend.
So lernte Brian die U-Bahnfenster als etwas zu schätzen, das ihm, wenn schon keinen Blick nach draußen, so doch wenigstens einen Blick in das Innere von Menschen gewährte. Allein das war schließlich das Fahrgeld wert.
