Susi war in einer verdammten Notlage. Gerold hatte mal wieder kein Geld für Mäxchen und Tina rüber geschickt.
Seufzend beteiligte sie sich an einer Radioshow, wo Väter für ganze Familien gesucht wurden. Es ging schließlich nicht nur um ihr Glück, sondern vor allem um das der Kinder.
Susi hatte anscheinend wirklich Glück. Einer, Manfred, hatte eine einschmeichelnde Stimme und konnte seine Zuneigung zu einer bereits vorhandenen Familienlösung ganz gut rüber bringen.
Susi steckte ihre letzten fünfzig Euro ein, schämte sich eine Runde dafür, dieses Geld eine Woche vor dem Ersten im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel zu setzen und fuhr zum Bahnhof, wo sie sich treffen wollten.
Manfred stand lächelnd und mit verschränkten Armen gegen seinen Sportwagen gelehnt im absoluten Halteverbot und wartete auf sie.
Ein Angeber, dachte Susi. Ein gestylter Eroberertyp. Aber was sollte sie tun? Über den Sender hatte er sehr nett geklungen, also stieg sie ein.
„Ich habe ein Lokal für uns ausgesucht, das Ihrer Schönheit würdig ist,“ begann er.
„Das ist bestimmt auch teuer, und ich möchte meinen Verzehr lieber selber bezahlen“, wandte Susi ein.
Er winkte ab. „Ach, das geht alles auf Spesen meiner Firma.“
Es war wirklich ein toller Wagen, und Mäxchen und Tina würden viel Freude daran haben, die erstaunten Gesichter ihrer Mitschüler zu sehen, wenn Manfred sie mal zur Schule fuhr.
„Ich bin nicht Mitglied“, sagte Manfred im Golfclub. „aber ich lade oft Geschäftsfreunde hierher zum Essen ein, wenn ich sie beeindrucken will.“
Sie setzten sich draußen an einen der Tische unter Sonnenschirmen, und Manfred packte seine ziehharmonikamäßig gefalteten Kreditkartenkollektion auf den Tisch. Die oberste, eine goldene, zog er heraus und legte sie auf den Tisch.
Die Bedienung kam und brachte die Speisekarten. Susi blickte auf eine mit der Aufschrift Ladies Menu Card, in Pink und mit blau abgesetzt, und Manfred bekam eine seriös aussehende in schwarz und braun.
„Nehmen Sie nun endlich meine Kreditkarte, Ursula?“, fragte Manfred und lächelte wie ein kleiner Junge.
Ursula warf einen flüchtigen Blick auf die Karte. „Nein, immer noch nicht“, rief sie schmunzelnd und verschwand am Nebentisch.
Susi schlug die Speisekarte auf und stellte fest, dass keine Preise aufgeführt waren. Sie studierte wortlos und hatte ein ungutes Gefühl, aber immer wieder tauchten Mäxchen und Tina vor ihrem geistigen Auge auf, und sie beschloss, ihr Gefühl erst einmal in den Hintergrund zu schieben.
Ein seriös wirkender, grauhaariger Herr erschien. Im Vorbeigehen packte er Manfred die Hand auf die Schulter und lächelte nebenher Susi zu. Manfred sprang auf und schüttelte dem Mann die Hand. Die beiden wechselten einige Worte miteinander. Susi beugte sich ein wenig vor und warf einen Blick auf die goldene Kreditkarte.
MAX MUSTERMANN stand darauf, mit Maschine geprägt. Als Manfred sich setzte, guckte sie ahnungslos wie ein Reh auf den Jäger.
„Der Geschäftsführer. Wir sind Duzfreunde“, sagte Manfred. „Was möchten Sie essen?“
In Susi kämpften Engel und Teufel. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und weggerannt, aber allein das Taxi bis zum Bahnhof hätte ihr restliches Vermögen aufgebraucht. Nein, sie würde bis zum bitteren Ende bleiben. Dieser Hochstapler musste sie schließlich irgendwann nach Hause fahren.
„Ich nehme die Schweinsmedaillons in Rahmsoße mit Prinzessböhnchen“, schlug sie vor und sah ihn fragend an.
Mild lächelnd schüttelte Manfred den Kopf. „Das können Sie morgen haben, je nachdem, wie die Nacht verläuft. Heute nehmen wir das Tagesessen für Sie.“
Susi starrte ihn an. „Haben Sie hier etwa ein Zimmer für uns gebucht?“
Manfred lächelte immer noch. „Wir wollen uns doch besser kennen lernen, oder?“
Susi schnaubte vor Wut. Was sollte sie tun? Sie war diesem Mann total ausgeliefert. Sicherlich hätte sie ihn anschreien können, aber das war keine elegante Lösung. Ich muss ihn selber dazu bringen, sein Vorhaben abzubrechen und mich zum Bahnhof zu fahren, dachte sie.
„Entschuldigen Sie mich einen Moment“, bat Susi und sprang auf. Sie lief zur Toilette. Sie starrte in den Spiegel und schaufelte sich Wasser ins Gesicht. Ihre Wimperntusche verschwamm zu einer abstrakten Kohlezeichnung, und mit einem Stückchen Klopapier verwischte sie den Lippenstift bis zum Kinn. Als sie sich im Vorraum die Hände wusch, kam ihr die erste Idee.
Zurück am Tisch nahm sie Manfreds Besteck hoch und legte ein abgerissenes Papierhandtuch vor ihm auf den Tisch. „Schatz, du kleckerst doch immer so“, rief sie etwas zu laut, und alle Speisenden schauten zu ihr her und schüttelten die Köpfe.
Manfred lächelte immer noch müde. „Tolles Styling“, sagte er. „Gut, dass man es im Dunklen nicht sieht, und danke für die große Serviette.“
Am Nebentisch saß inzwischen der Herr, den Manfred begrüßt und mit dem er ein paar Worte gewechselt hatte.
Das Essen kam. Manfred aß, was eigentlich Susi hatte bestellen wollen und Susi bekam den Kaiserschmarrn. Manfred tupfte sich den Mund mit der Klohandtuch-Serviette und lehnte sich zurück.
„Jetzt könnten wir eigentlich aufs Zimmer gehen“, schlug er vor, holte einen Zweihundert-Euro-Schein aus dem Portemonnaie und legte ihn auf den Tisch.
Susi geriet in Panik. Hilfesuchend sah sie sich um. Der Herr vom Nebentisch lächelte aufmunternd. Das gab ihr etwas Sicherheit.
„Die Nacht kostet aber fünfhundert“, rief Susi laut. „Das war so vereinbart.“
Wieder drehte sich alles um und starrte missbilligend zu ihr herüber. Nur der Herr am Nebentisch lächelte. Für Manfred war es zuviel. Sein zweifelhafter Ruf schien in die Binsen zu gehen.
„Sie kleine Hure“, zischte er hasserfüllt. „Mit Ihrer schlampigen Figur und Ihrem verlebten Gesicht können Sie mich nicht überzeugen.“ Er stand auf, steckte seinen Geldschein in die Jackentasche und verschwand.
Was sollte sie tun? Sie hatte im Grunde von ihren letzten fünfzig Euro die Zeche zu zahlen und musste irgendwie zum Bahnhof kommen.
„Der Herr kommt gleich wieder“, murmelte sie, als die Kellnerin Ursula zum Kassieren erschien.
„Ich muss zum Bahnhof“, sagte der freundliche Herr am Nebentisch. „Kann ich Sie ein Stück mit nehmen?“
„Ich kenne den Manfred“, sagte er im Wagen. „Er ist manisch machomäßig hinter allen Röcken her, und je mehr Angst die Frauen vor ihm haben, desto gewaltiger ist das sexuelle Begehren für ihn. Aber Sie haben ihn geschafft.“
Vorm Bahnhof, dort wo vor zwei Stunden Manfreds geliehener, roter Sportwagen gestanden hatte, tauschten sie die Bilder ihrer Kinder aus. Und er fragte sie am Ende, ob sie nicht Lust habe, für insgesamt vier Kinder eine gute Mutter zu sein...
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© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
