Thailand, Teil 4: Lampang

Entgegen meiner ursprünglichen Pläne bin ich nach Lampang nicht über Tak oder Si Satchanalay mit dem Bus gereist, sondern wieder mit der Bahn. Die einspurige Bahn führt von Phitansulok nordwärts, zunächst noch durch eine weite, flussreiche und fruchtbare Ebene mit zahllosen Reisfeldern. Zum größten Teil war der Reis zu dieser Jahreszeit bereits geerntet und die Felder wurden mit Traktoren wieder für die nächste Saat vorbereitet. Wasserbüffel waren kaum zu sehen. Andere Rinder grasten jedoch auf den abgeernteten Feldern und an den Rändern von Reis- und Getreidefeldern. Weite Wiesen, wie wir sie bei uns kennen, gab es kaum. Das Land wirkte zu dieser Jahreszeit vorwiegend goldbraun, allerdings waren zwischendurch einzelne der vielen rechteckigen Felder auch von ganz zartem frischen Grün bedeckt oder von Wasser, sodass die Landschaft nicht eintönig wirkte. Bananenstauden, Bambushaine, Reisfelder, Getreidefelder, die teilweise gerade abgebrannt wurden und immer wieder einer der zahlreichen Tempel (meist an kleinen Flüssen, an den schönsten Plätzen, umgeben von schönen Gärten), Teakholzplantagen, kleine Ansiedlungen mit mehr oder weniger bescheidenen Häusern wechselten ab und prägten die Landschaft.
Ich saß im vorderen Waggon, der dicht an dicht besetzt und voll bepackt war. Es war etwas eng, die Sitze sind ja nicht auf beleibte und meist auch große Weiße ausgerichtet, sondern auf zierliche, kleine Menschen, von denen allerdings auch etliche zu Rundlichkeit neigen. Es gab übrigens auch was zu Essen, warm und wohlschmeckend: Reis, Salat und Hühnercurry im Einmalgeschirr sowie Kaffee und einen kleinen Kuchen. Auf der langen Fahrt war das recht angenehm.

Bald nach Uttaradit wurde es gebirgig, man sah mehr und mehr mittelhohe Hügel und Berge, die Vegetation wurde dichter. Unser Dieselzüglein quälte sich immer langsamer in weiten Kurven in die Höhe und durch tropischen Wald. Leider neigte sich die Sonne allmählich gegen Westen und in der rasch einbrechenden Dunkelheit war natürlich von der schönen Landschaft nichts mehr zu erkennen. Mit etlicher Verspätung erreichte der Zug etwas nach 20 Uhr Lampang. Ich nahm ohne lange Überlegung eines der TukTuks und ließ mich zum Riverside Guesthouse bringen, in dem ich für die nächsten drei Nächte ein Zimmer bestellt hatte.

Ich wurde bereits erwartet und war vom ersten Moment an von der Atmosphäre des Hauses angetan. Es war ein altes und für den Ort typisches Holzhaus, direkt am Fluss Mae Nam Ping, welches erst kürzlich nach dem letzten großen Hochwasser 2005 liebevoll renoviert worden war. Im hinteren Teil des Gartens lag die Wohnung der Besitzer, die offensichtlich Motorradfreaks sind - zwei chromblitzende, schwere Motorräder zeugten davon. Das gänzlich aus dunklem, gebeizten Holz gebaute Gästehaus, etwas weiter vorn zum Fluss hin gelegen, war, wie hier üblich, auf Pfählen errichtet. Die Gästezimmer befanden sich fast ausschließlich im ersten Stock und hatten alle kleine oder größere Holzbalkone und Terrassen.

Mein Zimmer mit Fenstern an zwei Seiten, eröffnete den romantischsten Blick, den man sich nur vorstellen kann auf die mit Buganvillaen und Orchideen bewachsenen Terrassen, den Garten und den Fluss. Das Zimmer war einfach, Dusche und WC ziemlich bescheiden, aber alles war sauber. Ein breites Bett, ein alter Schrank, ein paar Borde an der Wand in einem alten Holzhaus - das war´s auch schon. Ich fühlte mich vom ersten Moment an wohl, obwohl die Wände dünn waren. Die Fenster und Türen hatten Jalousien und waren mit Fliegengittern versehen. Vor den Türen der Gästezimmer wurden zum Schutz vor den Mosquitos Räucherschlangen angezündet, deren eigenwilliger, rauchig-aromatischer Duft am Abend den Garten und das Zimmer durchströmte. Aber ganz offensichtlich lag nicht nur der Duft von Räucherwerk in der Luft, sondern auch schwerer Rauch von Holz und Kohle. Denn es war ziemlich kühl und in vielen Häusern, in denen man ansonsten sicher nur selten heizen musste, wurden an diesem Abend die Öfen befeuert. Die erste Nacht war kalt, viel kühler als ich mir vorgestellt hatte und ich zog zum Schlafen ein wärmeres Kleindungsstück an und legte außerdem über die Decke noch meinen Anorak um nicht zu frieren.

Am Morgen des ersten Tages, knapp nach Sonnenaufgang nützte ich das morgendliche Licht zu einem Fotorundgang in dem schönen Haus. Ich fotografierte den wunderbaren Blick auf das ruhige, von zartem Nebel überwobene Wasser des Flusses, in dem sich die Landschaft spiegelte, den kleinen Zen-Garten, das rotgolden bemalte Tor, den Wasserspeier, die orchideenumrankte Terrasse mit Klavier und Bücherschrank, die Hängematte, die Tische und das Sofa im Gästeraum. Das Haus war einfach an jeder Ecke gemütlich und romantisch! Und das ist auch der bleibende Eindruck, obwohl es auch in diesem Stadtteil nicht ganz ruhig war. In der Nachbarschaft war bis Mitternacht eine Disco zu hören und am Morgen übten schon vor Acht auf der gegenüberliegenden Flussseite Schüler und Schülerinnen die Hymne Thailands, Lieder für ihren König und die Parade für den 5. Dezember….

Die Gäste, die das Haus bevölkerten, waren auch von der sympathischen Sorte. Sie kamen aus Amerika, Australien, Kanada, Deutschland, aus Holland und der Schweiz, aus Thailand selber und eben auch aus Österreich. Es gab ein gutes Frühstück, das man selber zusammenstellen konnte und die Freundlichkeit der (aus Holland stammenden) Besitzerin und des Personals sowie die Gemütlichkeit der Terrasse förderten den Kontakt der Gäste untereinander. Man konnte gar nicht umhin, sich mit jemandem zu unterhalten und auszutauschen. Ich musste auch nicht lang ein Infobüro suchen oder einen Stadtplan kaufen, denn diesen und die wichtigsten Informationen bekam man zwanglos an der kleinen Rezeption fast von selber mitgeliefert.

Dennoch entwickelte sich mein erster Ausflug – ich wollte zum etwa 20 km südlich von Lampang gelegenen Wat Phra That Lampang Luang - zu einem kleinen Abenteuer. Meine Wirtin hatte mir extra erklärt, ich müsse nicht zum Bus-Bahnhof um ein Sammeltaxi für Touristen zu diesem Tempel zu finden, sondern hatte mir einen näher gelegenen Platz genannt. Ich jedoch machte es wieder einmal anders und folgte den Empfehlungen meines Reiseführers (man sollte sich nicht immer an diese an Sparsamkeit ausgerichteten Ratschläge halten…). Ich wollte einen öffentlichen Bus verwenden und ging vorerst einmal etwa eine Stunde zu Fuß zum Busbahnhof , was an sich ja gut zum Kennenlernen einer Stadt ist. Schon ein wenig staubig und verschwitzt kam ich dort an. Die junge Frau am Schalter verwies mich auf ein paar Sammeltaxis, dort aber verstand mich kein Mensch. So marschierte ich also wieder zu der Frau am Schalter zurück, die als Einzige hier Englisch verstand und bestand darauf, mit einem öffentlichen Bus zu fahren. Aber es gab keinen.

Weil ich mich offensichtlich etwas dumm anstellte , setzte mich die Frau schließlich zu 5 Einheimischen in ein offenes Sammeltaxi für 40 Baht, verhandelte mit dem Fahrer und ab ging´s. Der Fahrer brachte mich in ein Dorf, das ca. 5 km vom Tempel liegt. Dort verhandelte er kurz mit einer freundlichen Frau an einem Essenstand, die wiederum einen Motorradfahrer rief, der gerade Zeit hatte. Und der brachte mich dann für 200 Baht zum Tempel und holte mich nach einer Stunde wieder auf dem Platz vor dem Tempel ab, brachte mich wieder zu einer Haltestelle für einheimische Sammeltaxis und schließlich landete ich wieder glücklich am Busbahnhof in Lampang – alles ohne Englisch…

Das Wat Phra That Lampang Luang, für das die Einheimischen eine kürzere Bezeichnung haben, die ich sowieso nicht richtig betonte, ist zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert errichtet worden und ist angeblich eines der ältesten noch erhaltenen Holzgebäude in Thailand. Es beherbergt eine verhältnismäßig alte Buddha-Statue, die im 16. Jahrhundert gegossen wurde. In diesem Wat begegnet man dem so genannten Lanna-Stil, der charakterisiert wird durch Stupas mit einer sehr breiten Basis und sehr tief heruntergezogenen Tempeldächern. Mir hat diese Tempelanlage gut gefallen, aber mehr noch war ich beeindruckt von dem Weg dahin und wieder zurück.

Die Stadt Lampang , Hauptstadt der Provinz Lampang, ist nicht allzu groß. Die Stadt hat einige breite Straßen die zum Geburtstag des Königs beflaggt und blumengeschmückt waren, sie hat viel Grün und wie in den anderen Städten auch, im Zentrum selbst den Uhrturm und den Altar für den König. Die Straßenzüge in der Nähe des Zentrums zeigen die ganz typischen schlecht gestalteten und von Werbung übersäten Fassaden und das von einem Haus zum anderen hängende Gewirr von Drähten. Die hohen Randsteine und Gehsteige sind wenig fußgängerfreundlich und der stinkende, laute Auto-und TukTuk-Verkehr glichen auch in Lampang jenem in anderen Städten, aber die Stadt hat dennoch viele Reize. Mir gefiel besonders die Gegend am Fluss und die einzelnen Viertel, in denen wunderschöne alte Holzgebäude in großen und teilweise ein wenig verwahrlosten Gärten stehen.

Die Geschichte der Stadt reicht weit zurück, angeblich bis ins 7. und 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Wie so viele Städte in Nordthailand wurde auch sie an einem Fluss errichtet und war ursprünglich von einer rechteckigen Stadtmauer umgeben. Das macht noch heute die Orientierung in vielen Städten Thailands einfach. Im 19. Jahrhundert war Lampang das Zentrum des Teakholzhandels und die reichen Händler hatten hier ihre ausladenden, prächtigen und dennoch luftigen Villen.

Eine dieser Villen wollte ich besuchen. Am Morgen des nächsten Tages machte ich mich zu Fuß auf den Weg, den Fluss entlang, mit dem Ziel, das so genannte Ban Sao Nak (Ban = Haus) zu besichtigen. Das hatte eine vornehme Dame 1895 errichten lassen und hat darin auch einen großen Teil ihres Lebens verbracht. Ev. wollte ich auch noch ein nahe gelegenes Wat (= Kloster) besuchen. Immer wenn man Wege zu Fuß zurücklegt, ist auch der Weg selber interessant. Aber nicht alle Wege enden dort, wo man meint, dass sie enden würden. Auf meiner Wanderung durchstreifte ich zunächst eine interessante Tempelanlage in der gerade zahlreiche junge und weiß gekleidete Mönche ihre Aufnahme für ihre Klosterzeit feierten (zumindest interpretierte ich die Sachlage so), wobei jeder der Männer etliche Familienmitglieder mitbrachte und alle gemeinsam unter riesigen alten Bäumen an langen Tischen bewirtet wurden.

Am anderen Ufer des Flusses, ich wollte in den nordöstlichen Teil von Lampang, begegnete ich in einer kleinen Gasse einer Frau in meinem Alter, die ich nur vorsichtshalber fragte, ob ich am richtigen Weg wäre. Diese Frage hatte einige Wirkung, denn die Frau entpuppte sich als geradezu begeistert, mit mir ihr Englisch zu üben und mir in möglichst kurzer Zeit ziemlich viel zu erzählen. Sie führte mich sogar in das Haus ihrer Schwester, die eine R.N. (Reg. Nurse) war und in Bangkok arbeitete. Ihr Neffe (sie sagte Onkel, aber der war viel zu jung um ihr Onkel zu sein), so erzählte sie, sei gerade Mönch im nahen Wat Phra Kaew Don Tao, das ich ebenfalls besuchen wollte. Sie meinte liebenswürdig, sie würde mich nun dorthin begleiten, damit mir der junge Mönch seinen Segen gab und außerdem könne er besser Englisch als sie. Gesagt getan. So trottete ich neben ihr her, während sie erzählte. Als uns ein Hund sehr verbellte, begann sie ein Sprüchlein aufzusagen, während wir möglichst schnell das Weite suchten. Es klang irgendwie nach „Dibbedida“, „Dabedidoo“. Thailändisch ist eine sehr weiche, melodiöse Sprache, die speziell ihrer Melodie wegen schwer nachzusprechen ist. Und dies musste ich nun unbedingt tun, was natürlich dauerte, da meine Lehrerin mit meiner Betonung und Aussprache lange unzufrieden war. Als ich sie fragte, was denn die Worte bedeuteten, sagte sie mir, dass es nur „rechts, links, rechts, links“ bedeutete, ihr aber immer helfe, wenn sie Angst und Furcht empfinde.

Wir trafen schließlich den jungen Mönch an einem Tisch im Schatten eines großen Baumes. Er begrüßte uns freundlich und meinte entschuldigend, er habe viel Englisch vergessen, seit seiner Zeit in der Bank. Er wolle eigentlich gerne Mönch bleiben, aber er habe Verpflichtungen für eine große Familie und so sei ein weiteres Leben als Mönch wohl fraglich. Er erzählte noch ein wenig von sich und seinem Meister, redete mit seiner Tante, die ihn offensichtlich sehr fromm verehrte und entließ uns beide schließlich nach einem Gebet mit seinem freundlichen Segen. Er gab mir noch ein kleines Bildchen seines Meisters, peinlich darauf bedacht, mich nicht direkt zu berühren, als ich ihm meine kleine Geldspende überreichte.

Nun lud ich Frau Surjaree Suwana-Adth noch in eine nahe Garküche zum gemeinsamen Lunch ein und nachdem sie mir anschließend noch einmal den Weg zur Villa gezeigt hatte, verabschiedeten wir uns von einander unter vielen gegenseitigen Höflichkeits- und Dankbarkeitsbezeugungen. Ihre Mutter warte nun auf sie…...

Ich glaube, es sind gerade diese Begegnungen, die zu den besonderen Reiseerlebnissen zählen und die ich als Mitglied einer Reisegruppe wohl kaum erlebt hätte.

Endlich erreichte ich die wunderbare, riesige alte Villa, die ich besuchen wollte. Sie ist gänzlich auf Pfählen aus Holz errichtet und daher im oben gelegenen Wohnbereich sehr luftig – auch durch die Holzbauweise mit den vielen durchbrochenen Schnitzereien an Fenstern und Veranden. Das Ban Sao Nak enthält noch immer die gesamte Einrichtung und viele Fotos der würdigen Dame und ihrer Familie, die darin bis in die 50er Jahre gewohnt hatte. Auch die umliegenden Häuser wirkten sehr komfortabel, meist in sehr großen Gärten mit vielen alten Zier- und Nutzbäumen gelegen, teilweise alte Holzvillen, teilweise sehr modern. In einzelnen Anwesen – ebenfalls große Holzgebäude auf Pfählen - wird offensichtlich noch immer Landwirtschaft betrieben. Einige der Villen wirkten leider auch verfallend oder/und unbewohnt. Schade. Das Viertel gefiel mir jedenfalls ausnehmend gut.

Am Abend dieses Tages ging´s dann noch auf den Nachtmarkt von Lampang, der fast vor unserer Tür lag. Ich hatte mich in unserer Unterkunft mit zwei jungen Deutschen verabredet, die sich gegenseitig auch erst durch unser Vorhaben kennen lernten. Die junge Frau, Marit, war Flugbegleiterin bei der Lufthansa gewesen, hatte einen Monat lang in der nordöstlich von Lampang gelegenen Stadt Phrayao Englisch unterrichtet und wollte nun noch einige Zeit frei in Südostasien herumreisen. Der Mann, Olaf, hatte seinen Installationsbetrieb in Deutschland für drei Monate auf Pause gestellt und war ebenfalls frei unterwegs. Beide waren fröhlich, locker und nett und wir ließen uns durch den bunten Markt treiben. Wir Frauen versuchten Olaf mal eine gelbe, dann wieder eine grüne Fliesjacke einzureden, er suchte Haarspangen, die Marit hätten passen können. Wir genossen die Musik einer Musik-Klasse, sahen jungen Thai-Tänzerinnen einer Tanzschule zu und überließen uns dem bunt-fröhlichen Gedränge. Schließlich kehrten wir auch in einer der Garküchen ein. Dort gesellte sich eine würdige thailändische Dame mit ihren Töchtern zu uns. Es stellte sich heraus, dass eine der Frauen in Frankfurt lebte und ausgezeichnet Deutsch sprach während deren Schwester Marit als eine Kollegin bei der Lufthansa wieder erkannte. Es war lustig und die Damen meinten unisono, dass es ihnen hier besser gefiel als im nahen Chiang Mai, weil gemütlicher, einfacher und weniger touristisch…. Wir Touristen fanden das auch - ein wenig großspurig war das von mir jedenfalls, denn ich war ja noch gar nicht in Chiang Mai gewesen...

Am nächsten Morgen brach ich relativ früh auf, denn ich wollte weiter nach Chiang Rai und diese nördlichste Provinzhauptstadt Thailands mit dem Bus noch am Nachmittag erreichen. Nach Lampang würde ich jederzeit wieder reisen, auch wenn ich nicht dazu gekommen bin, eine der Pferdekutschen zu besteigen…

Fortsetzung folgt…….