Phtisanulok und Sukhothai

Wie war mein Plan gewesen?? Was hatte ich da notiert?

„Wo ich ganz sicher hin will, das ist der Norden Thailands , da soll es angeblich klimatisch erträglich und etwas kühler sein um diese Jahreszeit und Berge gibt’s natürlich auch. Also auf nach Chiang Rai!
Ich reise von Bangkok aus nicht schnurstracks durch! Denn zunächst geht´s mit Zug oder Bus nur bis Phitsanulok. Hier in der Nähe liegt Sukhothtai mit den Ruinen einer großen alten Königsstadt, ähnlich denen von Angkor Wat, ebenfalls Weltkulturerbe. Sukhothtai darf man einfach nicht links liegen lassen, wenn man Richtung Norden fährt…ob ich dann über Tak oder Si Satchanalay Richtung Lampang reise, weiß ich noch nicht.

Ja, so sah das in der Planung aus.

Und so ging es:
Phitsanlok ist eine Provinz mit ca. 110 000 Einwohnern im „unteren Norden“ Thailands. Die Provinzhauptstadt gleichen Namens liegt etwa 350 km nördlich von Bangkok am Mae Nam Nan, einem Zufluss des Mae Nam Chayo Phraya, der vor seiner Mündung durch Bangkok fließt. Von hier führen relativ viele Verbindungen in mehrere Richtungen, sodass man meinen könnte, in ein Zentrum des Tourismus zu gelangen. Das ist allerdings nicht der Fall.

Ich hatte übrigens in Ayuthaya und Lobpuri , zwei wichtigen und für Touristen nach übereinstimmenden Aussagen interessanten Städten, keinen Stopp gemacht und hatte nach einer sechsstündigen Bahnfahrt am Nachmittag das ziemlich unansehnliche Phitsanulok erreicht. Froh, ein durchaus komfortables, aber leider auch etwas abgewohntes Hotel gleich in Bahnhofsnähe gefunden zu haben, genoss ich erst mal die relative Stille im 10. Stock des Hotels. Im Gegensatz zu dem recht lebendigen Hotel, in der ich in Bangkok gewohnt hatte, ging es hier sehr gesetzt und ruhig zu. Das bedeutete allerdings auch, dass sich hier niemand fand, mit dem ich mich hätte austauschen können und dass ich meine Mahlzeiten einsam genoss. Das Personal des Hotels war zwar sehr freundlich, aber so bequem, wie ich das nur aus früheren Ostblockhotels kannte, auch mit den Englischkenntnissen war es nicht weit her. Das Frühstück war grässlich, weitere Essversuche im Hotel hab ich mir daher versagt…

Es gab nicht viele Touristen in der Stadt. Ich fragte zunächst am Bahnhof nach einer Touristeninformation: Dreimal zeigte man mit den Weg zum öffentlichen WC um die Ecke….. Ich wollte jedoch am nächsten Tag nach Sukhothai und dachte, es würde wohl so was wie organisierte Fahrten von Phitsanulok aus geben. Gab es aber nicht. Man verwies mich auf den Busbahnhof, von dem aus öffentliche Busse nach Neu-Sukhothai fuhren.
Schließlich beschloss ich, am nächsten Tag weiter zu sehen und begab mich zur Erholung und Ablenkung auf den Nachtmarkt an den Fluss. Das war tatsächlich unterhaltsam! Fluss und Brücke waren festlich beleuchtet. Die halbe Stadt war auf den Beinen. Nahe einer Brücke auf einem großen Platz wurde öffentlich und für alle zugänglich Aerobic angeboten. Begleitet von der entsprechenden Musik leitete eine Trainerin über Lautsprecher hunderte von Menschen an und keiner schien sich zu genieren.

Am meisten erstaunt war ich aber darüber, dass auf dem Weg zum Nachtmarkt zahlreiche Massagestühle im Freien aufgestellt waren, in denen sich viele Einwohner ihre müden Füße behandeln ließen. Weiter hinten in den dazugehörigen Häuschen, nur wenig durch Vorhänge geschützt, sah man, dass sich Menschen in Alltagskleidung irgendwie durchbiegen, durchkneten und drücken ließen, sehr öffentlich für meinen Geschmack….Masseurinnen luden auch mich sehr freundlich ein. Also, ich lehnte das (jedenfalls vorerst einmal) entschieden ab!

Ich gestehe, dass mich die gesamte Szenerie ziemlich belustigte: die bunten Buden und Stände mit allen möglichen definier- und undefinierbaren Speisen und Getränken, die Straßenhändler, die ihre Waren, Kleider, Gürtel, Tücher, Kämme, Buddhas und andere Devotionalien, Räucherwerk, Fächer, Schirme, Taschen, Tuben, Salben, Tinkturen und Tiegelchen, bunten Ramsch jeder Art an den Mann/die Frau bringen wollten, daneben der Altar für den König und eine Buddhastatue, vor der sich die Menschen hinknieten und ihre Weihgaben darbrachten, die Aerobicfans, die sich zur lauten Musik vergnügten, die vielen Masseurinnen, Massageliegen und Massage-Ecken, all dieses kunterbunte öffentlich-selbstverständliche Durcheinander wirkte irgendwie befreiend auf mich und machte mich fröhlich. So schlief ich denn, in mein Hotel zurückgekehrt, trotz der Tatsache, dass ich für den nächsten Tag noch nichts Genaues wusste, erstmals in Thailand einigermaßen gut.

Am nächsten Tag begab ich mich mit einem Tuk Tuk, das ich jedenfalls deutlich überzahlte (ich hatte noch wenig Gespür für Entfernungen und Preise) auf den Busbahnhof und fuhr, dem Rat der dortigen Schalterangestellten folgend, mit einem klapprigen alten Autobus nach Neu-Sukhothai. Und dort ergab sich die weitere Frage, wie ich nun zum Historical Park kommen konnte. Ich beobachtete, was andere Menschen taten. Die Einheimischen waren natürlich recht fix, nahmen sich zu viert und fünft gemeinsam ein Gefährt und entschwanden meinen Blicken.

Eine freundliche junge Frau bot mir für mich alleine eine Rundfahrt mit einem der offenen Sammeltaxis an und nach einigem unsicheren Umsehen, ob sich nicht doch noch ein anderer Falang(das sind in Thailand wir westlichen Touristen)zum Mitfahren finden würde, nahm ich schließlich das angebotene Gefährt. So hatte ich nun einen eigen Fahrer und eine eigene Führerin, die allerdings nur wenig Englisch sprach, aber Englisch gerne übte, wie sie mir versicherte. Zumindest konnte ich üben, wie man die komplizierte Melodie im Thailändischen bzw. die Bezeichnungen der einzelnen Bauwerke aussprach – viel geübt und viel vergessen…. Ich wurde also durch den gesamten Park und eine große Runde darüber hinaus chauffiert. Ein Prospekt half mir, mich über die historischen Gebäude zu informieren. An jedem markanten Bauwerk wurde gehalten, ich besah und fotografierte jedes Bauwerk, las in der Beschreibung nach, wo ich mich befand und fühlte mich annähernd wie eine Lady, die gerade dem Traumschiff entstiegen war. Zwar zahlte ich für mein Gefährt und die Begleitung etwa fünfmal soviel wie normal, aber ich tröstete mich damit, dass die junge Frau ein kleines Kind zu versorgen hatte und sich offensichtlich ziemlich freute, an diesem Tag noch eine Tour bekommen zu haben. Natürlich wurde ich wieder am Busbahnhof abgeliefert und die Fahrt zurück nach Phitsanulok verlief unkompliziert.

Zum Thema Sprache: die Aussprache alleine des Ortsnamens „Phitsanulok“ (sprich fitsanuloooouk mit Betonung bei „ooouk“ und ungefähr einer langen Schweizer Hebung in der Melodie am Ende des Wortes) kostete mich mehrere Übungsstunden bis endlich ein Thailänder ungefähr verstehen konnte, von welcher Stadt ich sprach….

Eigentlich hatte ich geplant, von Phitsanulok aus auch nach Si Satchanalai ca. 50 km nördlich von Sukhothai zu fahren. Auch hier gibt es ja sehr sehenswerte historische Stätten aus der gleichen Periode wie in Sukhothai, aber angeblich noch ruhiger gelegen und weniger touristisch. Und 50 km weiter südlich hätte auch Kampaheng Phet noch einiges zu bieten gehabt. Die Fahrten dahin scheiterte allerdings an der Tatsache, dass es ziemlich umständlich und zeitaufwändig war, mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzukommen.. Mein Zug nach Lampang ging bereits am nächsten Tag kurz nach 13:00 Uhr. Ich musste meine Pläne reduzieren. So ging ich abends in Phitsanulok wieder an den Fluss und ließ mich diesmal im hintersten Winkel eines Massageraumes tatsächlich durchkneten. Ich versuchte mich später genauer daran zu erinnern, aber ab einem bestimmten Moment weiß ich nur mehr, dass ich mit ungeahnter Nachgiebigkeit, höchst biegsam und nahezu in Trance einer für mich ungewöhnlichen Massage ausgesetzt war, ich wurde durchgewalkt, durchgetreten, gedehnt und gestreckt, wie ich es mir kaum hätte vorstellen können und es tat erstaunlicherweise nicht weh, sondern gut. Seither ist mir eindeutig klar, warum die Thaimassage auch als passives Yoga bezeichnet wird.

Ach ja, was unbedingt zu berichten ist: Die Ruinen von Sukhothai sind wirklich sehenswert! Heute Weltkulturerbe, bildeten sie vom 12. bis ins 14. Jahrhundert das Zentrum der Hauptstadt des ersten Thai-Königreiches. Wie die meisten Anlagen aus alter Zeit, war diese Königsstadt im Rechteck angelegt und von Wällen und Wassergräben umgeben. Sukhothai bedeutet „Aufgang des Glücks“ und man kann sich in den über zwanzig Ruinen von historischen Tempeln und Palästen, die in einem riesigen Park mit schönen Teichen liegen, schon eine Vorstellung machen von diesem Glück, das wahrscheinlich den Herrschenden damals wie heute näher gewesen war als dem gemeinen Volk. Im Zeitalter des Königs Ramakaheng erlebte das alte Königreich Siam sein „Goldenes Zeitalter“. Es war auch dieser König, der dem Land die noch heute gebräuchliche Schrift gab. Ob er die Schrift tatsächlich persönlich entwickelt hat oder seine Gelehrten, konnte ich nicht herausfinden. So etwas kann man in Thailand nie genau erfahren – der Herrscher war und ist der Übervater, von dem alle guten Gaben kommen. Aber in Europa war es ja im gleichen Zeitraum kaum anders…

Am nächsten Vormittag brach ich früh auf und wanderte auf einer langen Promenade, die mit einem bunten Seidenzoo geschmückt war, den Fluss entlang zu den drei berühmtesten Tempeln der Stadt Phitsanulok. Ich hatte die Tempel schon nach der Rückfahrt von Sukhothai kurz besucht und war neugierig geworden. In meinem Reiseführer steht, dass der Chinnarat Buddha des Wat Phra Si Ratana Mahatat neben dem Smaragd-Buddha in Bangkok für die frommen Menschen der Bedeutendste in ganz Thailand ist. Dieser Chinnarat-Buddha sitzt umgeben von einem stilisierten Flammen-Heiligenschein im Hauptwihan des Tempels, ist wirklich beeindruckend und wird viel besucht.

Alle drei Tempel, die hier im Norden der Stadt nahe beisammen am Fluss liegen, haben mich sehr beeindruckt. Sie stammen ca. aus dem 13., 14. Jahrhundert und gehören ihrem Stil nach zur so genannten Sukhothai-Periode. Sie sind prächtig, aber nicht so kitschig, wie die Tempel aus der jüngeren Zeit. Der berühmteste Tempel ist sehr gut erhalten, die beiden anderen würden wohl eine Renovierung brauchen können. Jedenfalls bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Buddha-müde gewesen. Vielleicht war ich dadurch auch noch offener und empfänglicher als später, als ich nach ca. 50 verschiedenen Tempeln und unzähligen Buddha-Statuen den einen vom anderen kaum mehr unterscheiden konnte. So habe ich mich in aller Ruhe dem Betrachten insbesondere des Wat Phra Si hingegeben und die vielen Menschen in ihrer Frömmigkeit mit allem gebührenden Respekt beobachtet.

Viele Menschen kamen um zu opfern und zu beten: Alte, Junge, Gebrechliche, Gesunde, Fröhliche und Bedrückte. Besonders aufgefallen ist mir ein junges Paar mit einem wenige Wochen alten Säugling. Der Mann hielt schützend seinen Sonnenschirm über seine Frau und das Kind und sie opferten an einem speziellen Altar am Platz vor dem Wihan (die Haupthalle des Tempels, in dem der Chinnarat Buddha war) Räucherwerk, Früchte, Reis und einen platt gedrückten Sauschädel.

Das mit den Sauschädeln hat mich jedenfalls sehr verwundert, denn es wurden von vielen Menschen platt gedrückte und gekochte Sauschädel mitgebracht und nicht nur das. Auch Berge von gekochten und kunstvoll zu Pyramiden gestapelten, geschälten Eiern. Berge von Früchten, Blumen und Räucherwerk wurden dargebracht und auf einem langen Tisch angerichtet. Ich bin nicht dahinter gekommen, was dann genau geschah. Jedenfalls holten auch immer wieder Menschen die Weihegaben von den Tischen, nachdem Mönche ihren Segen darüber gesprochen hatten. Ein wenig war das wohl wie bei einer Speisenweihe in unseren Kirchen zu Osten. Ich kann nicht beschwören, dass immer die gleichen Menschen die Gaben holten, die vorher die Sachen hingelegt hatten. Teilweise saßen dann kleine und größere Gruppen von Menschen an großen Tischen, Familien wahrscheinlich, die sich an den geweihten Speisen gütlich taten. Die Mönche behielten nichts, soviel ich wahrnehmen konnte. Sie waren mit der Erfüllung verschiedener Positionen bzw. Aufgaben beschäftigt: als Prediger an Mikrofonen, als laut und leise Betende, als Rezitierende in einer langen Reihe, als Segnende bei den Weihegaben und schließlich auch als Respekts- und Aufsichtsperson im Tempel selber sowie als Zuhörende oder Rat gebende Gesprächspartner einzelner Menschen. Es gab allerdings große Spendenbehälter, in die Geldscheine eingeworfen wurden – weniger verderblich als Nahrungsmittel ….

Im Gegensatz zu den bisher besuchten Tempeln in Bangkok und in Sukhothai war ich hier erstmals in Tempeln, die von den Menschen aus der Region und nicht von Touristen geprägt waren. Wir Falangs waren völlig unwichtig, aber freundlich geduldet und auch unsere Baht-Scheine waren willkommen.

Auf dem Rückweg zum Hotel entdeckte ich übrigens, wohin das Tourismusbüro von Phitsanulok, in dem man laut Führer so kompetent Auskunft bekommen konnte, seit der Drucklegung übersiedelt war: Am Flussufer waren zwei geschmackvolle neue Holzpavillons im historisch-thailändischen Stil errichtet worden, die ich nun näher in Augenschein nahm. Ich hätte mir möglicherweise einige Ungeschicklichkeiten ersparen können, wäre ich auf die freundlichen Menschen dort etwas früher gestoßen. Im einen Pavillon fand ich also das Tourismusbüro und im zweiten hatte eine Massageschule gerade Tag der offenen Tür.

Den Zug nach Lampang habe ich noch rechtzeitig erreicht!