Der uralte Mann, mein bester Freund und Ratgeber, hilft mir im Zweifel, auch in Sachen Liebe.

 

Liebe, so sagt er, wird uns nicht geschenkt. Sie ist nichts Fertiges, Formvollendetes, passiv Hinnehmbares, an dem man nichts mehr ändern kann. Manchmal scheint es so, als sei sie verschwunden. Wenn sie fort zu sein scheint, können wir uns nicht darauf berufen und uns von unserem Partner lossagen. Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, und nicht irgend ein Gefühl wie Liebe oder Hass, auf das wir angeblich keinen Einfluss nehmen können.

 

Er vertraute mir diese wahre, von ihm selbst erlebte Geschichte an, damit ich daraus lerne.

 

Der uralte Mann wiederum hatte von seiner Mutter gelernt, dass der Mensch nicht trennen solle, was der Himmel zusammen gefügt habe. Dass die Liebe zwischen Mann und Frau heilig sei, und dass man an ihrer An- oder Abwesenheit erkennen könne, ob man den richtigen Partner gefunden habe.

 

Es war im siebten Jahr der Ehe des uralten Mannes, meines Freundes. Er hatte eine mehrwöchige Ausbildung bei der Bundeswehr hinter sich und man feierte Abschied. Auch einige Mädels waren erschienen. Meist solche, die während der Zeit einen Soldaten kennen und lieben gelernt hatten.

 

Am Tisch saß eins dieser Mädels und weinte. Mein Freund setzte sich dazu und wollte trösten. Sie sagte, ihr Freund, einer der Soldaten, sei einen Tag früher abgereist, weil seine Frau krank geworden sei, und dass er verheiratet sei, habe sie eben von einem seiner Kameraden erfahren.

 

Das Kuriose für meinen Freund lag darin, dass sie nicht nur mit ihren Tränen, sondern auch mit ihren Kontaktlinsen kämpfte. Sie selber weinte und lachte abwechselnd über sich und ihre Probleme, und mein Freund küsste ihr die Tränen fort. Ihre Münder begegneten sich, und auch ihre Küsse schmeckten salzig.

 

In meinem Freund stieg ein starkes Gefühl auf, eine Mischung aus Mitleid, Begeisterung für die fremde, ihm ungewohnte Frau und körperlicher Erregung. Es war das stärkste Gefühl, dass er in den letzten Jahren Alltag in der Ehe gespürt hatte.

 

Kurz und gut, die beiden landeten in der Garderobe zwischen den Mänteln und liebten sich für wenige Minuten leidenschaftlich.

 

Mein Freund fuhr am nächsten Tag wie in Trance nach Hause.

 

Die Sache war doch eindeutig, er liebte die Neue, denn das Gefühl, was er empfand, war wesentlich stärker als das, was er je für seine Ehefrau empfunden hatte. Also musste seine Ehe ein Irrtum sein, denn seine Mutter hatte ihn schließlich gelehrt, dass man die Richtige an seinen Gefühlen für sie erkennen könne.

 

Mein Freund war ein offener, ehrlicher Mensch, und er berichtete seiner Gattin, dass er jetzt die Richtige gefunden habe und dass er sich trennen wolle.

 

Seine Ehefrau kämpfte mit allen Mitteln um ihn. War es Sex, was er wollte? Sie hockte auf ihm, bewegte sich rhythmisch, und ihre Tränen rannen gleichzeitig an ihrem und an seinem Körper herunter. War es mehr Zuneigung, die er brauchte? Sie lag vor ihm auf den Knien und betete ihn förmlich an. Aber er blieb hart.

 

Liebe, so argumentierte er, sei vom Himmel geschickt, und wenn er sie, seine Angetraute, wirklich liebte, könne er sich wohl schlecht in eine andere verlieben.

 

Sie kämpfte noch lange, und als alles nichts mehr half, tat sie sich etwas an.

 

Als mein Freund begriff, was geschehen war, überkam ihn ein noch viel, viel stärkeres Gefühl, als er es für die Neue entwickelt hatte. Er explodierte förmlich in Liebe zu ihr, verfrachtete sie in sein Auto und fuhr mit Vollgas, Hupe, Warnblinkanlage und aufgeblendetem Scheinwerfer in die fünf Kilometer entfernte Klinik, wo sie gerettet wurde.

 

Junger Mann, belehrte mich mein Freund, der Uralte. Gefühle täuschen und verwirren oft. Es ist die Zuständigkeit, die Verantwortung füreinander, die letztlich zählt. Lass dich nie von Ammenmärchen wie der vom Himmel gesandten Liebe verwirren. Es ist nichts als eine Ausrede, um sich für sein Tun, für seine negativen Impulse besser entschuldigen zu können.

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© Jürgen Berndt-Lüders

Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos