Thomas BERNHARD:
Die Ursache – Eine Andeutung (mit ausdrücklicher Erlaubnis von Theophil K., dem eigentlichen Autor)
Zum Autor: Thomas Bernhard wird am 9.Februar 1931 in Heerlen, Holland als unehelicher Sohn österreichischer Eltern geboren. Zu seiner Mutter, Tochter des Schriftstellers Johann Freumbichler, hat Bernhard immer ein schwieriges Verhältnis.
"Da mich die körperliche Züchtigung letztenendes immer unbeeindruckt gelassen hat, was ihr niemals entgangen war, versuchte sie, mich mit den fürchterlichsten Sätzen in die Knie zu zwingen, sie verletzte jedes Mal meine Seele zutiefst, wenn sie Du hast mir noch gefehlt! oder Du bist mein ganzes Unglück, Dich soll der Teufel holen! Du hast mein Leben zerstört! Du bist an allem schuld! Du bist mein Tod! Du bist ein Nichts, ich schäme mich Deiner! Du bist so ein Nichtsnutz wie dein Vater! Du bist nichts wert! Du Unfriedenstifter! Du Lügner! sagte."
Seinen Vater, Sohn eines Landwirtes, hat Bernhard gar nie zu Gesicht bekommen, er stirbt als Bernhard 12 Jahre alt ist. Bernhard wächst bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf. Der Großvater ist die prägende Figur und Bezugsperson in Bernhards Leben, was allein die Aussage, er habe nur aus Liebe zu seinem Großvater nicht Selbstmord begangen, die in fast all seinen autobiographischen Werken vorkommt, bestätigt. Allerdings wird die gar zu negative Einstellung des Großvaters später für Bernhards schulische Laufbahn hinderlich.
Die Schule an sich sei der Mörder des Kindes. ...Da es nun aber einmal Pflicht sei, die Schule zu besuchen, müsse man seine Kinder hinschicken, auch wenn man wisse, man schicke sie ins Verderben. Die Lehrer sind die Zugrunderichter, sagte mein Großvater. ...Polizisten und Lehrer verbreiten einen üblen Geruch auf der Erdoberfläche. Aber wir können sie nicht abschaffen. Lehrer seien nichts anderes als Verzieher, Verstörer, Vernichter. Wir schicken unsere Kinder in die Schule, damit sie so widerwärtig werden wie die Erwachsenen, denen wir tagtäglich auf der Straße begegnen. Dem Abschaum. Allerdings mache das Schuleschwänzen den sogenannten Erziehungsberechtigten Scherereien.
Sein Vormund, Emil Fabjan, findet Arbeit im bayrischen Traunstein, die Familie siedelt um, und Bernhard lebt bis zum Eintritt in ein Salzburger Internat im Herbst 1943 bei seiner Mutter. Nach einem schweren Bombenangriff wird er zurückgeholt. Vom Herbst 1944 bis zum April 1945 arbeitet Bernhard in einer Gärtnerei in Traunstein. Nach Kriegende besucht er das Johanneum in Salzburg, bricht seine Ausbildung, in der der ganze Stolz seines Großvaters liegt, jedoch frühzeitig, im Alter von 15 Jahren, ab und beginnt eine Lehre in einem Lebensmittelgeschäft in der entgegengesetzten Richtung, der Scherzhauserfeldsiedlung, dem Armuts- und Abbruchviertel der Stadt.
"Ich war jahrelang in eine Lernfabrik gegangen und war an einer Lernmaschine gesessen, die meine Ohren taub und meinen Verstand zu einem verrückten gemacht hatten, jetzt war ich auf einmal wieder mit Menschen zusammen, die von dieser Lernfabrik gar nichts wussten und die von dieser Lernmaschine nicht verdorben waren, weil sie mit ihr nicht in Berührung gekommen waren."
Bernhard zieht sich eine Erkältung zu, die sich, da nicht ganz ausgeheilt, später zu einer Rippenfellentzündung und in weiterer Folge zu einer Lungentuberkulose entwickelt. Bernhard wird in dasselbe Krankenhaus gebracht, in das auch sein Großvater, der schließlich am 11.Februar 1949 an einer Nierenkrankheit stirbt, kurz zuvor eingeliefert worden ist. Während seinen Aufenthalten in den verschiedensten Heilanstalten die bis zum Jahre 1951 andauern, beginnt er intensiv zu lesen und auch zu schreiben, schließlich stirbt kurz nach dem Tod des Großvaters nun auch seine Mutter. Nach 1951 erfüllt er den Wunsch seines Großvaters, nämlich den einer künstlerischen Laufbahn: Er beginnt mit dem Musikstudium, welches er schließlich 1957 am Mozarteum in Salzburg abschließt. Gleichzeitig arbeitet er als Journalist bei verschiedenen Zeitungen und lebt schließlich von 1957 bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller. Thomas Bernhard wurde mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt: 1965 mit dem Bremer Literaturpreis, 1968 mit dem Großen österreichischen Staatspreis und 1970 mit dem Georg- Büchner- Preis. Am 12.Februar 1989 stirbt der herz- und lungenkranke Bernhard in Gmunden. In seinem nur wenige Tage zuvor verfasstem Testament entzieht er seine Werke dem Staat Österreich, in dem er sämtliche Aufführungen, Drucklegungen und Veröffentlichungen aus seinem Nachlass in den nächsten 70 Jahren in Österreich untersagt. Allerdings wird dieses Aufführverbot im Juli 1998 durch eine Privatstiftung wieder aufgehoben.
Bernhards autobiographische Aufzeichnungen beginnen mit dem Werk „Die Ursache“ gefolgt von „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“. „Die Ursache“ behandelt die Jahre von 1943 bis 1946.
Inhalt:
Bernhard leitet die Erzählung aus der Er-Perspektive ein. Nachdem die Umgebung des Internats, Salzburgs und die Umstände der relativ hohen Selbstmordrate im Internat beschrieben sind, setzt er die Erzählung in der Ich-Perspektive, vor allem durch eine Mischung aus innerem Monolog und Gedankengängen, fort.
Bernhard kann an der Stadt Salzburg nichts Positives finden, sie ist für ihn bedeutungslos und kalt, und zehrt immer noch von ihrem alten K&K Ruhm und den Salzburger Festspielen. Durch die jeden krankmachenden Wetterverhältnisse und die nachlässige Restaurierung der Architekturbauten ist die Stadt für niemanden zu ertragen, sie stellt einen Todesboden dar. (So Bernhard)
Im nationalsozialistischen Internat regiert der herrschsüchtige SA- Offizier Grünkranz der jede Gelegenheit nützt, die Schüler auf gemeinste Art zu demütigen und zu bestrafen. Dementsprechend verhalten sich auch die Schüler: Jeder in diesem Internat hat sich schon mit den Gedanken des Selbstmordes beschäftigt, einige haben es dann auch tatsächlich ausgeführt, wobei das grausamste Beispiel wohl das Springen vom Mönchsberg ist. Die toten Körper und zerschmetterten Glieder auf der darunter gelegenen Straße waren ein schon fast normaler Anblick. Bernhard begeht aus zwei Gründen nicht Selbstmord nämlich erstens aus Loyalität zum Großvater und zweitens hat er den Mut dazu nicht. Die Abwechslung zum Internat bieten die Violinstunden und der Englischunterricht einer Dame aus Hannover. Nun kommt zum Schrecken des Internats auch noch der Krieg dazu: Tagtäglich gibt es nun Bombenalarm und die Schüler machen sich auf den Weg zu den erst kürzlich in den Mönchsberg von Zwangsarbeitern hineingehauenen feuchten Stollen. Auch in diesen ist der Tod alltäglich, Krankheiten können sich leicht verbreiten und in den Stollen herrscht ein Geruch des Verwesens. Die erste Schulstunde ist im Prinzip nur ein Warten auf einen neuerlichen Alarm. Dann geschieht das Unerwartete: Auch Salzburg wird angegriffen. Die Schüler, bis jetzt noch sensationsgierig, sehen entsetzt die enormen Zerstörungen. Als Bernhard wieder den Englischunterricht der Dame aus Hannover besuchen möchte, findet er das Haus vollkommen zerstört wieder. Damit ist das natürliche Gleichgewicht zwischen dem Violinspiel, welches er nur aus Liebe zu seinem Großvater noch nicht aufgegeben hat, und dem Englischunterricht gestört. Im Laufen ist Bernhard der Beste, worauf Grünkranz aber nicht Stolz ist.
"Aber meine Siege im Laufen waren dem Grünkranz eher ein Dorn im Auge. ...Ich hatte nie Lust am Betreiben irgendeines Sports gehabt, ja ich habe den Sport immer gehasst, und ich hasse den Sport heute noch. ...Wer für den Sport ist, hat die Massen auf seiner Seite, wer für die Kultur ist, hat sie gegen sich, hat mein Großvater gesagt, deshalb sind immer alle Regierungen für den Sport und gegen die Kultur. Wie jede Diktatur ist auch die nationalsozialistische über den Massensport mächtig und beinahe weltbeherrschend geworden."
Bei den vielen Kriegsverletzten kommt es Bernhard geradezu grotesk vor mit Heldenorden herumzulaufen. Nach dem dritten Bombenangriff wird das Internat geschlossen und Bernhard wird zu seinen Großeltern nach Traunstein zurückgebracht. Kurz vor Kriegsende erfolgt noch ein Angriff auf die bayrische Stadt, der das Bahnviertel vollkommen zerstört.
Nach Kriegsenden wird das Internat notdürftig repariert und unter einem geistlichen Präfekt, Onkel Franz genannt, weitergeführt. Bernhard muss abermals in das ihm verhasste Internat zurück, welches nun katholisch ist und sich als „Staatliches Gymnasium“ bezeichnet. Allerdings lassen sich keine nennenswerte Unterschiede zwischen den beiden Systemen erkennt:
"Hatten wir in der Nazizeit vor den Mahlzeiten an den Speisesaaltischen strammgestanden, wenn der Grünkranz >Heil Hitler< gesagt hatte zu Beginn der Mahlzeit, worauf wir uns setzten durften und zu essen anfangen, so standen wir jetzt in ebensolcher Haltung an den Tischen, wenn der Onkel Franz >Gesegnete Mahlzeit< sagte, worauf wir uns setzen durften und mit dem Essen anfangen."
Bernhards Freunde sind zwei Außenseiter, der verkrüppelte Geographieprofessor Pittioni und der „Krüppel als Architektensohn“, dessen Name er nicht nenne möchte. Allmählich wird er selbst zum Außenseiter und distanziert sich von der Schule.
"Die chaotischen Verhältnisse, in welche wir alle durch den Entschluss, Österreicher zu bleiben und nicht Deutsche zu werden, gestürzt worden waren, ausnützend, war ich, nachdem ich das Internat längst verlassen hatte, noch einige Zeit in das Gymnasium gegangen und hatte mich eines Tages, nachdem ich mich längst innerlich vom Gymnasium gelöst hatte, tatsächlich mitten auf dem Wege in das Gymnasium, der mich durch die Reichenhallerstraße geführt hat, entschlossen, anstatt in das Gymnasium auf das Arbeitsamt zu gehen. Das Arbeitsamt vermittelte mich noch am Vormittag an den Lebensmittelhändler Podlaha in der Scherzhauserfeldsiedlung, wo ich, ohne den Meinigen auch nur ein Wort davon gesagt zu haben, eine dreijährige Lehrzeit angetreten hatte. Ich war jetzt fünfzehn Jahr alt."
Im letzten Teil beschreibt Bernhard seinen Großvater etwas genauer, vor allem die vielen Gedankengänge die er von diesem übernommen hat. Da der Großvater gegen die allgemeine nationalsozialistisch- katholische Einstellung ist und natürlich auch nicht katholisch ist, verweigert man seiner Familie nach seinem Tod seine Bestattung auf dem Maxglaner Friedhof, einzig der Kommunalfriedhof, der dem Großvater aber zeitlebens verhasst war, erklärt sich bereit ihn aufzunehmen.
"Erst als mein Onkel, sein Sohn, zum Erzbischof gegangen und diesem gesagt hatte, er werde die schon in fortgeschrittener Verwesung befindliche Leiche seines Vaters, meines Großvaters, weil sie in keinem katholischen Friedhof der Stadt angenommen worden sei, weil er ja nicht wisse, wohin mit der Leiche seines Vaters, ihm, dem Erzbischof, vor die Palasttüre legen, hatte der Erzbischof die Erlaubnis zur Bestattung meines Großvaters auf dem Maxglaner Friedhof gegeben."
Das Buch ist in zwei Abschnitte, nach den Namen der Direktoren, gegliedert: „Grünkranz“ und „Onkel Franz“. Ansonsten gibt es keinerlei Unterteilungen, was kombiniert mit den langen Gedankengängen, die allerdings durch die teils redundante Information nicht schwerer als einfache bzw. kurze Sätze zu verstehen sind, das fließende an seinen Texten ausmacht. Bernhard beginnt seine Sätze meist mit der wichtigsten Information, die dann kreisförmig durch zahlreiche Wiederholungen in die Details führt, was wiederum jeden Satz spannend macht, da jeder Satz gleichzeitig auch wichtig für das Verständnis ist und eine abgeschlossene Situation behandelt.
Bernhards Autobiographien sind gewissermaßen Auseinandersetzungen mit seiner Vergangenheit, in denen er diese zu bewältigen versucht. In seinen Romanen geht es meist um einzelne Personen, deren Geschichte er in Verbindung mit vielen Gedanken, die vor allem seine Einstellung aber auch politische Meinung darstellen. Bernhard war nie ein Anhänger der Masse, sondern vertrat seinen eigenen Standpunkt, dies ist auch einer der Grundsätze, die er von seinem Großvater übernommen hat.
"Leider hören wir immer nur die Schwätzer schwatzen, die anderen schweigen, weil sie genau wissen, dass es nicht viel zu sagen gibt."
Theophil K.
Ich möchte Theophils Aufsatz noch einiges hinzufügen.
Wer sich mit T.B. beschäftigen mag, dem sei seine Autobiographie empfohlen.
* EIN KIND
* DIE URSACHE
* DER KELLER
* DER ATEM
* DIE KÄLTE
Die fünf Bände sind in einem kleinen Schuber zusammen erhältlich.
Eine Hommage an T.B. hat Gitta Honegger geschrieben.
THOMAS BERNHARD - Was ist das für ein Narr?
Gefällt mir persönlich sehr gut.
Viel Spaß beim Bernhardinern und einen lieben
Gruß Maxi
Thomas Bernhard
Ein Schüler aus Graz verfasste diesen Artikel und stellte ihn vor Jahren ins Netz. Erstaunlich, wenn ein junger Mensch sich auf Bernhard einlässt. Ich habe mit diesem jungen Mann korrespondiert und seine Lese-Erfahrung bei Bernhard war höchst interessant.
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