Timmys großer Tag
Eine Nikolausgeschichte

Tims Augen glänzten. „Kommt der Nikolaus auch bestimmt hier vorbei?“, fragte er seine Mutter voll freudiger Erwartung. „Aber sicher, mein Kind“, antwortete sie ihm. „Er weiß doch, dass du hier wartest.“
Tim hatte seine kleinen Stiefelchen zum ersten Mal selbst geputzt und eines davon ganz besonders blank gerieben. Dieses wollte er auf das Fensterbrett stellen und hoffte, es am nächsten Morgen wohl gefüllt wiederzufinden.
Nachdem er sich mehrfach vergewissert hatte, dass der Stiefel auch wirklich ganz fest stand und nicht von irgendeinem Windstoß hinuntergeweht werden konnte, bat Tim seine Mutter: „Bitte mach du das Fenster zu, ich komme noch nicht ganz an den Griff heran.“ Seine Mutter schloss das Fenster, und Tim drückte sich noch fast eine halbe Stunde die kleine Nase daran platt, bevor er endgültig dem Drängen seiner Eltern nachgab, ins Bett zu gehen.

Er gab sich dann doch dem Argument seines Vaters geschlagen, der sagte: „Je eher du schlafen gehst, Timmy, desto eher ist Morgen und du kannst nachschauen, ob der Nikolaus da war.“

In dieser Nacht träumte der kleine Mann von vielen Geschichten, die allesamt in einer Winterlandschaft spielten, und mitten durch alle seine Träume hindurch fuhr ein großer alter Mann mit einem wilden Rauschebart und trieb die Tiere, die seinen Schlitten zogen, zur Eile an.
Kaum dass Timmy am nächsten Morgen seine Augen öffnen konnte, stürmte er schon voller Vorfreude zum Fenster, das seine Eltern in weiser Voraussicht bereits geöffnet hatten, bevor sie ihn weckten.

Sein Stiefelchen stand auch wirklich noch da, es hatte nicht hinab geweht werden können. Doch ach – Tims glänzende Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, als er seinen Schuh von der Fensterbank nahm und weder Süßigkeiten noch Äpfel oder sonstige Leckereien darin vorfand. Das Stiefelchen schien leer, der Nikolaus musste wohl an Tims Elternhaus vorbei gefahren sein, ohne an ihn zu denken.
Doch halt – als Timmy mit seinem Händchen ganz tief in den Schuh hineinfuhr, da fühlte er etwas. Er zog es heraus und stellte fest, dass es ein kleiner Zettel war. Darauf stand – wie er Buchstabe für Buchstabe selbst entzifferte, da er bereits etwas lesen konnte (worauf er auch ganz stolz war):

„Lieber Timmy,
bevor ich dir etwas in dein Stiefelchen gebe, will ich mich doch lieber selbst davon überzeugen, ob du das auch wirklich verdient hast. Ich komme heute abend noch einmal hier vorbei.
Der Nikolaus.“

Timmy wusste nicht so recht, ob er noch enttäuscht sein, sich freuen – oder doch eher ängstlich an den kommenden Abend denken sollte. Trotz des etwas mulmigen Gefühls in der Magengegend fieberte er so den ganzen Tag dennoch überwiegend in freudiger Erwartung dem Abend entgegen. Denn er sollte ja immerhin den Nikolaus persönlich kennenlernen! Das war schon etwas ganz Besonderes! Alle seine Freunde würden staunen, da war er sich ganz sicher.

Die Stunden vergingen – doch nichts tat sich. Timmy fürchtete schon, der Nikolaus habe bestimmt vergessen, dass er nochmals bei ihm vorbeikommen wollte. Als er mit seinen Eltern gemeinsam beim Abendbrot saß, von dem er wegen der langsam aufkeimenden erneuten Enttäuschung kaum etwas essen konnte, da klopfte es plötzlich drei Mal ganz laut.
Timmys Eltern warfen sich einen erstaunten Blick zu, wer denn der späte Besucher wohl sein könne. „Ach, stimmt ja: Der Nikolaus hat sich ja bei unserem Sohnemann angekündigt. Das wird er bestimmt sein“, meinte sein Vater dann, stand auf und öffnete die Tür.

Und wahrhaftig: da stand ein großer alter Mann mit einem üppigen, langen Rauschebart, der bis weit die Brust hinab reichte. Gehüllt war der Besucher in einen weiten, roten Mantel mit einer riesigen Kapuze. Auf seinem Mantel blinkten überall Sterne in Gold und in Silber, und selbst der Mond war auf ihm zu sehen.
Über der Schulter trug der Fremde einen großen Sack, der mit allerlei schönen Dingen angefüllt schien, Timmy meinte, ein Bein eines Hampelmannes erkennen zu können. Allerdings hatte der Mann in der anderen Hand auch eine Rute, die das leichte Unbehagen in Timmys Magen noch verstärkte.

Eigentlich sah der Nikolaus – er musste es sein – genauso aus wie in seinen Träumen der vergangenen Nacht. Nur an die Rute hatte Timmy nicht gedacht – er hatte sie jedenfalls nicht gesehen. Aber da fiel ihm ein, dass der Nikolaus ja immer mit seinem Knecht Ruprecht unterwegs war, der die bösen Kinder mit der Rute bestrafte, wie er gehört hatte.

„Nun, Timmy, bist du denn auch wirklich immer ganz brav gewesen, hast deine Eltern nicht geärgert und schön in der Schule gelernt?“, richtete der Ankömmling seine Worte an unseren kleinen Freund.
„Ich habe dich im vergangenen Jahr zwar hin und wieder mal beobachtet – daher weiß ich auch, dass du seit kurzem ins erste Schuljahr gehst -, meinte dabei auch manchmal gesehen zu haben, dass du ungern zur Schule gegangen bist, ja, dass du deinen Willen mit lautem Schreien hast durchsetzen wollen?! Habe ich da wohl richtig gesehen – oder trügt mich meine Erinnerung und es war ein anderes Kind?!“

Zunächst konnte Tim nur abwechselnd mit dem Kopf nicken und ihn schütteln, er brachte einfach keinen Ton heraus. Doch dann beeilte er sich, zu versichern, er sei immer lieb gewesen (wozu seine Eltern lächelnd ihre Zustimmung gaben), der Nikolaus müsse sich bestimmt vertan haben. Bei diesen Worten blickte er angstvoll zur Rute in der rechten Hand des Nikolaus.
„Ja, mein Sohn, ich habe die Rute auch dabei. Meinen Knecht Ruprecht habe ich schon mal vorausgeschickt zu anderen Kindern, von denen ich sicher weiß, dass sie böse waren. Da ich mir bei dir nicht so sicher war, habe ich eine seiner Ruten nur mal mitgenommen – man kann ja nie wissen...“

Timmy versicherte nun dem Nikolaus, dass er auch immer gern zur Schule gehe. Es stimme wohl, dass er manchmal ganz kurz daran gedacht habe, es sei sicher viel schöner, zu Hause zu bleiben und zu spielen, aber das habe dann daran gelegen, dass er das Schönschreiben üben musste. Und dass er dies nun mal nicht sonderlich gerne tue, liege daran, dass er immer eine ganze Reihe mit immer demselben Buchstaben habe füllen müssen. Er habe ja schließlich schon schreiben können, bevor er in die Schule gekommen war. Und da fand er solche Schönschreibübungen eben manchmal sehr langweilig. Aber trotzdem sei es in der Schule ganz toll – und zu seinen Eltern sei er auch wirklich immer ganz brav gewesen. Der Nikolaus müsse sich bestimmt vertan haben. Er, Timmy, habe nie geschrien oder mit Quengeln seinen Willen durchsetzen wollen.

„Nun gut, wenn das so ist, dann will ich die Rute mal wegstecken“, meinte der Nikolaus dann gutmütig und steckte sie durch den breiten Gürtel seines Mantels. „Wenn du also wirklich immer brav warst – und das will ich dir mal glauben -, dann sollst du von mir auch was Schönes bekommen. Komm, greif mal in meinen Sack!“, forderte ihn der Nikolaus nun auf und setzte diesen einladend vor Timmy hin.

Zögernd ließ unser kleiner Freund nun seine Hand hineingleiten und fühlte viele kleine und größere Pakete. Er fasste zu und holte ein ziemlich großes Päckchen heraus. Fragend sah er den Nikolaus an, ob er dieses Paket auch wohl wirklich haben dürfe.
„Ja, nimm es ruhig“, brummte der alte Mann nun gutmütig. „Brave Kinder dürfen ruhig auch mal ein größeres Paket bekommen – und nimm auch gleich den Hampelmann dazu, dessen Bein du ja schon vorhin gesehen hast.
So, und nun muss ich aber weiter. Es warten noch viele andere Kinder auf der ganzen Erde auf mich. Bleib schön brav – und gute Nacht!“
Der Nikolaus warf seinen großen Sack wieder über die Schulter, wandte sich um und ging aus dem Zimmer.
Zurück ließ er einen immer noch etwas ängstlichen, verwirrten, aber auch glücklichen kleinen Timmy.
Das also war der Nikolaus gewesen! Er hatte ihn persönlich gesehen, sogar mit ihm gesprochen! Und er hatte darüber hinaus sogar selbst ein Paket aus seinem Sack nehmen dürfen!
Ja – das Paket! Timmy hatte nun erst recht keinen Appetit mehr aufs Abendbrot, sondern stürmte freudig erregt mit einem kurzen „Gute Nacht“ in sein Zimmer, wo er mit hellen, glänzenden Augen die Verpackung des Paketes aufriss.
Hervor kamen viele Süßigkeiten, rote Äpfel und ein kleines grünes Auto. Und - was ihn ganz besonders freute – ein toller, knuffeliger Bär! So einen Bären hatte er sich schon lange gewünscht! Das alles hätte gar nicht in sein Stiefelchen gepasst! Die Enttäuschung am Morgen, das mulmige Gefühl und auch selbst die Angst hatten sich doch gelohnt! Er hatte den Nikolaus gesehen – und noch dazu so viele schöne Sachen bekommen!


In dieser Nacht schlief unser kleiner Mann ganz toll. Er träumte auch wieder vom Nikolaus, der über die ganze Welt fuhr und mit seinem Knecht Ruprecht alle Kinder auf der ganzen Erde besuchte. In seinen Träumen glättete sich das alte, zerfurchte Gesicht des Nikolaus auch immer mehr und wurde ganz freundlich und warm. Timmy hatte nun auch gar keine Angst mehr.

Wie die Geschichte zeigt, kann man Kindern mit kleinen Geschenken noch große Freude bereiten, Kinder glauben auch noch an Wunder – Warum gilt das nicht auch für uns, die „Erwachsenen“? Nur weil wir groß sind?

© Wolf-Jakob Schmidt