Silvester ist für die nächsten Jahrzehnte gerettet.

 

Oma war eine außergewöhnliche und doch einfache Frau. 1929 und 1936 gebar sie zwei uneheliche Kinder. Jahre später zog sie den ebenfalls unehelichen Sohn ihrer Tochter groß. Die Leute zerrissen sich das Maul über Oma, denn in ihren Augen war sie eine unmögliche Person. Oma musste stets improvisieren. Selbst dann, wenn die Lebensumstände äußerst schwierig waren, fand sie immer einen Weg.

 

In meiner Kindheit verbrachte ich fast die ganzen Sommermonate bei Oma. Auf ihrem Herd kochte stets herrlich duftender Kaffee und sein Aroma strömte mit Omas angenehmem Veilchenduft um die Wette.

 

Sie hatte einen ungewöhnlichen Hang zum Kitsch. Das Interieur ihres Hauses war bunt zusammen gewürfelt und nichts passte wirklich zusammen. Sie konnte sich an den kleinsten Dingen erfreuen, vorausgesetzt sie waren praktisch. Es gab kaum einen Gegenstand in ihrem Haus, der nicht einen Sinn erfüllte. Oma liebte Schnäppchen; sie waren ihr Lebenselixier. Heutzutage wäre sie Stammkundin im Ramba-Zamba-Markt von Alex Walzer und würde vermutlich mit Handschlag begrüßt und bei jedem Besuch mit einem Kaffee verwöhnt.

 

                                                                        

                                             
Weihnachten war für meine Schwester und mich immer ein besonderes Erlebnis. Am Heiligen Abend besuchten wir immer Oma. Sie hatte das ganze Jahr Vorbereitungen getroffen und diverse Schnäppchen gelagert. Wenn sie ihre Gaben verteilen konnte, verzauberte ein glückliches Lächeln ihr zerknittertes Gesicht.

 

Ich schaudere noch heute, wenn ich an die scheußlichen beige-rot-karierten Hosen, die meine Schwester und ich geschenkt bekamen, denke. Du meine Güte, was kratzte dieser Stoff! Zugegeben, sie waren warm, aber das raue Beinkleid war für unsere zarte Mädchenhaut denkbar ungeeignet. Da Oma praktisch veranlagt war, halfen unsere Einwände nichts. Wir mussten die Missgriffe textilen Unvermögens anziehen. Gott sei Dank war Winter, so konnten wir wenigstens eine Strumpfhose darunter tragen. Diese Hosen waren wohl ein ganz besonderes Schnäppchen! Da sie mir den nächsten Winter schon nicht mehr passten, freute ich mich, die Hose nun los zu sein, ganz zum Missmut meiner kleinen Schwester, die sie auftragen musste. Wenn sie sicher war, dass Oma nichts hören konnte, verfluchte sie deren übertriebenen Schnäppchenwahn. 

 

In den späteren Jahren tauschten meine Schwester und ich an Weihnachten wortlose Blicke:  „Na, was Oma wohl dieses Jahr wieder auf Lager hat?“ 

 

Wir durften uns über ein mit roten Blumen und einem Goldrand verziertes Dreierpack Whiskey-Gläser freuen, wo ich mich immer fragte, ob darin der Whiskey nicht kippt. Oma beglückte uns mit vielen anderen Meisterwerken der Geschmacklosigkeit, wie z.B. die Flanellbettwäsche, deren Farbe und Design uns zwar den Schlaf raubten, aber immerhin warm hielt. Die Liste der Besonderheiten war so lang wie die Chinesische Mauer. 

 

                          


 

Nie waren wir unserer Oma wirklich böse. Wir waren gut erzogen und bedankten uns herzlich für all das, was man so gut gebrauchen konnte. Unter uns tuschelten meine Schwester und ich über die unmöglichen Gaben und lachten über Omas mangelnden Geschmack. Sie war in unseren Augen wirklich unmöglich! 
 


Mit den Jahren sammelten sich diverse Geschenke an. Keiner von uns beiden war bereit, auch nur eines dieser Gegenstände zu gebrauchen. Wir mussten sie also los werden. Als junge Frauen feierten meine Schwester und ich mit Freunden immer gemeinsam das Silvesterfest. Da kam die Idee: 



Die Tombola der Scheußlichkeiten! 



Jeder der anwesenden Gäste musste einen Gegenstand mitbringen, den er unbedingt los werden wollte. Meine Schwester und ich waren guter Dinge, da wir die Schränke voll davon hatten. In einem Würfelspiel in fest gelegtem Zeitrahmen gingen die Teile hin und her. Nach Ablauf der Zeit musste man all das Zeug mit nach Hause nehmen, das man erwürfelt hatte. So passierte es mir mehr als einmal, dass ich statt einer Scheußlichkeit gleich deren fünf daheim verstauen mußte. Glück im Spiel hatte ich noch nie!

 

Ich besitze die Whiskeygläser übrigens bis heute noch. In all den Jahren wurde ich sie, egal wie viel Mühe ich mir gab, nicht los. Einmal atmete ich auf, weil die Gläser an meine Freundin gingen, nur um sie mit Leidensmiene  im folgenden Jahr wieder zu erwürfeln. Die Whiskeygläser haften an mir wie die Erinnerung an eine ungewöhnliche Frau.

  
Noch heute, wenn meine Schwester und ich uns zu Weihnachten treffen, fällt mit einem Zwinkern in Kürze der Satz: „Wenn Oma jetzt da wäre, was hätte sie wohl auf Lager?“

 

 

 

@ K. Komplizin 11/2009

 

 

 

Titelbild von P. Ampel Muse/Platinnetz

Halma-Bild und Avatar von T. Charles/Platinnetz

 

Wer im Adventskalender die ersten Türchen verpasst hat

und gerne noch nachlesen möchte...

findet sie hier:

http://www.platinnetz.de/magazin/special/adventskalender