Karl ist wieder an dem von Menschen überfüllten Bahnhof. Krampfhaft hält er ein Bündel, in dem sein ganzes Hab und Gut ist. Ängstlich sieht er sich nach Heinz um, darf ihn nicht aus den Augen verlieren. Unmöglich, sich im Gedränge wiederzufinden. Heinz ist hinter ihm, nutzt tapfer seine Ellenbogen, wenn  andere zwischen sie drängen. Heinz` Lächeln gibt Mut. Dieser fast dürre Bursche hat eine Lebensfreude und Energie, die nicht nur ihn, sondern auch Karl antreibt. Der Zug Richtung Süden ist überfüllt, es gelingt ihnen, sich außen am Zug zwischen zwei Waggons einen Halt zu schaffen. Mit einem Bein auf dem Puffer stehend, das andere auf einem kleinen Vorsprung am unteren Rand des Wagens, die Hände  hoch gestreckt zu einer Rinne weit oben, kurz unter dem Dach.

„ Ich stecke dein Bündel noch mit in den Rucksack, du kannst dich sonst nicht halten“ hatte Heinz gesagt und alles fest auf seinen Rücken geschnürt. Bei den Stopps hatten sie den Rucksack getauscht, die verkrampften Finger gelockert, die kribbelnden Beine gestreckt und massiert. Der alte Mann, der auf dem Puffer hockte, rieb sich ganz unverhohlen den Hintern, während die junge Frau, die auf dem Puffer des anderen Waggons saß, sich nur reckte. Total erschöpft kamen sie im Ulm an, hatten  eine Stunde Aufenthalt. Heinz fielen die Augen zu, sein Kopf sank gegen das Eisen des Waggons.

„Lass uns hier bleiben, wir können morgen weiter fahren,“ bot Karl an doch Heinz schüttelte energisch den Kopf.

„Ich will auf den Hof, endlich etwas essen und dann schlafen wir drei Tage lang aus,“ träumte Heinz laut und sah Karl mit diesem Blick an, der ihn stets zu allem überredete. Nach Ulm schien der Zug keine Pausen zu machen, die Hände waren so steif, so verkrampft, dass der Schmerz kaum auszuhalten war. Erschrocken stellte Karl fest, dass Heinz die Augen geschlossen hatte.

„Heinz! Schlaf jetzt nur nicht ein! Das wäre dein Tod!“

„Ich werde dich doch jetzt, so kurz vor dem Ziel nicht allein lassen, “ lächelte Heinz und wischte mit seinen Blicken Karls böse Gedanken fort. Endlos ratterte der Zug dahin. Radong, Radong, Radong….eine einschläfernde Melodie. Wieder hatte Heinz die Augen geschlossen.

„Heinz! Du darfst nicht schlafen!“

„Tu ich gar nicht, tu ich doch nicht….“

„Komm, lass uns singen, dann bleiben wir alle wach,“ fordert Karl auf und sie singen alle vier…

„Hoch auf dem gelben Wa-hagen, sitz ich beim Schwager vorn, vorwärts die Rosse tra-ha-ben, lustig schme-he-tert das Hooorn. Felder, Wiesen und Auen, leuchtendes Ährengold, ich möchte so gerne noch schau-hau-hau-en, aaaaaber der Waaagen der rollt….“

Plötzlich eine ungewohnte Bewegung in dem regelmäßigen Schaukeln und Wackeln des Zuges, im Bruchteil einer Sekunde verschwindet Heinz` Körper zwischen den Waggons, seine weit aufgerissenen Augen blicken ein letztes Mal zu Karl, dumpf knallt Heinz` Kopf an den Puffer.

Die Frau schreit kurz auf. Es klingt mehr erschreckt als entsetzt. Der Alte gibt einen Laut von sich - seufzergleich. Ein kurzer Schrei, ein Seufzer ist alles, was die Welt bereit ist zu geben für das Ende einer Liebe, die verboten, doch rein wie frisch gefallener Schnee war. Radong, Radong…der Zug hat gar nichts mitbekommen, spürt nicht, das die Erde sich gar nicht mehr dreht.

Karl ist stumm und zu keiner Regung fähig. Fort ist der Schmerz in Händen und Füßen. Der Schmerz in seinem Herzen übertrumpft sie wie ein riesiger Berg, wie ein tiefer Ozean und trotzdem gähnt dort öde Leere. Sein Hirn fasst es nicht, sein Herz will es nicht glauben. Er muss doch wieder kommen, er hat doch gesagt, er lässt ihn nicht allein, so kurz vor dem Ziel. Die Zeit bis zum Zielbahnhof übersteht Karl wie in Trance.

„Einen Freund zu verlieren ist hart, doch ein Freund ist nicht alles auf der Welt,“ sagt der Alte zum Abschied, während die Frau stumm fortgeht.

Nein, ein Freund ist nicht alles auf der Welt, doch ohne diesen Freund ist alles auf der Welt nichts!

Automatisch schlägt Karl den Weg zum Bauernhof von Heinz`  Tante ein. Oft genug hat Heinz ihn beschrieben. Drei alte Buchen vor der Einfahrt, weite Wiesen, der Bauerngarten vor dem Haus, rote Nelken in hölzernen Blumenkästen. Wie soll er der Tante sagen, dass sie das letzte Mitglied ihrer Familie ist? Alle holte der Krieg und jetzt, wo keine Bomben mehr fallen, wo das herrscht, was sich Waffenstillstand nennt, fiel der letzte Mann der Familie. Gefallen…im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt erst kann Karl weinen. Er wirft sich in das Moos unter eine Birke und schreit seinen Schmerz hinaus bis die Schultern schmerzen, die das Beben unter den Schluchzern nicht mehr verkraften können. Erschöpft schläft er ein und wird erst gegen Abend wach. Es dämmert  als er am Hof der Tante ankommt.

Alles ist so, wie Heinz es beschrieben hat. Im Garten locken  Kohlrabi und Karotten. Er hat zwei Tage nichts gegessen. Gerade will er an die hölzerne Türe klopfen, da hört er den Streit.

„Und ich sage dir, der bleibt nicht hier auf dem Hof! Für so einen ist hier kein Platz. Ich will hier keine Polizei rumlaufen haben, weil der sich jeden Burschenarsch auf seinen Schwanz steckt. Das perverse Schwein soll dahin gehen, wo seinesgleichen hingehört!“

„Hätte ich dir nicht erzählt, dass Leni mir von ihrem Kummer schrieb, wüsstest du gar nicht von seiner Veranlagung, “ keifte eine Frau.

„Veranlagung? Ein irres, krankes Schwein ist er, “ schrie der Mann und eine Türe knallte. Schnell drückte sich Karl an die Wand. Hoffentlich kam dieser Mann nicht aus dem Haus! Nein, die Schritte entfernten sich. Denen braucht er nicht sagen, dass Heinz tot ist. Die würden sich freuen. Mit schnellen Schritten eilt er durch das Tor, das Gemüse im Garten lockt nicht mehr, er will nur noch fort, läuft und läuft, die Richtung ist ihm völlig gleich.

Er wäre so gern bei Heinz, bei seinem Sonnenschein, seinem Herzblut. Immer wieder sieht er die weit geöffneten Augen von Heinz in dem Moment als er fiel, sie verfolgen ihn, klagen an…ihn, Gott, den Krieg, das Leben und das, was ohne Heinz nicht mehr schön ist…eben alles!

Plötzlich ist da diese Brücke. Der Einfall kommt so abrupt wie der Fall von Heinz. Karl schwingt das Bein über das Geländer, zieht das andere nach und lässt sich einfach fallen. Er nimmt noch ein Geräusch wahr, was sich wie ein Knirschen anhört, bevor er das Bewusstsein verliert.

 

                                                                           *

Karl schreckt hoch. Sein volles Haar total verschwitzt, die Atemfrequenz viel zu hoch. Langsam kommt er in die Gegenwart. Warum er sich in sechsundsechzig Jahren immer noch nicht mit diesem ständigen Begleiter seines Schlafes abgefunden hat, ihn immer noch so realistisch erlebt, jede Sekunde, bis zu seinem Aufprall in den Kohlenwaggon? Erst an dieser Stelle wacht er auf…immer…seit dem Tag als Heinz starb. Sein Heinz, seine Liebe, von der ihm nichts blieb als ein buntes Hemd, das damals in dem Rucksack steckte. Manchmal glaubt er, darin noch den Geruch von Heinz zu schnuppern. Er bewacht es wie einen Schatz, nie durfte man es waschen.

Seine Tagträume sind schön, da denkt er an die Nacht im Heu. Damals fanden sich ihre Lippen, berührten sich ihre Körper auf eine so zärtliche, liebevolle Art und Weise, dass Karl sich gar nicht vorstellen konnte, was die Menschen über Schwule dachten und redeten. Damals zumindest. Da gab es den Paragraphen 175, man war kriminell.

Als ein Politiker öffentlich erklärte, er sei schwul und das sei auch gut so, brach Karl erst in hysterisches Lachen aus, weinte dann lange in seinem Zimmer. Warum hat das keiner vor 70 Jahren gewagt? Alles wäre anders gekommen. Er hätte sich die Demütigungen ersparen können…sich und Heinz. Hinterlader war noch eines der freundlichen Bezeichnungen. Als gäbe es nicht auch Frauen, die dies mit Männern taten. Wer verurteilt die? Insgesamt elf Mal hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen, doch es war wie verhext. Der Ast, an dem er zuerst geschaukelt hatte, brach im entscheidenden Moment doch, aus dem reißenden , eisigen Fluss fischte man ihn heraus, die Räder des LKW`s rollten rechts und links an ihm vorbei und die Tabletten erbrach er.

Wie schön war das Leben mit Heinz an seiner Seite. Er war sein Lebensquell, brachte ihn zum Lachen, füllte ihn mit Freude. Karl fragte Heinz, wie er das schaffe

„Es ist die Liebe, “ hatte Heinz mit einer Stimme gesagt, die seine Überzeugung bekräftigte, während sein warmer, süßer Mund Karl dies einhauchte. Immer hatte Heinz es geschafft, den eher melancholischen Karl aufzumuntern, hatte ihm die schönen Seiten des Lebens gezeigt, auch die, die mit Liebe gar nichts zu tun haben, erst recht nicht mit einer Liebe, die nicht sein darf.

Schon in der Schule spürte Karl, dass Heinz ein Junge war, bei dem die Freundschaft sich anders anfühlte. Wenn die Jungen von Mädchen schwärmten, ihren Rundungen, ihren Augen, dann dachte Karl nur, dass die Augen von Heinz tausendmal schöner waren und wenn sie am Bach tobten, die dicken Steine zu einem Wall zusammen trugen, später in dem gestauten Wasser schwammen, dann brodelten Lavaströme in ihm, wenn Heinz auf seinen Schultern saß und von dort die Jungen herunter schubste, die auf den Schultern der Kameraden saßen.

Mit achtzig Jahren ging Karl ins Altenheim, wartet auf den Tod. Suizidversuche gab er auf, fürchtet, er sei unsterblich. Warum er ein Heim suchte, das neben Gleisen liegt, kann keiner verstehen. Radong, Radong bei jedem Zug…Karl träumt vor sich hin, lächelnd sieht er Heinz vor dessen Fall. Bei Volksliedern rollen dicke Tränen über seine faltigen Wangen.

„Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen….“