Sie sitzen neben einander und plötzlich beugt er sich zu ihr herüber und sie küssen sich. Anna ist fassungslos und kann sich nur mit Mühe zurück halten. Als sie ihn später darauf anspricht, kann er ihre Gefühle nicht nach vollziehen. Sie hätten doch nie vereinbart, sich nur ausschließlich miteinander zu treffen, und wenn er mal mit einer anderen ins Bett geht, hätte das nichts zu bedeuten. Lieben würde er nur sie, beteuerte er. Doch warum, fragte ihn daraufhin Silke, und das fragte sie sich auch selber, muss er dann auch mit einer anderen Frau zusammen sein?

Mit dieser Frage steht sie sicher nicht alleine. In einer Beziehung ist Treue sehr wichtig, dessen sind sich viele sicher. Doch die unterschiedlichen Vorstellungen von Treue und der Exklusivität einer Beziehung führen oft zu Streitereien und Trennungen. Und selbst wenn wir und unser Partner an Treue glauben, wann fängt Untreue an? Und wann sprechen wir von Untreue oder Betrug?

Es gibt Menschen, für die beginnt Untreue bereits im Kopf, nämlich dann, wenn man an einen anderen Menschen denkt. Auf eine ganz bestimmte Art und Weise denkt … Doch mal ehrlich, heißt es nicht auch, die Gedanken seien frei? Wer beim Sex mit dem Partner mal an jemanden anders denkt, an den Kollegen, einen Bekannten … betrügt der seinen Partner schon? Was der Andere nicht weiß, das macht ihn nicht heiß. In diesem Fall nur den, der diese Gedanken hat …  Sollte man darüber reden? Kann man? Wenn man die Art von Beziehung hat, in der man seine erotischen Phantasien miteinander austauschen kann, ohne dass der eine oder andere unter  Eifersucht leidet, sicher schon. Viele haben sogar Spaß daran. Kritisch wird es wohl erst, wenn einem ein anderer Mann/eine andere Frau nicht mehr aus dem Kopf geht, wenn man ständig an diesen Jemand denkt oder sogar auf dem Weg ist, sich zu verlieben. Kann man das steuern oder beeinflussen? Kann man demjenigen  – auch gedanklich - aus dem Weg gehen? Vielleicht wäre es in diesem Fall gut, sich – auch gedanklich - wieder mehr auf den Partner zu konzentrieren. Und vielleicht zu überlegen, ob einem etwas in der Beziehung fehlt, es etwas „langweilig“ geworden ist und ob man etwas tun kann, um das zu ändern.

Wie sieht es jetzt mit der Realität au, fängt Untreue beim Küssen an?  Beim Sex? (Definiere Sex …) Erst wenn ich Gefühle für einen anderen entwickle? Es gibt die, die sagen, Sex mit anderen zu haben, muss nicht heißen, untreu zu sein. Auf die seelische Verbundenheit kommt es an, nicht auf die körperliche Vereinigung. Wenn zwei Menschen sich lieben und sich seelisch verbunden fühlen, können sie trotzdem mit Anderen Sex haben. Das nennt man dann eine offene Beziehung. Das kommt gar nicht in Frage, sagen andere, Sex mit einem anderen, als mit dem Partner, das geht gar nicht. Schließlich, so wird argumentiert, wenn sie/er mich wirklich lieben würde, dann würde ich ihr/ihm auch genügen und sie/er braucht auch keinen Sex mit einer/m anderen Frau/Mann“. Nun, egal wie das jeder für sich hält, wenn beide Partner derselben Ansicht und damit glücklich sind, ist es sicherlich in Ordnung. Wenn der eine nur als Lippenbekenntnis, dem anderen recht gibt, es tatsächlich jedoch anders sieht, ist damit jedoch keinen gedient. Offenheit, Ehrlichkeit, Toleranz und Verständnis für die Andersartigkeit des Partners sind dabei sicher die Grundfeiler. Dem Anderen nur seine Sicht der Dinge aufzwingen zu wollen, bringt gar nichts. Sich völlig verbiegen für den Anderen und damit selber unglücklich werden auch nicht. Denn treu sein, heißt auch in erster Linie, sich selber treu zu sein und es zu bleiben. Und sich selber gegenüber ehrlich zu sein, sich zu fragen, was man wirklich will, was nicht und womit man gar nicht leben kann. Dazu sollte man stehen und wenn es der Partner genauso hält, kann man einen Weg finden, den beide gehen können – mit einander. Denn auch hier gibt es kein Richtig und Falsch, sondern nur das, womit beide gut leben und lieben können.

Davon abgesehen frage ich mich, aus welchem Grund es so oft zu Seitensprüngen in Beziehungen kommt und warum viele Menschen, obwohl sie darunter leiden, trotzdem an der Beziehung festhalten. Um eine, auch sexuell, erfüllte und zufriedenstellende Beziehung zu führen, sind – natürlich - beide gefragt. Dazu gehört, darüber zu reden, was einem wichtig ist und sich und den anderen zu respektieren. Doch Respekt sich selber gegenüber heißt auch, die Konsequenzen zu ziehen, wenn Dinge geschehen, die ich nicht tolerieren und verzeihen kann, die mir weh tun und mir schaden. Schauen wir mal, ob ich mich bei der nächsten Beziehung daran halten werde …