Oktober 2010, Kerngruppenfrühstück. Wir haben seit vorletzter Woche 2 Neue in der Gruppe. Meine Gedanken sind beim Hütten-Marathon. Marathon-Therapie mit ca.  20 Teilnehmern und 3 Therapeuten unter andrem auch der Chefarzt der Klinik. Ich bin nervös.

 

Nein, stimmt nicht. Ich habe Angst, eine Scheißangst vor dem Unbekannten. Alleine der Weg zur Hütte, ab Oberstaufen 1 ½ Stunden Fußweg, ab Buchenberg nur noch bergauf. Meine Kondition ist schon lange nicht mehr das, was sie mal war, selbst Treppensteigen macht mir Probleme, wie soll ich da hinkommen. Kindheitserinnerungen kommen hoch, Wandern mit der Mutter, den ständigen Schlag in den Rücken, „geh grade“ Bauch rein, Brust raus“.

 

Da kann man mir noch so oft sagen, die Gemeinschaft ist nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied, oder du gehst vor, du bestimmst das Tempo. Das ist ja noch schlimmer, ich bestimme das Tempo und die anderen sind dann sauer auf mich, weil's nur so langsam voran geht.

 

Beim Frühstück sage ich auf einmal, ich sage die Hütte ab, ich geh nicht mit. Verwundert werde ich angeschaut. Warum? Ich äußere meine Angst. Angst vor dem Weg, Angst davor mit weiteren 22 Personen auf engstem Raum zu sein. Angst vor neuen Erfahrungen, gebondet wird auch auf der Hütte. Eine der Neuen geht auch mit auf die Hütte. Tut so, als wenn meine Angst lächerlich wäre. Sie erinnert mich an meine Mutter und je mehr sie redet, je mehr erinnert sie mich. Sie triggert mich. Bestreitet, dass meine Hauptangst die vor dem Weg ist. Kann sie doch gar nicht wissen, die dumme Kuh. Egal was ich sage, sie hat immer ein Gegenargument, Wut kocht in mir, wieder so ein Besserwisser, wieder jemand, für den nur die eigenen Argumente zählen. Ich hasse das.

 

Ich mag ihr nicht mehr zuhören und es platzt aus mir heraus, Verdammt, du triggerst mich, du überschreitest meine Grenzen, du bist wie meine Mutter.

 

Verblüfft schaut sie mich an „ich meine es doch nur gut mit dir“. Jetzt reicht's, auch das habe ich oft genug zu hören bekommen. Ich beende mein Frühstück, stehe auf und gehe.

 

Beim sonntäglichen Seelentanz versuche ich zur Ruhe zu kommen, doch wer ist auch dort, sie. Ich übersehe sie geflissentlich. Der Tag schleicht so da hin. Ich schreibe in meinem Tagebuch. Packe die Sachen für die Hütte zusammen. Weiß immer noch nicht, gehe ich nun mit, oder gehe ich nicht mit.

 

Ich gehe schwimmen um mich abzulenken. Endlich ist es Abend, Nach dem Essen geh ich aufs Zimmer, lese noch ein wenig in „Flucht vor Nähe“, eines der zugelassenen Bücher und versuche dann zu schlafen. Ich schlafe unruhig, wälze mich hin und her, der Wecker klingelt und ich schaue aus dem Fenster und denke, auch das noch. Es hat geschneit, alles weiß, bzw. es schneit noch. Toll, das auch noch, denke ich. Jetzt, nachdem ich nicht abgesagt habe. Das musste ja so kommen.

Mutlos trage ich meine Sachen in die Eingangshalle, dort wird das Gepäck gesammelt und später vom Hausmeister zur Hütte gefahren. Wenigstens das muss man nicht auch noch schleppen.

 

Frühstück, noch etwas zurecht machen für Mittags und dann geht’s los. Wir treffen uns am Eingang. Einer der Therapeuten spielt uns ein Abschiedsständchen auf dem Dudelsack. Dann geht’s los Richtung Bahnhof. Es ist kalt und es schneit immer noch. Ich gehe vor, doch bald werde ich von einem nach dem anderen überholt. Ich wusste es doch, ich bin zu langsam. Mir graut vor dem Weg zur Hütte, wenn es hier auf dem Weg schon nicht klappt. Irgendwann bin ich die letzte der Gruppe. Niemand bemerkt es. Am Bahnhof angekommen, bin ich schon erschöpft, hab ich mich doch dem Tempo der anderen angepasst, statt das Tempo zu bestimmen.

 

Ich spreche die Therapeutin, die unsere Gruppe begleitet, darauf an. Sie antwortet mir, warum hast du nichts gesagt. Du musst selbst für dich sorgen und dich melden. Du bist für dich verantwortlich und niemand anderes.

 

Toll, auch das noch. Verärgert, trotzig wie ein kleines Kind, so fühle ich mich jetzt. Mein verletztes inneres Kind, dass da reagiert und agiert. Der Zug kommt, wir steigen ein, müssen einmal umsteigen, haben einen kurzen Aufenthalt bis der Zug nach Oberstaufen kommt. In Oberstaufen angekommen, werden wir vom Chefarzt der Klinik empfangen, der mit seinem Wagen schon mal vorgefahren war. Der Wagen steht jetzt auf halbem Weg zur Hütte, er selbst ist zu Fuß zum Bahnhof gekommen, um uns in Empfang zu nehmen. Er gibt mir seine Wanderstöcke nachdem die Therapeutin ihm erklärt, dass ich Angst vor dem Weg habe und dass ich das Tempo bestimmen solle.

 

Er zwinkert mir zu, du schaffst das schon, keine Angst.

 

Leicht gesagt, keine Angst. Nun ja, ein zurück gibt es jetzt nicht mehr, also nur noch ein vorwärts. Wir machen uns auf den Weg. Ich gehe vor, doch wie auf dem Weg zum Bahnhof in Oberstdorf, bleibe ich auch diesmal zurück, werde überholt, niemand sieht es, bis ich zuletzt wieder den Schluss bilde. Ich könnt heulen, alles nur Worte, So ein Quatsch, eine Gemeinschaft ist nur so stark wie sein schwächstes Mitglied, das sehe ich. Tränen laufen mir über das Gesicht, vermischen sich mit dem Schnee. Ich versuche das Tempo zu halten, komme außer Atem. Bleibe stehen, zwinge mich weiter.

 

Da bleibt die Gruppe stehen. Wartet auf mich. Ich soll wieder nach vorne gehen, das Tempo bestimmen, das klappt doch eh nicht, sage ich mir. Doch diesmal habe ich Begleitung und Unterstützung. Der Chefarzt geht neben mir, muntert mich auf, sagt „geh Schritt für Schritt, bestimme das Tempo, dein Tempo“. Wir kommen an einer Kapelle an, hier essen wir unsere mitgebrachten Brote und dann geht’s weiter.

 

Der Weg bis dahin war ja noch relativ leicht, doch jetzt geht es nur noch bergauf, eisiger Wind pfeift mir entgegen, treibt die Schneeflocken in mein Gesicht. Ich komme außer Atem und melde mich das erste Mal „ich brauche Pause“. Die ganze Gruppe bleibt stehen. Gut gemacht, bekomme ich zu hören, du hast gut für dich gesorgt. Achte auf deine Bedürfnisse. So geht der Weg weiter. Niemand überholt mehr, noch 2 x muss ich Pause einlegen. Der Chefarzt weist in eine Richtung „dort oben ist das Gipfelkreuz, dorthin gehen wir normal als erstes, wenn wir angekommen sind und dort, er zeigt in die andere Richtung „müsste die Hütte sein“. Von dem einen wie von dem anderen ist im Schneetreiben nichts zu sehen. Er fragt, wer möchte mit mir zum Gipfelkreuz gehen. Einige melden sich, ich will nur noch zur Hütte. Die beiden anderen Therapeuten gehen mit denjenigen, die zur Hütte wollen.

 

Endlich......

 

 

angekommen, ich hab es geschafft. Ich bin schweißgebadet, will mich nur noch umziehen und mich aufwärmen. Unser Gepäck ist schon da, ich hole es mir, bekomme das Zimmer zugewiesen, staune, 4 Betten dicht an dicht und noch einmal darüber.8 Frauen in einem Zimmer. Oh Gott. Das kann nur schrecklich werden. Da kommt noch jemand ins Zimmer, nein, auch das noch, nicht die.

 

Ich ziehe mich um, gehe in den Aufenthaltsraum, setze mich an die Heizung. Bin erschöpft. Möchte nur Ruhe. Doch die soll ich heute noch nicht bekommen. Langsam kommen alle an. Der Chefarzt erklärt uns, was auf uns zukommt. Essen wird von der Klinik hochgebracht, muss vom Küchendienst warm gemacht werden zusätzlich evtl. müssen noch Salat zubereitet, morgens muss Tee und Kaffee gekocht und der Tisch gedeckt werden. Für alles sind wir selbst verantwortlich. Auch das sauber machen von Duschen, Toiletten und Räume. Die jeweiligen Dienste werden eingeteilt. Wir haben jetzt 1 Stunde Pause, in dieser Zeit können wir unsere Betten machen, Teewasser aufsetzen und uns dann hier wieder versammeln.

 

Nach 1 Stunde sind wir alle wieder im Aufenthaltsraum und machen eine Befindlichkeitsrunde. Jeder sagt, wie es ihm geht, wie er den Weg hier rauf erlebt hat und

 

…...ob es noch Gepäck gibt, das man von der Klinik mitgebracht hat und das noch nicht bearbeitet ist. Denn, wenn wir am nächsten Tag bonden wollen, muss es in der Gemeinschaft stimmen und wir sollten nicht noch zusätzlichen Ballast mitbringen.

 

Ich soll anfangen. Auch das noch. OK, ich fange an mit …..der Weg hierher war sehr schwer für mich, ich bin mal wieder weit über meine Grenzen gegangen. Warum? Werde ich gefragt. Ich erzähle von meinen Kindheitserlebnissen mit meiner Mutter und auch mit der Schule, immer hieß es, du hältst uns auf, geh schneller, mach voran, wurde lächerlich gemacht vom Lehrer und ausgelacht von den Mitschülern. Immer war ich die Letzte, unsportlich usw..

 

„Hast du das Gefühl du hast die Gruppe hier aufgehalten?“.

„Ja, das habe ich“.

„Sollen wir mal die anderen fragen, ob sie das auch so sehen“

 

Unsicher sage ich ja.

 

Die Frage geht an die Gruppe und erstaunlicherweise bekomme ich nur positive Rückmeldungen, für alle war das Tempo in Ordnung, es gab sogar welche, die mir dankbar waren. Ich kann es nicht fassen.

 

So geht die Runde weiter und kommt bei meiner Lieblingsmitpatientin an. Auch für sie war das Tempo in Ordnung, aber sie habe da noch ein Problem, nämlich mit mir.

Toll, ich bin begeistert, muss das jetzt auch noch sein. Ja, muss es. Es ist Gepäck aus der Klinik und muss vorher bereinigt werden, damit die Gemeinschaft gelebt werden kann.

 

Sie schildert das Problem, das sie mit mir hat. Ich schildere meine Sicht der Dinge. Werde gefragt „an was erinnert dich das?“ „An meine Mutter“. „Meine Mutter hatte auch immer Recht, hat meine Meinung nicht akzeptiert, im Gegenteil, wenn die Argumente ausgingen, bekam ich Prügel. Meistens bekam ich die Prügel auch ohne, dass ich gehört wurde.“

„Ob ich Angst hätte, von ihr geschlagen zu werden“

„Ja, auch Ratschläge können Schläge sein, erst Recht ungefragte Ratschläge“

Auf diese Art können wir unser Problem lösen. Sie wird mir keine ungebetenen Ratschläge mehr erteilen und ich muss aufhören, in ihr meine Mutter zu sehen, da sie nicht meine Mutter ist.

 

OK, damit kann ich erst mal leben und ich kann vorausschicken, dass ich zwar bei diesem Hütten-Marathon noch auf Distanz zu ihr geblieben bin, dass sich später daraus jedoch eine Freundschaft entwickelte und ich das erste Mal erlebt habe, da hat jemand um ein Verstehen und um meine Zuneigung gekämpft. Etwas, das ich vorher in meinem Leben noch nie erfahren durfte.

 

Text: Nika Nachtwind

 

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