Montag, mein erster Arbeitstag nach dem dreiwöchigen Urlaub.
Irgendwie steht die Luft hier oben im 7. Stock unserer kleinen Tagesklinik.
Unser erster Gang ist in die Patientenzimmer, in denen noch niemand ist. Weit reißen wir die Fenster auf, öffnen die Türen sperrangelweit, Durchzug auf der ganzen Station um die Kühle des Morgens durchziehen zu lassen.

Wenn heute die Patienten alle wieder gegen Nachmittag nach Hause gegangen sind, will ich an den See, schwimmen, das schöne Wetter ausnutzen…so ist mein Gedankengang im Laufe des Vormittags.

14.45 Uhr…ich kann sogar etwas früher gehen. Zu Hause sofort die Badesachen gepackt, aufs Rad geschwungen und über die Feldwege und Waldwege an den Langener Waldsee.

Es ist nicht viel los, die Sonne sticht und in der Ferne brauen sich dunkle Wolken zusammen.
Erst einmal schwimmen gehen, dann durch den Wind und die Sonne trocknen lassen und relaxen.

Doch der Blick wird magisch von den Wolkenmassen angezogen, die immer näher kommen.
In der Ferne sehe ich sogar eine Regenwand.

Aufstehen, anziehen und nach Hause flüchten, oder abwarten? Erst gestern konnte ich miterleben, wie ein Schauergebiet tropfenlos an uns vorüberzog, während ich einem indianischen Powwow zuschaute.
Könnte also heute ähnlich sein.

Dicke Tropfen treffen auf meinen Körper…nein…heute kommen wir hier alle in einen Regenschauer. Aber es gibt immer noch einen blauen Himmelsstreif…also doch bleiben, die Sachen zusammen packen, unter dem blauen Sonnensegel Zuflucht suchen, wie die Anderen.
Eingemummelt in meinen Handtüchern, sitze ich auf meiner Tasche. Das Sonnensegel hält keinen Regen ab, sondern lässt die Regentropfen nebelfein auf uns rieseln.

Dann wieder Ruhe, keine Tropfen, der Regen hat aufgehört, die Wolkenwand scheint sich über dem See zu zentrieren.
Also wieder ein Plätzchen gesucht und hingelegt.

Doch dann in der Ferne Blitze und Donner. Aus dem Lautsprecher kommt die Ansage:
Bitte verlassen sie sofort das Wasser!
Bitte gehen sie auch nicht mehr mit den Füßen ins Wasser!

Jetzt reicht es mir. Ich ziehe mich an, packe meine Sachen zusammen und gehe Richtung Ausgang. Ein heftiger Regenschauer geht über mir nieder…jetzt heißt es rennen, zum Kiosk und unter den riesigen Sonnenschirmen mit dem Aufdruck Schöfferhofer Schutz suchen.

Ein Tisch, ein Mann, ein freier Stuhl unter dem geschützten Dach. „Ist dieser Stuhl noch frei?“ Brummig kommt die Antwort: „Nein“.

Der Blitz soll dich treffen, ist mein Gedanke…aber ich nehme ihn wieder zurück, will ja keinen Fluch losschicken.

Und jetzt tobt sich das Wetter direkt über uns aus. Blitze fahren in den See, der giftgrün da liegt, begleitet von Donnerschlägen. Kleine Kinder fangen vor Angst an zu schreien, der Wind hebt bald die Sonnenschirme aus den Ständern und Regengüsse prasseln auf die Erde und verwandeln sie in einen Schlammsee.

Und doch lugt die Sonne wieder hervor. Irgendwann ist Ruhe, die Wolkenwand zieht weiter, ein blauer Himmelsstreif und dahinter neue Wolken, die sich aufbauen.

Jetzt aber dalli…aufs Rad gesetzt und ab in Richtung Heimat.

Die Sonne scheint mir zuzurufen:

Tritt in die Pedale, Marlies
Ich halte dir die nächste Gewitterfront vom Leibe,
tritt in die Pedale,
sei dem Wetter eine Fahrradlänge voraus.

So schnell bin ich noch nie gefahren.
Auf dem Waldweg schütteln die nassen Bäume die Regentropfen aus ihrem Blätterdach.
Meine Haare hängen in Strähnen auf dem Kopf, wie ein begossener Pudel.

Tritt in die Pedale…..

Mein Hals wird ganz trocken, da…wieder ein Blitz. Eins…zwei…drei….vier…fünf.
Fünf mal 300 sind 1.500 Meter. So weit entfernt ist das Gewitter.

Tritt in die Pedale….

Ein Blick an den Himmel. Vor mir die schwarze Wolkenwand, aus der es am See geregnet hatte. Rechts und hinter mir die neue Wolkenwand, dazwischen die Sonne, die auf den Asphalt des Feldweges scheint und ihn zum Dampfen bringt.

Tritt in die Pedale, Marlies…..nun tritt.

Ist der Weg eigentlich immer so lange oder scheint er nur heute so.
Ein warmer, süßer Duft der herab gefallenen Mirabellen , steigt mir in die Nase.

Nun sensibilisiere nicht noch deinen Geruchssinn..Marlies…tritt in die Pedale.

Da vorne, sehe ich schon unser Krankenhaus, das Hochhaus in dem ich wohne.

Tritt in die Pedale…

Angekommen, Garagentür geöffnet, Fahrrad reingestellt, ins Haus gegangen, mit dem Aufzug in den 7. Stock gefahren, die Wohnungstür aufgeschlossen….gerettet!!!!!

Und dann der Blick aus dem Fenster und ich glaube nicht, was ich da im Westen sehe, da wo der See liegt…ein strahlend, blauer Himmel, kleine, weiße Wölkchen, in der Ferne der Taunus und die Sonne, die mich anlacht.

Gut bist du in die Pedale getreten, Marlies…ich habe dir das Gewitter vom Leibe gehalten.

Ungläubig schaue ich in den Himmel, als könnte er kein Wässerchen trüben, nur der Wind verrät, eben war hier noch ein anderes Wetter und mein Blick in den Spiegel, da schaut mich ein total zerzaustes Gesicht an.
Eben noch durch Wind und Wetter gefahren, den Naturgewalten ausgesetzt….aber alles heil überstanden.

Marlies