Ich bin ein Liebhaber der schönen Künste, und spiele leidenschaftlich gern Mundharmonika. Dass mir aber einmal die Musik das Leben retten würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Ich spiele oftmals stundenlang ohne Unterbrechung, und das rettete mich und meine Freunde einmal aus größter Gefahr.
Wir waren mit unserem Segler mit einer Ladung Bananen auf der Reise nach Honolulu. In einen mächtigen
Tropensturm geraten, erlitten wir eine schwere Havarie. Fast wären wir abgesoffen. Um unseren Pott zu retten sah der Kapitän sich gezwungen, sofort Land aufzusuchen um die Sturmschäden auszubessern. So liefen wir in der Weite des Ozeans eine kleine Insel an. Hier wollten wir die Reparatur durchführen. Es war irgendein kleines Eiland, wie es sie zu tausenden in der Südsee gibt, ohne auf einer Seekarte verzeichnet zu sein. Seit zwei Tagen lagen wir bereits in der kleinen, geschützten Bucht. Wir arbeiteten wie die Wilden um möglichst schnell wieder Flott zukommen. Wir schwitzten mächtig, denn die südliche Sonne kannte kein Erbarmen. Ins Wasser wagte sich niemand. Fortwährend wurden wir von Haien belagert, die auf leichte Beute hofften. Ab und zu schaute einer mit grimmigem Gesicht aus dem Wasser ob sich nicht ein leichtsinniger Matrose, von der erbarmungslosen Sonne gepeinigt, vielleicht als Mahlzeit anbot.
Eines Abends kamen meine Bordkameraden und ich auf die Idee, etwas weiter ins Innere der Insel vorzudringen um sie näher zu erkunden. Sie schien unbe-wohnt, denn bisher hatten wir am nahen Strand noch niemand gesehen. Außer einer Affenherde, die in den Palmen umherturnte und uns mit Kokosnüssen bewarf, einigen Kolibris, schreienden Papageien, hatten wir noch nichts weiter entdeckt. Menschen gab es scheinbar nicht auf dieser Insel. So zogen wir zu fünft mit dem Rettungsboot los um eine zünftige Urwaldnacht zu erleben. Bald darauf betraten wir den Strand, wo uns die Affen mit lautem Gekreische und einem Kokosnussbombardement begrüßten. So flohen wir weiter in den dichten Wald, gefolgt von der lärmenden Affenfamilie. Uns neugierig begaffend, konnten sie es aber nicht lassen, uns weiter mit den harten Nüssen zu bewerfen. Als ich schließlich eine Nuss aufhob und zurückwarf, wobei ich einen der Gesellen recht empfindlich am Kopf traf, wurden sie sauer und trieben es noch toller. Sie grinsten bösartig und machten Anstalten uns tätlich anzugreifen. Auf einer Lichtung fielen wir erschöpft ins Gras und überlegten wie wir uns der lärmenden Kollegen erwehren konnten.
Plötzlich kam mir der rettende Gedanke. Ich zog meine Mundharmonika aus der der Tasche und fing an mit Feu-ereifer zu spielen. Die Affen grinsten dämlich gaben dann aber Ruhe. Scheinbar gefielen ihnen meine Töne. Nachdem ich mein gesamtes Repertoire durchgespielt hatte begann ich wieder von vorn, in der Hoffnung, dass die Kameraden den Betrug nicht merkten. Bei La Paloma angekommen bekamen sie Tränen in die Augen und legten sich träge ins Gras, um uns sehnsüchtig anzublinzeln. Jetzt hoffte ich inbrünstig sie würden Ruhe geben, wenn ich die Musik langsam einstellte. Mir taten schon die Lippen weh, und ich hatte Durst wie eine Ziege. Sanft ließ ich die Töne ausklingen und hoffte bangen Herzens sie würden endlich Ruhe geben. Sie gaben, und der Friede war hergestellt. Bald wurden die Kollegen immer zutraulicher. Sie ließen sich von uns kraulen, und Hein begann in einem Anfall witzigen Übermutes seinen Affen nach Läusen abzusuchen, was dieser sichtlich genoß. Danach nahmen wir jeder einen unserer Artgenossen an die Hand und drangen tiefer in den Urwald ein.
Aus der Ferne war das leise Rauschen der Brandung hörbar, soweit waren wir schon vorgestoßen. Bald darauf kamen wir auf eine Lichtung, die ringsum von hohen Palmen umsäumt war. Hier wollten wir bleiben um den Zauber einer Tropennacht auf uns einwirken zu lassen.
Schade nur, dass wir zuvor nicht einige der Kokosnüsse eingesammelt hatten mit denen die Affen uns so schmerzlich begrüßt hatten. Etwas dümmlich schauten wir in die Palmen und überlegten wie wir an die Nüsse kämen. Plötzlich hatte Hein eine Idee. Er nahm seinen Kumpel, der sich gemütlich im Gras flegelte und mit seinen Zehen spielte, bei der Hand. Er ging zu den Palmen hinüber und zeigte nach oben. Der Affe grinste nur. Erst als Hein die Palme kräftig schüttelte begriff Johnny. Hein hatte ihn in einem Anflug von Schabernack so benannt. Johnny kletterte wie der Blitz hinauf. Nuss auf Nuss fiel in den weichen Waldboden. Erst als Hein ihn runter pfiff gab er Ruhe und legte sich wieder ins Gras. Die anderen Kollegen machten sich nützlich indem sie Ananasfrüchte und Paradiesäpfel herbeischafften. Kinder, das war ein Schmaus. Nachdem wir uns an den herrlichen Früchten gütlich getan hatten, wollten die Brüder mit uns in dem Bäumen spielen. Dazu hatten wir, vollgefressen wie wir waren, natürlich keine große Lust. Maulend zogen sie sich wieder in den Wald zurück. Aus dem Verhalten der Affen schlossen wir, dass sie noch keine Menschen gesehen hatten. Sie hielten uns offensichtlich für Missgeburten, die in der Natur öfter vorkommen.
Die Dämmerung war hereingebrochen, mit rasender Schnelligkeit überraschte uns die Nacht. Leuchtend stand über uns das Kreuz des Südens, umgeben von Millionen goldener Sterne. Wie ein geheimnisvoller Zauber umhüllte uns das Wunder einer Tropennacht, die uns alle in ihren Bann zwang. Sie erschien uns plötzlich wie eine zum Bersten gefüllte Schatzkiste. Der Mond warf seinen silbernen Schimmer auf die spiegelglatte See. Er schien das wundersame Geheimnis der samtenen Nacht ergründet zu haben. Hell stand er über den Baumkronen und hielt mit dem Zauber dieses herrlichen Naturereignisses gefangen.
Wir lagen faul im Gras und bestaunten den südlichen Nachthimmel in all seiner Pracht. Allmählich fielen uns die Augen zu. Wir träumten von tropischen Nächten, von braunen Schönheiten, und von Musik liebenden Affen unter goldenen Sternen.

By Raimund Welack