Es ist auffällig, daß die Bars in den touristischen Hochburgen Thailands fast ausschließlich von Ausländern besucht werden, und daß sich dort kaum Thailänder an den Bars finden lassen. Nun wollen wir wissen, warum sich so viele Ausländer an den Bars vergnügen.

Zunächst scheint es so, als könnte man diese Frage durch die Gegenfrage: „Wo sollen sie denn sonst hingehen?“ vollständig beantworten. Zur Auswahl stehen Hotelräume, Geschäfte, eine Strandpromenade, Restaurants und Bars. So bleibt den Urlaubern kaum etwas übrig, als zumindest auch an die Bars zu gehen, denn niemand geht im Dunkeln sechs bis acht Stunden einkaufen oder über eine Promenade. Aber damit wäre die Antwort verfehlt, denn für einen großen Teil der Touristen sind die Bars einer der Hauptgründe für ihren Thailandurlaub.

Nicht zu unterschätzen ist die Attraktion, mitten im europäischen Winter mit einem leichten Hemd oder einer Bluse im Freien sitzen zu können, sich von hübschen Mädchen bedienen, von einer lauen Brise umfächeln zu lassen und dabei Unterhaltung zu finden, sei’s durch Lautsprecherboxen oder mit Bekannten. Doch auch die Mädchen, die an diesen Bars arbeiten, üben eine hohe Anziehungskraft aus und viele Urlauber kommen hauptsächlich wegen dieser Mädchen nach Thailand. Oder auch wegen ihrer Fantasien und den Vorstellungen, die sie sich von diesen Mädchen machen, und dafür gibt es viele verschiedene Gründe.

Einer dieser Gründe besteht in der Kälte der technisierten und automatisierten Gesellschaft Europas. Ganz abgesehen davon, daß man sich dort nur selten ins Freie setzen kann, macht es keinen Spaß, alleine auszugehen, weil man dann nur schwer Kontakt oder Unterhaltung findet, meist auch alleine vor sich hinsitzt und es ist auch ziemlich teuer. Gäbe es in Europa Bars, in denen man sich bei einem Sodawasser, einem Bier oder irgendeinem anderen Getränk mit einem hübschen Mädchen zusammensetzen kann und die Zeit mit Unterhaltung, einem Würfelspiel, Domino oder einem Brettspiel verbringen kann, so würden diese Orte sicher auch dort von vielen Gästen besucht. Eine weitere Attraktion besteht darin, daß man diese Mädchen auch ohne weitere Verpflichtung sehr preiswert als Begleitung für Ausflüge oder für den ganzen Urlaub ausleihen kann, was viele ältere Herren tun (es sich aber nicht nehmen lassen, über ihre angeblichen sexuellen Vergnügungen zu prahlen).

Aber sicher ranken sich die Traumvorstellungen und Fantasien vieler Touristen nicht um eine harmlose Reisebegleiterin. Vielmehr handelt es sich um Wunschvorstellungen und Fantasien, die schon lange vor der Reise nach Thailand fabriziert werden. Noch bevor der Flugschein bestellt wird, beginnen die (noch relativ harmlosen, doch steigerungsfähigen) Träume von vielen verschiedenen Frauen und wilden Nächten. Diese Leute kommen hier auf ihre Kosten, auch wenn die Nächte vielleicht nicht so wild werden, wie es die Fantasien waren. Aber es ist hier zweifellos möglich, verschiedene nette Abende und Nächte mit verschiedenen netten Frauen zu verbringen, was in Europa geradezu undenkbar ist.

Das Problem beginnt bei jenen Leuten, die schon eine ganz genaue Vorstellung von ihrer Wunschfrau zusammengeträumt haben und besteht oft darin, daß sie diese nach Illustrierten-Bildern zusammengestellten Frauen nicht finden und deshalb von allen Frauen, die sie hier finden können, bitter enttäuscht sind. Noch schlimmer wird es, wenn sie diese Frau sehen, denn dann sind sie aufgrund der gewünschten Äußerlichkeiten fest überzeugt, die Frau fürs Leben gefunden zu haben und merken gar nicht, daß diese Frau ganz anders ist, als sie sich das vorstellen können, weil sie ihrer Fantasie rein äußerlich so ähnlich ist. Sie dichten der Frau den von ihnen erwünschten Charakter an und legen ihr nicht nur die entsprechenden Banknoten und Schmuckstücke zu Füßen, sondern oftmals auch noch ein Auto, ein Haus und ein gefülltes Bankkonto und dann versuchen sie oft mit Erfolg, diese Frau zu heiraten, weil sie ja so schön ist, was aber auch gar nichts mit ihrem Charakter oder ihrer Bildung zu tun hat, und schon gar nicht mit ihrem Interesse, nun bis zum Ende ihrer Tage mit einem Farang zusammenzuleben. Aber die Männer sind sicher, daß diese Frau sie liebt, denn das hat die Frau in ihren Tagträumen ja auch getan, und stellen sich darunter vor, daß sie sie bewundert und anbetet, ihnen vollkommen ergeben, ja geradezu hörig ist, ohne sie nicht mehr leben kann und folglich alles ihr Mögliche tun und ihnen gehorchen wird, um mit ihnen leben zu dürfen.

Manche Männer suchen zwar immer nach einer Frau, konnten aber in ihrer Heimat noch keine finden, weil sie von Mammi etwas verhätschelt wurden, etwas schüchtern sind, bei Frauen kein großes Interesse erwecken und weil sie auch noch keine Frau finden konnten, die sie genau so verhätschelt wie die Mammi das getan hat. Spätestens dann, wenn die an der Bar Ausgewählte ihnen tief in die Augen schaut, den Schweiß von der Stirn wischt, ihnen ein neues Bier einschenkt und sagt: „I love you too much!“, verlieren sie den Verstand, halten Händchen, wollen dauernd Küßchen, behaupten, sie haben die Frau ihres Lebens gefunden und wollen heiraten, was die Frau dann oft sehr lukrativ gestalten kann.

Wieder andere Männer kommen mit der festen Absicht, sich eine Frau von Thailand mit nachhause zu nehmen. Sie haben kaum jemals eine wirkliche Partnerin kennengelernt und halten Frauen für eine im Haushalt preiswert einzusetzende Vielzweckmaschine mit Nachtbetrieb. Wenn sie eine Frau in einer Bar finden, kann man davon ausgehen, daß es dieser Frau sicher bald nur noch um Geld geht und daß sie geht, wenn sie genug hat und ihren Farang nicht mehr unbedingt für ihre Ernährung braucht. Schließlich hat er es ja noch nicht einmal für nötig befunden, sie zu verstehen oder als eigenständige Person zu sehen, sondern nur ihren Nutzwert.

Auch die Vorstellung, ‘zu den Nutten zu gehen und sich bei den Säuen auszutoben’ ist garantiert europäisches Vorstellungsgut. Die Männer, die diese Meinung vertreten, sind nicht in der Lage, zu verstehen, daß das Leben und die Lebenseinstellung in Thailand ganz anders sind. Das wollen sie auch nicht wissen, sie sehen nur sich selbst und wollen ‘die Sau ‘rauslassen’. Sie brauchten gar nicht nach Thailand zu kommen. Das, was sie suchen, finden sie genausogut in Europa. Teurer, aber dafür ohne Flugkosten. Und die Enttäuschung bleibt dieselbe, denn dafür sorgen ja nicht die Frauen, sondern die Männer selbst durch ihre Erwartungen.

Wer nicht schon in Europa abfährt, um eine Frau mitzunehmen oder zu heiraten, sondern nur eine nette Freundin für den Urlaub sucht, und nicht ausschließt, aber nicht erwartet, daß er dabei eine feste Verbindung finden könnte, im Verlauf der Bekanntschaft etwas auf gegenseitige Sympathie achtet und auch selbst ein bißchen nett und umgänglich ist, der kann, wen auch vielleicht nicht auf Anhieb, aber doch nach einiger Zeit sicher finden, was er sucht. Und er kann auch im nächsten Urlaub wieder ein nettes Mädchen als Begleitung oder mögliche Partnerin finden, denn es kommen ständig neue Mädchen an die Bars, die durchaus zu einer netten Bekanntschaft oder einer Partnerschaft bereit sind, wenn der Partner sie nur so akzeptiert, wie sie sind und etwas nett ist.

Der Unterschied zwischen diesen Männergruppen liegt zunächst einmal scheinbar nur in der Erwartung und der Illusion. Doch diese sind nur äußerliche Erscheinungsweisen einer Lebenseinstellung, die aber grundsätzlich anders ist, als die in Thailand gängigen Lebenseinstellungen. In Europa versucht eine hohe Anzahl von Menschen mit einzelnen ausgewählten Personen in einem innigen ‘verschmolzenen’ Miteinander zu leben, was oft in einen absoluten Besitzanspruch ausartet. Eine nicht geringe Anzahl von Menschen haben die Hoffnung und damit die Bereitschaft aufgegeben, solch einen Menschen zu finden, mit dem sie in einer völligen Gemeinsamkeit leben könnten. So sehen sie auch den eventuellen Lebenspartner nur als einen Teil der allgemeinen Gesellschaft, die sich aus lauter Gegnern zusammensetzt, einer Gesellschaft, von der sie sich angegriffen fühlen, von der sie glauben, sich gegen sie behaupten und durchsetzen zu müssen, einer kalten Gesellschaft voller potentieller Feinde, die gegeneinander leben und sich mit Aggressionen begegnen.

In Thailand dagegen ist der Gedanke einer innigen Gemeinsamkeit in der Bevölkerung nicht sehr weit verbreitet. Die Vorstellungen eines partnerschaftlichen oder gesellschaftlichen Lebens sind nahezu identisch und weitaus oberflächlicher. Sie zeigen sich vorwiegend in der Vorstellung eines möglichst reibungslosen Nebeneinanders unter Vermeidung von Aggressionen, aber auch ohne emotionelle Anklammerung (die bestenfalls rein wirtschaftlich bedingt ist).

Doch diese verschiedenen Lebensvorstellungen oder -formen sind nur Äußerlichkeiten und keine Inhalte. Sie sagen noch nichts über das Vorhandensein einer emotionellen Bindung oder die Fähigkeit des Zusammenlebens aus, zumal ja in Thailand in vielen Fällen nur ein freundlich-friedliches Nebeneinander in der Partnerschaft angestrebt ist, eine Art netter Zweckgemeinschaft. Aus dieser können sich die Partner desto leichter trennen, je weniger emotionelle Gemeinsamkeit oder finanzielle Versorgung sie erleben.

Dadurch wird die Existensfähigkeit einer Partnerschaft mit einer Thailänderin nicht mehr wie früher von deren Eltern bestimmt, denn dazu ist die Landflucht zu groß geworden und auch viele einzelne Frauen verlassen das Land, wobei es kaum noch eine Rolle zu spielen scheint, ob sie dies vor oder nach der Ehe tun. Die Existenzfähigkeit einer Partnerschaft, insbesondere mit einem Farang ist aber auch nicht mehr durch dessen Kapital und die finanzielle Abhängigkeit gesichert, wie dies noch vor zwanzig Jahren der Fall gewesen sein mochte. Zu häufig sind die Mitteilungen geworden, daß eine Thailänderin ihren ausländischen Partner verlassen hat. Zumeist wird das damit begründet, der neue, zu dem sie ging, habe mehr Geld gehabt. Damit hat sich zumindest die Möglichkeit der Frauen herumgesprochen, einen anderen Partner zu finden, wenn sie mit einem gar nicht klarkommen, was dann wohl an dem einen oder dem anderen Partner liegen kann, zumeist aber wohl an beiden Partnern liegt.

Woran aber mag es liegen, wenn zwei Partner nicht zusammen zurechtkommen. In einer Ehe zwischen Ausländern und Thailänderinnen geschieht es nur äußerst selten, daß Nahrungsmangel der Grund für eine Trennung ist. Es kommt auch nicht allzu oft vor, daß es pure Geldgier der Partnerin ist, die die Trennung verursacht. Viel häufiger geschieht es, daß sie sich nicht verstehen, nicht mit einander klar kommen können. Das geschieht insbesondere dann, wenn er mit seinen europäischen Lebensvorstellungen kommt und sie nach seinen Vorstellungen beurteilt.

Dabei kann es geschehen, daß er eine tiefe, innige Bindung sucht und nicht damit klarkommt, daß sie zwar behauptet, daß sie ihn liebt, aber nicht aus sich herauskommt, auch keine spontane Aktivität zeigt, sich nichts einfallen läßt, was sie für ihn tun könnte, sondern einfach nur lächelnd da sitzt und alles tut, was er ihr befiehlt und von sich selbst aus nur das Geisterhäuschen versorgt. Er findet die von ihm gesuchte innige Gemeinsamkeit nicht und er findet an ihr keinen Halt, kann sich weder an sie anklammern noch erhält er die Anerkennung oder die Bewunderung, die er sucht und ist sicher, daß sie ihn nicht liebt. Tatsächlich aber folgt sie nur der hier üblichen Lebensvorstellung eines freundlich - friedlichen Nebeneinanders, bei dem sie ja auch noch alles tut, was er von ihr verlangt und ist überzeugt, daß sie eine gute Partnerin ist, wenn sie ihn nicht mit ihren Gefühlen ‘belastet’. Das kann in Einzelfällen so weit gehen, daß sie ihre Aufgabe nur darin sieht, mit ihm ins Bett zu gehen, weil Männer das ja wollen, seine Wäsche wäscht und Essen bereitet, weil sie eben glaubt, dies sei das ideale friedliche Nebeneinander, das eine Partnerschaft ergibt. Sie wird seiner Aufforderung, aktiv zu werden und ihm ihre Liebe zu zeigen, vielleicht mit völligem Unverständnis begegnen.

Es kann aber auch sein, daß der Farang die Lebenseinstellung vertritt, sich gegen alle anderen Menschen durchsetzen und sich beweisen zu müssen, auch gegenüber seiner Partnerin. Dabei bleiben Aggressionen nicht aus. Thailänder lernen aber nur selten, mit Aggressionen umzugehen. Aggressionen sind von allen Gefühlen die am meisten verbotenen. Deshalb führen Aggressionen oft sehr schnell zu einer völligen Unbeherrschtheit und für Europäer unverständlichen Reaktionen. Eben deshalb, weil die erfahrene Aggression nicht in das friedliche Nebeneinander der Partnerschaft gehört und die durch das völlige Unverständnis gegenüber dieser Aggression entstehende eigene Aggression nicht beherrscht und in Grenzen gehalten werden kann. Hierbei entstehen oft filmreife Eheszenen und eine hohe Zahl von Krankenhauspatienten.

Der Angelpunkt der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Ausländern und Thailändern ist also nicht die Liebe und nicht das vorhandene Kapital oder die damit zusammenhängende Versorgung, auf gar keinen Fall aber sind es die unterschiedlichen Lebenseinstellungen oder die Vorstellungen von Partnerschaft, die in Wirklichkeit die ersten Widersprüche und Probleme in das gemeinschaftliche Leben bringen.

Der Angelpunkt in einer Partnerschaft von Menschen aus verschiedenen Kulturen und völlig unterschiedlichen Gesellschaften besteht also nicht in ähnlichen Lebensvorstellungen, nicht in ähnlichen Erfahrungen oder Erwartungen, nicht in der Zweckgemeinschaft der gegenseitigen Versorgung von Bedürfnissen und schon gar nicht in dem verschwommenen Ausdruck der ‘Liebe’, sondern einzig und alleinig in der Achtung, die die beiden Partner vor anderen Menschen und voreinander haben. Diese Achtung beinhaltet das Akzeptieren des Partners und die Bemühung, ihn und seinen kulturellen und persönlichen Hintergrund zu verstehen und ihn sein Leben ohne Zwang leben zu lassen. Das bedeutet mehr, als nur Toleranz und mehr, als nur Zuneigung. Ein gemeinsames Leben ohne gegenseitige Achtung vor dem Partner ist nicht möglich.

Diese Achtung läßt sich meist schon beim Kennenlernen eines Menschen erkennen, so man denn selbst genug Achtung hat, um sie erkennen zu können. Man erkennt sie daran, wie ein Mensch sich gegenüber Untergebenen, Kinder, Bettlern, Kranken oder Körperbehinderten verhält, gegenüber Menschen, die Hilfe brauchen, aber vielleicht selbst nicht helfen oder sich nützlich machen können, oder daran, wie ein Mensch einen anderen begrüßt oder ihn berührt. Auch an einer Bar.

Es mag schon sein, daß keine Achtung erforderlich ist, um mit einem Menschen ins Bett zu gehen. Das kommt wohl auf den Kunden und seine Partnerin an. Es mag auch Leute geben, die auf Achtung keinen Wert legen. Das geschieht zumeist dann, wenn sie selbst keine haben. Was mich betrifft, so habe ich gelernt, bei jedem Menschen herauszufinden, ob und wieweit er Achtung vor anderen Menschen hat. Und ich habe mich meist entfernt, wenn sie keine haben. Sie werden mich nicht brauchen und ich sie sicher auch nicht.

Das darf aber nicht bedeuten, daß wir jeden Menschen ablehnen müssen, bei dem wir keine Achtung sehen. Genau so, wie wir Zuneigung entwickeln können, kann sich auch Achtung entwickeln und das kann einige Zeit dauern. Wir können auch einen Menschen achten, der uns nicht gerade achtet, weil er uns nicht kennt, aber doch wenigstens akzeptiert. Doch spätestens dann, wenn er Mißachtung erkennen läßt, wird ein Kontakt mit ihm nicht sinnvoll sein. Ein Mensch, der andere Menschen nicht achtet, hat es zumeist nötig, eine Rolle zu spielen, um die ihm fehlende Persönlichkeit zu ersetzen, und er wird sich zumeist auf seinen eigenen, gerade erreichbaren Vorteil konzentrieren. Und das ist nichts, was anderen Leuten helfen könnte.