Dieser Film läuft parallel zur Wirklichkeit und vermittelt uns oft ein völlig falsches Bild darüber, wie uns andere sehen. Verantwortlich ist unser eigenes Wunschdenken und die Feigheit unserer Mitmenschen, wenn sie uns nicht ihre Wahrheit sagen.

 

Wir machen uns gegenseitig etwas vor, wir spielen Rollen wie Schauspieler und sind selten wirklich wir, nicht einmal vor uns selber geschweige denn vor anderen. Das liegt daran, dass kaum jemand weiß, wer er selber ist und wie andere ihn einschätzen.

 

Mein Tag wäre gerettet, wenn ich meiner Nachbarin einen guten Morgen wünschte und sie antwortete mir, dass sie sich ganz und gar nicht vorstellen könne, dass gerade ich ihr etwas Positives gönne. Wo ich doch immer meine Mülltonne abschließe und sie ständig mit Schrecken feststellen müsse, dass ihre bereits voll sei und sie mit dem Entsorgen des Mülls warten müsse, bis die Müllabfuhr da gewesen sei. Statt ihren Müll einfach in meinen Mülleimer kippen zu können. Ich sei schließlich allein und sie habe eine Familie, bei der viel mehr Müll anfiele als bei mir. Stattdessen setzt sie ein gespielt-freundliches Gesicht auf und wünscht mir ebenfalls einen guten Morgen. Was soll ich davon halten?

 

Noch viel erfreulicher wäre es für mich, wenn ich in der U-Bahn säße und die Frau gegenüber, auf die ich scharf bin, würde mir endlich klaren Wein einschenken. Ich wäre überhaupt nicht beleidigt, wenn sie mir sagte, ich solle nicht immer so anmaßend lächeln, sie sei schon lange glücklich verheiratet und ich überhaupt nicht ihr Typ. Oder sie sei lesbisch und stünde rein sexuell eher auf den Frauentyp Angela Merkel. Aber nein, sie grinst zurück. Und ich habe die Illusion und das Nachsehen.

 

Ich treibe viel Sport und fühle mich absolut gesund, aber man lässt sich ja hin und wieder checken, schon um sicher zu gehen, dass man sich nicht täuscht. Wenn mir mein Arzt sagte, ich sei zwar recht fit für mein Alter, aber ich solle mir nicht einbilden, dass ich noch viel Zeit hätte. Meine Familienanamnese spräche eher dafür, dass ich noch an die 8-10 Jahre mache und dann irgendwann vom Gipfel des Mount Everest stürze, den ich aus eigener Kraft erklommen hätte. Nur weil sich mein Vater mal bei einem Verkehrsunfall den Fuß verstaucht hat, weil er von der Couch fiel, als er einem Kind ausweichen wollte.

 

Unsere Umgebung ist also Schuld daran, dass wir kein realistisches Bild von uns und unseren Mitmenschen haben. Dazu kommt, dass unsere Spiegel die besten Freunde sind. Ich weiß nicht, ob die Angst davor haben, dass wir sie irgendwann zerdeppern, wenn sie uns realistisch zeigen, jedenfalls finden wir uns in ihm immer viel hübscher als wir wirklich sind. Der Spiegel lügt uns an, genau wie unsere Nachbarn und Bekannten. Ich weiß nicht warum die uns belügen. Sehen wir etwa so gewalttätig aus, dass andere denken könnten, wir würden uns rächen, wenn wir ihnen die Wahrheit sagten?

 

Oder ist das einfach nur die Angst davor, jemanden zu verletzen, der uns nichts getan hat?

 

Die meisten Menschen sehen sich anders als ihre Umgebung sie sieht. Ich muss dazu sagen, dass ich gern viel arbeite und nebenbei immer eine Menge verputzt habe. Schokolade, Bonbons, Pralinen und lauter Sachen, die Frauen besonders gut kennen. Statt Rauchen, was ich schon lange aufgegeben hatte. Ich wurde fetter und fetter. Wenn jemand Fotos machen wollte, fand ich immer einen Grund dafür, unbedingt aus dem Bild huschen zu müssen. Entweder musste ich zur Toilette oder ich wollte selber das Foto machen, weil ich das angeblich viel besser konnte als andere. Es gab also nie Bilder von mir, weil mein Unterbewusstsein mir verbat, die Wahrheit zu erkennen und die Beulen an meinem Körper als Fettmassen zu identifizieren. Weil ich daraus hätte Konsequenzen ziehen müssen und mein Ego keine Lust dazu hatte. Aber dann wurde es warm, ich zog eine kurze Hose und ein ärmelloses Muskelshirt an und KLICK, das Objektiv hatte sich geöffnet und wieder geschlossen. Meine Ex hatte mich böswilligerweise fotografiert. Vielleicht um sich leichter immer wieder bestätigen zu können, dass sie einen Grund gehabt hatte, mit mir Schluss zu machen. Die Realität war im Kasten, und ich sah mein digitales Foto auf meinem 19zölligen Bildschirm, als ich die Bilder ausdrucken wollte. Ich musste das Foto um 90 ° kippen, damit es überhaupt drauf passte.

 

Du meine Güte, jetzt wusste ich endlich, weshalb mir die Frauen bei Dates gesagt hatten, ich sei überhaupt nicht ihr Typ. Ja, wenn sie gestanden hätten, dass ich ihnen zu fett war, hätte mir das genützt, aber einfach von ‚Typ’ zu sprechen, wo diese Bezeichnung doch so nichtssagend wie irgend etwas ist...

 

Ich begann also abzunehmen. Ich wurde schlank. Gutmeinende Freunde, die mir vorher nie gesagt hatten, wie dick ich war, erzählten mir jetzt was vom Jojo-Effekt, den ich zu erwarten hätte, und ich beschleunigte angstvoll mein Tempo beim Joggen und kontrollierte jeden Tag Gramm für Gramm, was ich zu- oder abnahm.

 

Ich habe bis heute nicht wieder zugenommen.

 

Was soll ich sagen? ich hatte wieder ein Date. Ich gestand der Frau, voll von neu erworbenem Selbstbewusstsein, dass ich von ihrem Äußeren recht angetan sei und mir vorstellen könne, ein zweites Date mit ihr zu planen. Sie schüttelte den Kopf, und jetzt wusste ich, dass sie meine Traumfrau war: sie sagte, dass ich ihr zu alt aussähe. Ihre Freundinnen würden mich und vor allem sie nicht akzeptieren, denn die hätten alle viel jünger aussehende Männer.

 

Eine Welt brach in mir zusammen. Ich hatte nicht nur meinen Speck abgehungert, sondern auch mein Unterhautfettgewebe im Gesicht, und die Falten, die jahrelang auf ihre Chance gewartet hatten, kamen jetzt stolz zum Vorschein. Ganz nach dem Motto: wer zuletzt lacht, lacht am besten. Das Lachen verging mir.

 

Was nützte mir nun diese Dame, die genau meinen Vorstellungen von einer offenen, ehrlichen Lebenspartnerin entsprach, die mir niemals die Wahrheit über Mülleimer, glückliche Ehen und drohende Abstürze verweigert hätte, wenn sie mich nicht wollte?

 

Meine Identitätskrise riet mir, in Zukunft zu erzählen, ich sei achtzig, denn für dieses Alter sind meine Falten normal. Oder sie aufspritzen zu lassen oder eine Maske zu tragen und mich nur noch während des Karnevals zu daten. Das sind natürlich alles nur selbstbetrügerische Hilfsmittel, die nicht lange vorhalten. Also werde ich in Zukunft wieder fett werden und mich mit Frauen treffen, die zwar Falten im Gesicht, nicht aber dicke Bäuche stören. Aber erst nachdem ich alle Frauen abgeklappert habe, die keine Bäuche mögen, aber Falten akzeptieren können. Vielleicht suche ich mir eine, die ihren Truthahnhals unter einem modischen Tuch zu verbergen weiß. Zu der kann ich dann sagen: guck’ dich doch selber mal an. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht an Falten herum mäkeln. Aber die sind ja wieder nicht ehrlich und ziehen sich auf die Position zurück, ich sei ‚nicht ihr Typ.’

 

Wir Menschen machen uns also was vor. Die Statistik sagt, dass sich 60jährige heute 10 bis 15 Jahre jünger fühlen. Da kann es also passieren, dass zwei sich daten und jeder denkt: mein Gott, sieht der bzw. die aber alt aus ohne zu merken, wie alt er selber wirkt.

 

Solange wir weder ein wirklichkeitsnahes Bild von uns selber haben noch vermittelt bekommen, wird es problematisch sein, unsere Chancen in uns selbst und beim anderen Geschlecht realistisch einschätzen zu können.

© Jürgen Berndt-Lüders