Überraschung im Wartezimmer
Am besten gleich um 9.00 Uhr beim Arzt sein, dachte ich. Das ist freitags das Beste.
Denn freitags wird das Wartezimmer immer sehr voll. Auch deswegen, weil nachmittags keine Sprechstunde mehr stattfindet.
Andere denken auch, und manchmal schneller. Ich werde als 26. drankommen. Hoffentlich gibt der Arzt bei den anderen auch so Gas, wie bei mir immer.
Kennst Du das? Du wartest 2 - 3 Stunden, und selbst bist du in 3 Minuten abgefertigt.
Es ist ruhig im Wartezimmer, nur leise hört man die Stimme der Sprechstundenhilfe am Telefon. Und die der total verschnupften Mutti, die ihrem 4-jährigen Lockenköpfchen aus Kinderbüchern vorliest. Andere machen dasselbe wie ich: Sie schliessen die Augen und hören den Kindergeschichten zu. Die junge Mutti tut mir leid, es wäre ihr bestimmt lieber gewesen, jemand hätte ihren Sohn beaufsichtigt, während sie zum Arzt musste.
Als sie die Geschichte zu Ende gelesen hat, hüpft der Sohn von Mama´s Schoss und geht zu dem kleinen Tischchen mit den Holzpuzzles, Bauklötzen und Kinderbüchern.
Ganz schwach hören wir die Mutti: "Jens, mach bitte mal alleine was. Mit tut der Hals so weh." Jens kann damit nichts anfangen. Er hat sein nächstes Buch gefunden, ein Bilderbuch "Werde gesund". Oder so ähnlich. Er ist auf dem Weg zur Mama. Die Resignation in ihrem Gesicht spricht Bände. Gerade denke ich: Das kann nicht sein, ich hole mir den Jungen her und schaue mit ihm gemeinsam das Buch an, als auch schon der Mittdreissiger mit dem freundlichen Gesicht, der neben Jensens Mama sitzt, zu dem Jungen sagt: Komm her, ich will das Buch auch sehen. Jens zögert kurz, schaut auf zu seiner Mutti. Die nickt ihm zu. Und schon klettert Jens auf den Schoss des unbekannten Patienten. Bild für Bild wird analaysiert. Die beiden reden miteinander, wie wenn sie sich schon lange kennen würden. Fast eine Viertelstunde hat die Mutti Ruhepause. Sie hat die Augen geschlossen und verbraucht Unmengen von Einwegtaschentüchern. Die Arme. Die hat´s wirklich schwer erwischt. Wir anderen Wartenden werden bestens unterhalten von Jens und seinem neuen grossen Freund, den er "Hey Du" nennt. "Hey Du, was ist in der Flasche auf dem Nachttisch? Hey Du, so einen Hampelmann hab ich auch. Hey Du, hast Du auch ein Kuscheltier, wenn du schlafen gehst?" Fragen über Fragen. Und ein sehr geduldiger, witziger Hey Du. Ich bin mir sicher, diesen Arztbesuch wird HeyDu so schnell nicht vergessen.
Ich sehe, die beiden sind auf der letzten Seite angelangt. Deshalb nehme ich die verschiedenen Holztäfelchen aus dem Kinderpuzzle und mische sie schonmal. Gerade rechtzeitig, wie es scheint. Denn Jens nimmt das Buch, klappt es zu, und kommt zum Tisch. "Hey Jens" spreche ich ihn an. "Bist Du fit? Kriegst Du das Puzzle richtig hin? Aber es ist schwierig". Volltreffer. Jensens Ehrgeiz ist geweckt. Das Holzpuzzle scheint für sein Alter geeignet. So nach und nach füllt sich der Holzrahmen mit den passenden Teilen, eine Marktszene wird erkennbar. Jensens Mutti ist eingenickt. Zum Glück sitzt sie vor einem runden Tisch und in einem alten braunen Stuhl mit zwei Lehnen. So kann ihr nichts passieren. Und für Jens ist gesorgt. Kaum hat er das Puzzle geschafft (er ist mächtig stolz, und alle loben ihn), holen ihn zwei Schülerinnen zu sich her. Sie haben schon Papier und Stifte vorbereitet. Der Kleine zeigt, dass er es künstlerisch drauf hat. Kinder, Hund und Haus sind gut zu erkennen. Inzwischen hat die gepflegte ältere Dame mit dem tränenden Auge heimlich die Nummernzettel getauscht. Sie nahm den von der jungen Mutti, der auf dem Tisch lag, und legte dafür ihren hin. Somit ist "Mutti" als nächste dran. Sie wacht von ihrem kurzen Nickerchen auf, und schaut verwundert auf den Zettel vor ihr. Und noch verwunderter ist sie, als eine der Schülereinnen sie anspricht: "Wir könnten auf Jens aufpassen. Dann könnten Sie sich ein bisschen zu Hause hinlegen und erholen". "Wir haben ab heute Faschingsferien und massig Zeit". Und ihre Freundin setzt gleich noch einen drauf: "Mit Kinder füttern habe ich Ahnung, ich habe zwei kleine Brüder". Die Mutti lehnt ab, aber nur schwach und pro Forma. Und wehrt sich dann gar nicht mehr, als mehrere Patienten sich einmischen und ihr sagen, dass es dumm wäre, das Angebot nicht anzunehmen." "Also gut, überredet" stimmt sie endlich zu. Die Mädchen freuen sich richtig auf ihren unverhofften Sitter-Job. Ich frage, welche Zettelnummer sie haben, und der Tausch, damit sie nach Jensens Mama drankommen, geht problemlos vonstatten.
20 Minuten später verlässt das Quartett die Arztpraxis, begleitet von Genesungswünschen der noch Wartenden. Kaum sind sie zur Tür draussen, hören wir die gepflegte alte Dame zu uns sprechen: "Sehen Sie, so einfach kann man helfen". Sie hat recht.
© Rolf worldlorenz 2009
Andere denken auch, und manchmal schneller. Ich werde als 26. drankommen. Hoffentlich gibt der Arzt bei den anderen auch so Gas, wie bei mir immer.
Kennst Du das? Du wartest 2 - 3 Stunden, und selbst bist du in 3 Minuten abgefertigt.
Es ist ruhig im Wartezimmer, nur leise hört man die Stimme der Sprechstundenhilfe am Telefon. Und die der total verschnupften Mutti, die ihrem 4-jährigen Lockenköpfchen aus Kinderbüchern vorliest. Andere machen dasselbe wie ich: Sie schliessen die Augen und hören den Kindergeschichten zu. Die junge Mutti tut mir leid, es wäre ihr bestimmt lieber gewesen, jemand hätte ihren Sohn beaufsichtigt, während sie zum Arzt musste.
Als sie die Geschichte zu Ende gelesen hat, hüpft der Sohn von Mama´s Schoss und geht zu dem kleinen Tischchen mit den Holzpuzzles, Bauklötzen und Kinderbüchern.
Ganz schwach hören wir die Mutti: "Jens, mach bitte mal alleine was. Mit tut der Hals so weh." Jens kann damit nichts anfangen. Er hat sein nächstes Buch gefunden, ein Bilderbuch "Werde gesund". Oder so ähnlich. Er ist auf dem Weg zur Mama. Die Resignation in ihrem Gesicht spricht Bände. Gerade denke ich: Das kann nicht sein, ich hole mir den Jungen her und schaue mit ihm gemeinsam das Buch an, als auch schon der Mittdreissiger mit dem freundlichen Gesicht, der neben Jensens Mama sitzt, zu dem Jungen sagt: Komm her, ich will das Buch auch sehen. Jens zögert kurz, schaut auf zu seiner Mutti. Die nickt ihm zu. Und schon klettert Jens auf den Schoss des unbekannten Patienten. Bild für Bild wird analaysiert. Die beiden reden miteinander, wie wenn sie sich schon lange kennen würden. Fast eine Viertelstunde hat die Mutti Ruhepause. Sie hat die Augen geschlossen und verbraucht Unmengen von Einwegtaschentüchern. Die Arme. Die hat´s wirklich schwer erwischt. Wir anderen Wartenden werden bestens unterhalten von Jens und seinem neuen grossen Freund, den er "Hey Du" nennt. "Hey Du, was ist in der Flasche auf dem Nachttisch? Hey Du, so einen Hampelmann hab ich auch. Hey Du, hast Du auch ein Kuscheltier, wenn du schlafen gehst?" Fragen über Fragen. Und ein sehr geduldiger, witziger Hey Du. Ich bin mir sicher, diesen Arztbesuch wird HeyDu so schnell nicht vergessen.
Ich sehe, die beiden sind auf der letzten Seite angelangt. Deshalb nehme ich die verschiedenen Holztäfelchen aus dem Kinderpuzzle und mische sie schonmal. Gerade rechtzeitig, wie es scheint. Denn Jens nimmt das Buch, klappt es zu, und kommt zum Tisch. "Hey Jens" spreche ich ihn an. "Bist Du fit? Kriegst Du das Puzzle richtig hin? Aber es ist schwierig". Volltreffer. Jensens Ehrgeiz ist geweckt. Das Holzpuzzle scheint für sein Alter geeignet. So nach und nach füllt sich der Holzrahmen mit den passenden Teilen, eine Marktszene wird erkennbar. Jensens Mutti ist eingenickt. Zum Glück sitzt sie vor einem runden Tisch und in einem alten braunen Stuhl mit zwei Lehnen. So kann ihr nichts passieren. Und für Jens ist gesorgt. Kaum hat er das Puzzle geschafft (er ist mächtig stolz, und alle loben ihn), holen ihn zwei Schülerinnen zu sich her. Sie haben schon Papier und Stifte vorbereitet. Der Kleine zeigt, dass er es künstlerisch drauf hat. Kinder, Hund und Haus sind gut zu erkennen. Inzwischen hat die gepflegte ältere Dame mit dem tränenden Auge heimlich die Nummernzettel getauscht. Sie nahm den von der jungen Mutti, der auf dem Tisch lag, und legte dafür ihren hin. Somit ist "Mutti" als nächste dran. Sie wacht von ihrem kurzen Nickerchen auf, und schaut verwundert auf den Zettel vor ihr. Und noch verwunderter ist sie, als eine der Schülereinnen sie anspricht: "Wir könnten auf Jens aufpassen. Dann könnten Sie sich ein bisschen zu Hause hinlegen und erholen". "Wir haben ab heute Faschingsferien und massig Zeit". Und ihre Freundin setzt gleich noch einen drauf: "Mit Kinder füttern habe ich Ahnung, ich habe zwei kleine Brüder". Die Mutti lehnt ab, aber nur schwach und pro Forma. Und wehrt sich dann gar nicht mehr, als mehrere Patienten sich einmischen und ihr sagen, dass es dumm wäre, das Angebot nicht anzunehmen." "Also gut, überredet" stimmt sie endlich zu. Die Mädchen freuen sich richtig auf ihren unverhofften Sitter-Job. Ich frage, welche Zettelnummer sie haben, und der Tausch, damit sie nach Jensens Mama drankommen, geht problemlos vonstatten.
20 Minuten später verlässt das Quartett die Arztpraxis, begleitet von Genesungswünschen der noch Wartenden. Kaum sind sie zur Tür draussen, hören wir die gepflegte alte Dame zu uns sprechen: "Sehen Sie, so einfach kann man helfen". Sie hat recht.
© Rolf worldlorenz 2009
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