Man gelangte von hier aus zum Hauptbahnhof, in die nördlichen Stadtteile oder in die westlichen und östlichen Ausläufer des Landkreises, wo die Schnellbusse die äußersten Spitzen eines Sterns bildeten, dessen Strahlkraft dort schlagartig erlosch. Der Platz war das Prunkstück einer ehemals ausladenden Chaussee, die in schnurgerader Linie stadteinwärts führte und ihr Ziel in einem Schloss fand. Das diente mit dem ganzen Gewicht seiner Historie nachwachsenden Verkehrsplanern als Herausforderung. Infolge der Zerstörungen während des zweiten Weltkriegs war in seiner Aura viel Neues entstanden. Zwischen Schloss und dem Platz drängten sich Geschäfte in den Erdgeschossen der Betonquader, in deren oberen Etagen ansonsten nur Anwaltskanzleien, Notariate, Ärztezentren und das beheimatet war, was die Krise der New Economy überlebt hatte. Nichts Besonderes, Einheitsarchitektur wie in jeder größeren deutschen Stadt. Jeder Kubus verkörperte das nicht einzuhaltende Versprechen von ewig fortdauerndem Wachstum. Mit einem Straßendisplay warb eine Beauty Lounge um Kunden, schöneres Sehen versprach das exklusive Optikgeschäft daneben.

Zu dieser Stunde war ich wohl der einzige Passant, der den Botschaften Beachtung schenkte. Der Wind blies kräftig und schneidend kalt an diesem Morgen. Er trieb mir Tränen in die Augen. Viele Menschen hatten ihre Krägen hoch gestellt und ihre Hände tief in die Taschen ihrer Mäntel oder Parkas vergraben. Es gab für mich im Augenblick nichts zu kaufen. Einzig zwei Literaturzeitschriften hätte ich mir gerne geleistet. Mit ihrer Lektüre wollte ich mir in einem Café Wartezeit vertreiben. Nur konnte mir kein einziger der rund um den Platz verteilten Buchläden meinen Wunsch erfüllen. Da ich damit nun absolut nicht gerechnet hatte, führte ich weder Notizblock noch einen Bleistift mit mir. Ich besorgte mir beides in der preiswertesten Ausführung im nahen Konsumtempel, der auch gleichzeitig das Rathaus beherbergte. Wer am Lesen gehindert wird, muss halt selber schreiben.

Im Schatten des monströsen Ratkaufhauses - diese Mischung aus Geschäft und Politik machte mich schon immer misstrauisch - schmiegte sich ein modernes Café in das Eckgeschäft des gegenüber liegenden Gebäudekomplexes. In seiner oberen Etage gab es tatsächlich noch entfernte Verwandte der alten Plüschsessel und gemütlich kleine, runde Tischchen. Mit einem Grande versorgt, bevorzugte ich jedoch einen Stuhl an der lang gestreckten Sitztheke im Erdgeschoss. Von hier aus war der Blick frei auf das Geschehen auf dem Platz, denn sie lag direkt hinter einer ebenso langen Fensterfront. Heute war ich hier Beobachter, obwohl solche Glasflächen Schaufenster nach beiden Seiten darstellen. Ab und an traf mich ein Blick von draußen, nichts Ernstes, nichts, was mir die Fassung hätte rauben können.

Der Platz wurde unübersehbar beherrscht von einer hohen, begehbaren Säule, auf der irgendein Ludewig thronte. Ehrlich, ich habe mich für Fürsten jeglicher Art schon immer nur dann interessiert, wenn es zum Verständnis geschichtlicher Zusammenhänge unverzichtbar war. Der rauschebärtige, manchmal brachiale Stolz, mit dem sie noch heute unsere Städte bevölkern, war mir schon seit je her fremd. Die im Sonnenlicht golden glänzende Inschrift am Sockel der Säule stach mir ins Auge: Sein dankbares Volk. Sie war mit ihren Großbuchstaben selbst für einen Kurzsichtigen aus großer Entfernung noch zu erkennen. Gab es zu jener Zeit tatsächlich schon Umfragen, die diese Aussage hätten untermauern können? Woher nahmen die Erbauer des Denkmals, gewiss ausnahmslos Menschen in gehobener Stellung, die Legitimation für eine solche Behauptung?

Die Zeitung vom Vortag rief sich in Erinnerung. Die drei langen der insgesamt fünf Artikel auf Seite drei beschäftigten sich mit aktuellen Skandalen, in die hochrangige Persönlichkeiten verwickelt waren. Denen würde man dereinst gewiss huldvolle Grabsteine setzen. Man soll über Tote nichts Böses sagen. Aber wenn es doch die Wahrheit ist? Du sollst nicht lügen, lautet einer der zehn in Stein gemeißelten Paragraphen, auf denen unsere Kultur fußt. Denkmäler sind nicht selten Monumente des Verschweigens.

Verschwiegen hätte der Platz bisweilen gerne jene illustre Truppe, die sich auf den Stufen zum Sockel der Säule einfand, sobald das Wetter halbwegs trocken war. Die Punks waren zumeist gut gelaunt, bettelten Vorübergehende, die ihrem Gravitationsfeld zu nahe gekommen waren, um Zigaretten oder ein paar Cent an. Aber immer nahezu höflich. Nur selten gab es einen bissigen Kommentar, wenn abgelehnt wurde. Ganz anders die Stimmung bei den Obdachlosen, aus Tausend und einem Grund heraus gefallen aus allem, was menschliches Leben definiert. Another Day in Paradise dudelte mir durch den Kopf. Aus dem Asyl in den Morgen gespieen, spülten sie mit dem frühen Bier die Angst vor einem weiteren leeren Tag herunter. Sein dankbares Volk.

Sie war mir schon beim Betreten des Cafés aufgefallen, denn sie stand rechts vom Eingang. Enormes Gepäck hatte sie hinter sich an den mit Betonfliesen verkleideten Eckpfeiler gestapelt. Zu viel für sie. Eine Mittfünfzigerin schätzungsweise, ansprechend geschminkt, gekleidet in einer Art, die Geschmack, aber auch einen schmalen Geldbeutel verriet. In ihrem verlorenen Blick, der nicht losgelassene Tränen nur schlecht verbarg, zuckte durchscheinendes Leben auf, wenn sie Passanten ansprach, von denen die meisten kopfschüttelnd weiter gingen. Vor allem jene, die aus dem benachbarten Bankhaus kamen und mit zerfurchten Gesichtern Kontoauszüge studierten. Taschen, Rucksack und der Trolley beinhalteten wohl einiges, woran zu erinnern sich lohnte, was noch Hoffnung ausdrückte. Und Hoffnung wiegt schwer. Sehr viel schwerer als die schmucke Uhr am rechten Handgelenk des distinguierten Herrn in dunkelgrauem Anzug und elegantem Wollmantel. Ich hätte ihn mir gut als Richter, Anwalt oder Notar vorstellen können. Mit ballettreifer Geste las er die Uhrzeit vom Ziffernblatt seines Schmuckstückes. Ich sah es seiner Mimik an: Er war zufrieden. Offenbar hatte er noch Zeit.

Ehemals die Farbe der Hoffnung war dieses Rot. Es war die Farbe derer, die nicht mehr dankbar sein wollten für schlechten Lohn und schlechte Arbeit, die nicht teilnehmen wollten an Völker vernichtenden Kriegen und - wenigstens teilweise - dann doch Kriegskredite mit bewilligt haben. Heute werden unter dieser Farbe wieder Kredite bereit gestellt, denn dieses Rot hat den Besitzer gewechselt. Es ist die Farbe eines Kreditinstitutes, dessen Fahnen sich tapfer nach dem beißenden Wind ausrichteten, der mir hinter meinem Schaufenster nichts anhaben konnte. Immer wieder schlüpften Straßenbahnen unter ihnen hindurch, ohne Werbeaufschrift, aber markiert mit den Farben eines anderen Geldhauses. Der ganze Platz, so schien es mir, gehörte dem Geld - dem, das man nicht hat und dem, von dem es in zweifelhaften Händen und an zweifelhaften Orten zu viel gibt. The North Face oder Wolfskin - Markenschriftzüge auf Winterjacken leuchteten wie Unabhängigkeitserklärungen.

Zwei Jungs tanzten in mein Gesichtsfeld. Sie vollführten ihre Choreografie gekonnt und so ungeniert, als wären sie allein auf dem Platz. Einer von ihnen trug eine Krone aus goldfarbener Pappe. Er trug sie mit einer Selbstverständlichkeit, die den Ludewig auf seiner Säule schwindlig werden ließ. Tauben, immer wieder Tauben. Ein gelegentlicher Kuss stolperte durch das Schaufenster und fiel vor mir auf die Theke, verlegen, denn er war nicht für meine Augen bestimmt.

Es gibt wunderbare Gründe, dankbar zu sein. Ludewigs auf Säulen, Ratkaufhäuser und ein verratenes Rot gehören nicht dazu.