Heute bin ich hier über einen Artikel - besser einen Artikel-Thread - gestolpert, der mir die Haare zu Berge stehen ließ.

Eine alleinerziehende Mutter, deren Ex-Partner und Väter ihrer Kinder sich erfolgreich aus der (Zahlungs-)Verantwortung gedrückt hatten, beklagte darin dass sich der Staat ihr gegenüber nicht besser verhielte als die erwähnten Väter. Sie arbeitet von 6:20 Uhr bis 20:30 Uhr und erwirtschaftet damit für sich und ihre Kinder ein Einkommen am Existenzminimum.

Ja, natürlich kann allein die geschilderte Situation einem die Haare zu Berge stehen lassen. Bedenklicher noch aber habe ich die Kommentare empfunden, die fast ausnahmlos den Tenor hatten:

„Ich war auch alleinerziehend und habe es geschafft. Ich habe nicht nach dem Staat gerufen ...“

... bis hin zu:

„... Ich finde es verantwortungslos (von ALLEN Beteiligten), Kinder in die Welt zu setzen und dann nach staatlicher Unterstützung zu schreien.“

Klar, bei letzterem kommt natürlich jedem normal denkenden Leser der Gedanke, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen geben kann. Das wäre ja auch zu absurd! Niemand wird Kinder in der Absicht in die Welt setzen, um anschließend nach staatlicher Unterstützung schreien zu können.

Erstere, also die alleinerziehenden Mütter, die sich rühmten, es ohne staatliches Hinzutun „geschafft“ haben, nutzten also den betreffenden Artikel als Anlass, um die Autorin im gleichen Atemzug abzuwerten.

Möglicherweise hat das soziale Umfeld die Leistung der Kommentator/inn/en, erfolgreich allein erzogen zu haben, nicht ausgiebig genug zu würdigen gewusst, so dass sie wohl glaubten, beifallheischend noch das eine oder andere Lob einheimsen zu können.

Natürlich habe ich auch dafür Verständnis. Ich klage ja nicht an. Ich stelle nur fest ...

... dass es sowohl mit vernetztem Denken als auch mit sozialer Intelligenz offenbar nicht zum Besten bestellt ist.

Bei der Autorin des Artikels handelt es sich zweifellos um eine der Schwächeren im Überlebenskampf. Bedauerlich, dass offenbar allein dieses Wissen / diese Vermutung dazu einlädt, tüchtig draufzuhauen.

Ich bin überzeugt: Hier wird pauschal geurteilt, ach, was sage ich: VERurteilt. Ich bin überzeugt, dass sich nicht eine/r der unüberlegten Kommentator/inn/en so gründlich mit der Autorin und ihrer Situation beschäftigt hat, dass es ihr/ihm rein vom Detailwissen her überhaupt möglich war, die Situation einigermaßen moderat und gerecht zu bewerten.

Das widerspricht dem allgemein gültigen Grundsatz: „Willst du etwas bewerten, finde zuerst alles darüber heraus.“

Es ist natürlich sehr populär, darauf hinzuweisen, dass man doch bitte nicht nach dem Staat rufen solle. Mit Staat ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht der Staat gemeint, sondern die Organe und Institutionen, die ihn repräsentieren (sollten).

Man stelle sich das in konsequenter Praxis vor: Die genannten Institutionen sind einfach für nichts mehr zuständig. Hätten sie nicht alle Hände voll damit zu tun, mit dem Rücken zur Wand permanent den selbstverschuldeten Staatskonkurs zu verschleppen, wären sie glatt überflüssig.

Gut, dieses Szenario der l´art-pour-l´art-Ämter allein könnte eine solche Haltung, wie sie aus den Kommentaren abzulesen ist, rechtfertigen. So lange aber noch Spuren des Solidarverständnisses (wenn auch inzwischen unter den Flügeln des Geiers weitestgehend zu rudimentären Fragmenten verkommen) in den Ämtern vorhanden sind, ist nichts Anrüchiges daran, sich in Notfällen der Dienstleistung entsprechender Stellen zu bedienen.

Der Staat, das sind in Deutschland knapp 83 Mio. Menschen. Darunter starke Personen ebenso wie schwache, kluge und dumme, arme und reiche, junge und alte, gesunde und kranke - kurz: Es gibt in unserem Land 83 Mio. Menschen, jeder ein Individuum, jeder geprägt durch seine einmalige und unverwechselbare Lebensgeschichte ...

... und der Sinn dieses Staates sollte es sein, jedem einzelnen einen würdigen Platz zu geben, jeden gemäß seiner Begabungen und Fähigkeiten in das öffentliche Leben einzubeziehen und sein Engagement angemessen zu belohnen. Wenn ich hier von „Staat“ spreche, dann meine ich nicht die „Stellen“ sondern jeden einzelnen, der imstande ist, durch sein Denken und Handeln Einfluss auf unsere soziale, wirtschaftliche und politische Kultur zu nehmen.

Darin steckt glatt soviel Gestaltungskraft, dass wir uns den Luxus erlauben könnten, den relativ kleinen Anteil der Schwachen, die ihren Platz in dem genannten Gefüge nicht zu finden imstande sind (unabhängig davon, ob sie nicht können oder nicht wollen), neidlos mitzuernähren.

Hier aber wird in einer Weise die Überlegenheit des Stärkeren propagiert, die alle Bemühungen um produktives Miteinander im Sinn einer Solidargemeinschaft in den Hintern tritt. Dabei empfehle ich, auch die Verständnisgleichung „stark = gut, schnell, schön und klug / schwach = bösartig, langsam, hässlich und dumm“ einer (selbst)kritischen Überprüfung zu unterziehen.

Altkanzler Helmut Schmidt hat einmal beklagt: „Es ist ein Jammer, dass die Dummen sich ihrer Sache immer so sicher sind und die Gescheiten stets so voller Zweifel“. Ein echter Indikatorsatz!

Vieles deutet darauf hin, dass „die Schwäche der Schwachen“ zu einem großen Anteil das Resultat der „geistig-moralischen Wende“ ist, die uns von der Solidargemeinschaft immer weiter in brutalste Ausprägungen der Ellenbogengesellschaft treibt, hinein in einen Evolutionsterrorismus, der den modernen Staat mitsamt seiner über Erkenntnis-Jahrhunderte entwickelten Errungenschaften zurück in eine überwunden geglaubte Vergangenheit wirft.

Wer also den Schwachen ihre Schwäche vorwirft, sollte sich bewusst darüber sein, dass er damit zuallererst sich selbst einem Vorwurf aussetzt. Wie schön, dass die Einzelverantwortung so gnädig in der allgemeinen Masse ersäuft, nicht wahr?!

Wir können dankbar sein für die demokratischen Strukturen, die unseren Alltag prägen, uns trägt ein Wirtschaftssystem mit enormer Leistungsfähigkeit und Innovationskraft, vernetzt in Vielfalt und vorangetrieben durch wirksame Qualifikationssysteme und -konzepte.

Wenn wir das „Selektionsdenken“, das der betreffende Artikel dokumentiert, nicht ablegen, wenn es zum erklärten Ziel wird, die genannten Vorzüge unserer Zivilisation nur noch denen zugänglich zu machen, die „sich ihrer Sache immer so sicher sind“, dann unterhöhlen wir das Fundament, auf dem unser Staat steht, mehr als jede extremistische politische Bewegung es jemals kann.

Nein, ich mache hier nicht aus einer Mücke einen Elefanten! Ich picke lediglich EINE Mücke aus dem Schwarm, der, zusammengenommen, das Gewicht einer ganzen Elefantenherde übersteigt. Ich meine die, die sich genussvoll an dem Zeitgeist-Spiel beteiligen, zu spalten statt zu verbinden.

Die Zeiten haben sich geändert. Das Leben und das Glück jedes einzelnen ist heute in nie dagewesenem Ausmaß komplex vernetzt mit jedem Geschehen, mit jedem Gedanken und jeder Tat auf diesem Planeten, dass wir uns Separations- und Selektionsspielchen eigentlich nicht mehr leisten können.

Ich danke allen, die bis hierher gelesen haben, für ihre Aufmerksamkeit.