Hesse schrieb über sein Leben:
„ Mein Leben, so nahm ich mir vor, sollte ein Transzendieren sein, ein Fortschreiten von Stufe zu Stufe, es sollte ein Raum um den anderen durchschritten und zurückgelassen werden, so wie eine Musik, Thema um Thema, Tempo um Tempo erledigt, abgespielt, vollendet und hinter sich lässt, nie müde, nie schlafend, stets wach, stets vollkommen gegenwärtig.
Im Zusammenhang mit den Erlebnissen des Erwachens hatte ich gemerkt, dass es solche Stufen und Räume gibt und dass jeweils die letzte Zeit eines Lebensabschnittes eine Tönung von Welken und Sterbenwollen in sich trägt, welche dann zum Hinüberwechseln in einen neuen Raum, zum Erwachen, zu neuen Anfang führt.“ (Hesse, Hermann. Das Glasperlenspiel. Frankfurt am Main 1979, S. 282.)
Aus diesen Gedanken ist wohl dann ein Gedicht entstanden, das er „Stufen“ nannte.

                               Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen.,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
 

Das Gedicht wirkt der Angst, des Loslassens entgegen, will trösten und Hoffnung geben. Es will uns versichern, dass wir nur das innige Gefühl, lebendig zu sein, behalten, wenn wir Stufe und Stufe erleben und das Erlebte bzw. die Bindungen dieser Stufe auch wieder loslassen können, um Bindungen einzugehen, die unserem Gewordensein entsprechen und uns bei unserer Weiterentwicklung dienlich sind. Leben ist Bewegung, Stehenbleiben führt zu Erstarrung und innerem Versteinern. Der Sinn des Lebens ist das Werden, die Entwicklung, die Entfaltung, individuell und generell.
Wenn die Angst mich beschränkt und ich nur festhalte, Menschen und Dinge besitzen will, weil ich glaube, damit Sicherheit auf dieser Welt zu "haben" um der Lebensangst zu entkommen, dann bin ich mitten in dieser Angst. Nur ein Bewusstsein eines höheren Sinnes des Lebens und die Geborgenheit in dieser Sicherheit, macht mich frei und lässt mich Wachstum und Erneuerung riskieren. So kann meine Menschlichkeit reifen und das befreit mich dazu, wirklich zu lieben,
mich, meinen Nächsten, das Leben und das Sein jeglicher Art um mich herum.

Wie sagte schon Melanchthon, dass die einzige Revolution, die die Freiheit des Menschen ermöglicht, nur eine der Bildung und des gehobenen Bewusstseins sein kann und dass jegliche Gewalt Zeugnis des Gegenteiles ist, der Verrohung, Verdummung, die den Rückfall in die Angst bewirkt und wiederum Gewalt gebiert, und damit den Menschen in der Sünde (Abgespaltenheit von seinem eigentlichen Sein) fesselt.
Obwohl Hesse sein Bewusstsein mehr aus asiatischen Religionen bezog, so kommt sein Denken doch auf den Konsens, den Jesus in der Bergpredigt verkündigt.
Das Gedicht beinhaltet die Aussage, die Jesus mit einem Grundsatz macht:
"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", also, wenn du leben willst, dann lasse alles Bisherige hinter dir und folge mir nach. Das bedeutet: Lasse alles los gegen deine Existenzangst, was dich an der Entfaltung deinerselbst, deines gewollten Wesens, hindert. Vertraue in das Lebensprinzip, das dich geschaffen hat, das das Gute will und nach Erfüllung strebt. Empfinde dich als eine Schöpfung des alles durchdringenden und schließlich alles in sich vereinenden Geistes, der Liebe ist. Sei ein materielles und geistiges Abbild dieser Liebe. Lass dein Bewusstsein davon von dem Wissen beflügeln, dass Du als Wesen erschaffen wurdest, dass soviel mehr kann als es zu einem materiellen Leben bräuchte. Dass der Sinn deines Lebens nur ein transzendenter sein kann, ein Bewusstsein zu erlangen, dass in das Lebensprinzip Liebe eingehen kann. Erklimme in dem Vertrauen, gewollt und ein Teil dieser Liebe zu sein, Stufe um Stufe. So wie du eben geschaffen bist, bist du gewollt unvollkommen. Um eine lebendige Entwicklung zu vollziehen, sollst du durch Raum und Zeit schreiten, der wachsenden Erkenntnis über die Dinge und dem Wesen des Lebens entgegen. Dein Leben findet schließlich Erfüllung in der Liebe zu allem Lebendigen, zum Leben selbst. Dieses Bewusstsein schenkt die Freiheit von den Sorgen dieser Welt, weil sie ihre Wichtigkeit und angstmachende Wirkung für dich verlieren. Du kannst Besitz jeglicher Art loslassen.
Hermann Hesse, ein großer Denker, der gerade der heutigen Welt viel zu sagen hat.
copyright Antje Di Bella