Nicht nur eine

Nikolausgeschichte


„Mami, Mami, schau doch mal – es ist alles ganz weiß draußen!“ rief mein Peterchen voller Vorfreude.
„Ja, mein Junge, heute ist doch Nikolaustag. Da mussten die Engelchen dort oben doch wieder ganz viele Wolken ausschütteln! Du weißt doch, dass der Nikolaus immer mit einem vollbeladenen Schlitten über die Erde fährt – und ohne Schnee kann er mit seinem großen Schlitten ja nicht gut zu allen braven Kindern kommen...“.
„... ob er wohl auch zu mir kommt?“---, fragte mein kleiner Sohn nun besorgt.
„Ach, ich glaube schon“, erwiderte ich lächelnd. „Auch wenn du hie und da einen kleinen Streich gespielt hast, so bist du doch mein lieber kleiner Junge. Und das weiß der Nikolaus bestimmt auch“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Der etwas ängstliche Gesichtsausdruck im Gesicht meines Kindes verschwand dann auch sofort wieder und wich einem freudigen Strahlen in seinen Augen.
„Darf ich wohl draußen spielen?“, fragte Peterchen dann.
„Ja, sicher, mein Junge. Sogleich nach dem Frühstück darfst du hinaus und im Schnee herumtoben. Ich muss nachher aber noch einkaufen gehen. Wenn du wieder ins Haus hinein möchtest, bevor ich zurück bin, dann schelle doch bitte bei der Oma. Die wird dir dann öffnen“, antwortete ich darauf.

Peterchen konnte kaum erwarten, bis er vom Frühstückstisch aufstehen und auch nach draußen stürmen durfte. Kurz darauf machte auch ich mich dann auf, um im Dorf einkaufen zu gehen.
Mein Weg führte mich geradewegs durch den tief verschneiten Wald – und Ihr könnt Euch sicher mein Erstaunen vorstellen, als ich plötzlich vielhundertfaches zartes Bimmeln von Glöckchen vernahm.
Ehe ich wusste, was geschah, hatten viele, viele Tiere die Schneemassen etwas beiseite geräumt, die mitten auf dem Weg gelegen hatten. Bären, Rehe, Wölfe – alle Einwohner des Waldes halfen einträchtig, einem von mehreren Rentieren gezogenen Gefährt den Weg frei zu scharren, auf dem ich – ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen – doch wahrhaftig den Nikolaus erblickte!
Ich rieb mir die Augen, und da hielt der Schlitten auch schon neben mir.
„Bist du wirklich der Nikolaus?“ fragte ich erstaunt?
„Ja, du siehst richtig – ich bin es!“ antwortete mir ein großer alter Mann mit lang wallendem Bart, gehüllt in einen weiten roten Kapuzenmantel, mit dunkler tiefer Stimme.

Er sah gerade so aus, wie ich mir den Nikolaus immer schon vorgestellt hatte – und der Blick aus seinen sanften gütigen Augen machte mich dann vollends sicher, dass dies wirklich der Nikolaus war.

„Kommst du heute Abend auch zu meinem Peterchen?“ beeilte ich mich zu fragen, nachdem sich mein Erstaunen etwas gelegt hatte.
„Ja, sicher“, meinte der Nikolaus dann, „ich weiß ja, dass du ein liebes Kind hast.“
Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck des alten Mannes vor mir und es bekam etwas traurige Züge.
„Ach, ich wünschte, ich könnte öfter als nur einmal im Jahr hier in deine Gegend kommen“, sagte der Nikolaus dann. Auf den fragenden Blick in meinen Augen ging er dann auch sogleich ein.
„Ja, weißt du, ich bin schon durch viele, viele Orte gekommen, aber gerade hier in der Nähe sind mir drei Orte besonders im Gedächtnis geblieben:
Im ersten Ort wohnt etwas außerhalb des Dorfes eine arme Familie, die ist so arm, dass ich mich fast schon schäme, nur ein paar Süßigkeiten und etwas Spielzeug für die Kinder dort lassen zu können. Viel lieber würde ich etwas zu essen und auch warme Kleidung dorthin bringen – aber als Nikolaus habe ich so etwas ja leider nicht. Die Kinder freuen sich natürlich über die Dinge, die ich ihnen bringe, aber ich sehe im Hintergrund ihrer Augen die Traurigkeit trotzdem durchschimmern.

Ja, und im zweiten Ort, da wohnt eine Familie mit einem behinderten Kind. Diesem Kind würde ich statt der Spielsachen und Süßigkeiten viel lieber ein paar Spielgefährten bringen. Denn da es ja behindert ist, wollen die anderen Kinder nicht mit ihm spielen. Und so ist es immer sehr einsam. Auch hier kann ich daher mit meinen üblichen kleinen Geschenken nur kurzfristig Freude bereiten.

Und im dritten Ort schließlich lebt eine Familie mit drei süßen kleinen Kindern, die von ihren Nachbarn geschnitten wird. Und das nur, weil sie vor wenigen Jahren neu in den Ort gezogen ist und etwas anders lebt als die anderen Einwohner, die schon von Geburt an in diesem Dorf leben. Auch hier können meine Geschenke leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein – die Traurigkeit über das Einsam- Sein mitten unter all den anderen Menschen kann ich auch hier leider nur kurzfristig vertreiben.

Sicher werde ich diese drei Familien auch dem Christkind noch besonders empfehlen, aber wir kommen ja beide nur einmal im Jahr, und dazu beide auch noch im gleichen Monat, da wir ja über die ganze Welt fahren. Und wenn wir hier alle lieben Kinder – das Christkind auch die erwachsenen Kinder“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu, „- besucht haben, dann müssen wir ja auch noch die Bewohner all der anderen Welten besuchen. So können wir eben leider auch nur einmal jedes Jahr kommen“, schloss der Nikolaus seinen Bericht.

Ich war ganz erstaunt, dass auch dem Nikolaus Probleme offensichtlich nicht fremd waren – und dass er gerade mir davon berichtet hatte.
Als ich wieder etwas sagen konnte, meinte ich dann zögernd:
„Und... wenn ich... dich... manchmal... vertreten würde? – Ich bin zwar nicht du, aber wenn ich als du dorthin käme, und das vielleicht einige Male im Jahr, dann könntest du ihnen praktisch öfter eine Freude bereiten – auch wenn du nicht selbst da bist?!“ –

„Ja – wenn du das für mich tun würdest, das wäre freilich wunderschön!“ rief der Nikolaus dann strahlend.
„Außerdem“, fuhr ich fort, gestärkt durch die ermunternde Reaktion des Nikolaus, „könnte ich mich ja auch sonst darum kümmern, dass die erste Familie etwas mehr Unterstützung bekommt – freilich ohne dass sie es als Almosen ansehen müsste -, dass das Kind in der zweiten Familie Spielkameraden bekommt – vielleicht werde ich dort ja auch mein Peterchen ab und zu hinbringen -, und dass schließlich die dritte Familie etwas mehr in die Dorfgemeinschaft einbezogen und angenommen wird – man könnte ja Gemeinschaftsveranstaltungen zum besseren Kennenlernen veranstalten -, na ja, ich werde mir da mal was einfallen lassen“, schloss ich meine gesprochenen Überlegungen ab.

„Ja – wenn du das tun könntest – das würde auch mir die eigene Freude beim Beschenken der Kinder wiedergeben. Denn bislang denke ich immer an diese Familien, wenn ich zu all den Kindern gehe, und dann freue ich mich zwar über ihr schüchternes Lachen und ihre strahlenden Kinderaugen, im Hintergrund aber sehe ich immerzu die traurigen Augen dieser anderen Kinder.
Das wäre wirklich herrlich – hab ganz lieben Dank dafür, dass du das tun willst!“
sagte der Nikolaus darauf herzlich zu mir.

„Aber nun muss ich langsam weiter. Meinen Knecht Ruprecht habe ich schon vorausgeschickt, um zu erkunden, wo überall liebe Kinder wohnen. Der wartet sicher schon auf mich. Also dann bis heute Abend!“, rief er mir noch zu, dann war er auch schon meinen Augen entschwunden – so schnell zogen ihn seine Rentiere.

Wenn da nicht die frischen Schlittenspuren gewesen wären, und wenn er dann am Abend nicht wirklich zu meinem Peterchen gekommen wäre – ich hätte bestimmt gedacht, ich hätte nur geträumt, das könnt Ihr mir glauben.

Dass ich aber von dieser Begegnung mit dem Nikolaus aber eben nicht geträumt habe, das habe ich spätestens schließlich dann gemerkt, als ich festgestellt habe, dass es diese drei Familien, von denen der Nikolaus mir erzählt hatte, wirklich gibt.....

Ach ja, übrigens: Eines der Rentiere, das den Schlitten des Nikolaus zog, hatte wirklich eine rote Nase!

©Wolf- Jakob Schmidt