Was ich jetzt schildere, hat mir selber den Atem verschlagen und mir alles Vertrauen in meine Liebsfähigkeit geraubt. Ich werfe mir in diesem Fall nicht vor, dass ich Schluss gemacht, sondern, dass ich so lange damit gewartet habe.
Nach einer Pause, die mit Arbeit überhäuft war und während derer ich überhaupt nicht an eine Beziehung dachte, schrieb ich mich mal wieder bei einer Partner-Agentur ein. Diesmal weitete ich den Postleitzahlen-Suchbereich auf ein anderes, mehr ländliches Gebiet aus.
Zwar hatte ich während der Arbeit nicht an Beziehungen gedacht, aber die männlichen Sehnsüchte und Ängste konzentrieren sich doch immer wieder auf Frauen und ihre Attribute, was ja bei manchen dazu führt, dass sie sich eine Prostituierte suchen.
Damit habe ich nichts am Hut.
Meine Ängste bezogen sich ganz klar auf die unkalkulierbaren Folgen einer Liebe. Zu oft hatte ich unter der Hoffnungslosigkeit gelitten, eine verhunzte Beziehung wieder hin zu bekommen. Am liebsten hätte ich mir sogar verboten, mich zu verlieben und mir eine gesucht, die ich mit links in die Hosentasche hätte stecken können, wo sich mich beim Laufen durch ein Loch hätte kraulen dürfen. Aber solche Gedanken verbot ich mir erst recht.
Eine meldete sich, das heißt, viele meldeten sich, aber fast alle trauten sich nicht, mich direkt anzuschreiben. Vielleicht, weil sich sowas nicht für Frauen unserer Generation gehört? Ich weiß es nicht. Aber diese eine hatte mir ein Bild geschickt, das sie in einem geblümten Sommerkleid mit zusammen geklappten Regenschirm und einem Strohhut zeigte. Etwas altbacken wirkte sowas auf mich, aber ich rief sie an und wir verabredeten uns.
Mit der wirst du nie Schwierigkeiten haben, sagte mir mein Unterbewusstsein, kaum, dass ich sie sah. Die steckst du wirklich in die Tasche, aber in die virtuelle, und du brauchst kein Loch in der Hosentasche, damit sie dich verwöhnt.
Wie sie mich schon ansah, so verliebt wie ein Teenager.
Anfang sechzig war sie und so gut wie „neu“. Ihr ganzes Leben hatte sie mit einem einzigen Mann verbracht, der sich in einer Art Panik, etwas zu verpassen, doch noch um jüngere Frauen bemühte. Nebenher versuchte er, sie für alle Fälle noch nicht endgültig zu vergraulen, denn allein wollte er auf keinen Fall sein. So erzählte sie mir jedenfalls.
Und dass er ihr immer wieder vorwarf, sie sei dumm und ungebildet, berichtete sie...
Noch machte ich mir keine Gedanken darüber.
Neu schien sie mir, die Frauen mögen mir verzeihen, denn meine jetzt folgenden, damaligen Kriterien waren so unendlich primitiv, weil sie nie ein Kind geboren hatte. Die Brüste stramm und die Haut straff, kaum Falten, und die Haare trugen noch ihr natürliches Schwarz-Blau. Und obwohl sie Lehrerin war, was ich an ihrer Art, etwas zu erklären, sofort erkannte, besaß sie wirklich keine große Allgemeinbildung. Kurz: sie wirkte wie eine Frau aus einer anderen Epoche des vorherigen Jahrhunderts und ihres Lebens.
Sie hatte die Art einer damals Zwanzigjährigen.
Meine erotischen Sehnsüchte malten sich eine erfolgreiche Zukunft mit ihr aus. Meine Seele und mein Verstand hatten Sendepause, aber mein Körper genoss ihre Gefügigkeit. Sie bot mir alles an, was sie jemals gelesen oder gelernt hatte, und großzügig verzichtete ich auf Extravaganzen, von denen ich glaubte, dass sie einer Frau gewiss keinen Spaß machten.
Überhaupt: wenn ich sie fragte, was denn aus ihrem inneren Bedürfnis stammte und von was sie meinte, dass ich es wohl so wollen könnte, gab sie mir keine deutlichen Antworten. Solche Fragen war sie einfach nicht gewöhnt. Ihr Mann hatte sie genommen wie sie war.
Ob sie zu mir ins Bett kommen dürfe, fragte sie mich sogar.
Rasch stellte sie mich ihrer Mutter und der adoptierten Tochter vor, ich wurde gut und gerne aufgenommen und diente als Unterhalter und männlicher Zukunftsträger der Familie. Was mir nicht gefiel, war die Einrichtung des Hauses. Ihr Exmann hatte es nach seinem Geschmack eingerichtet, und die dunklen Farben und Holztöne bedrückten und erschlugen mich regelrecht.
Wenn sie bei mir zu Besuch war, litt sie darunter, dass sie mir im Haushalt nicht helfen durfte. Ich fühlte mich einfach gegriffen.
Wer meine erste Folge dieser Reihe gelesen hat, wird sich erinnern, dass ich kein Hausmütterchen wollte, aber hier hatte ich eins, an dem ich meine ganze, aufgestaute Lust auf Sex noch einmal richtig austoben konnte. Je nach Belieben. Anfangs war sie „der Hammer“ für mich.
Als ich merkte, dass ich Widerwillen entwickelte und mir Gründe einfielen, sie dazu zu bringen, doch eher als geplant nach Hause zu fahren, machte ich Schluss.
Menschen können Ungeheuer sein.
