Shabbat wird die Königin Shabbat genannt. Seit Jahrtausenden webt der Shabbat ein Band, das uns in einer langen, langen Kette miteinander verbindet, die Woche heiligt und uns einen Tag schenkt, an dem das Leben den Schritt verhält und uns zeigt, dass es anderes gibt, als das Jagen nach Glück und Wohlstand.
Shabbat beginnt Freitag Abends mit Sonnenuntergang, doch die Vorbereitungen beginnen schon viel früher. Ab Donnerstag ist in jedem Supermarkt des Landes Hochbetrieb. Auch die Sparsamsten kaufen groß ein und es beginnt das große Kochen und backen, denn am Shabbat selbst darf weder gekocht, noch gebacken werden. Alles wird komplett vorbereited, gekocht und gebacken, Salate liebevoll dekoriert. Am Freitag wird das Haus bis zum Blinken und Blitzen gebracht, der Tisch mit weissem Tischtuch, dem schönen Schabbatgeschirr gedeckt, die silbernen Kerzenleuchter und der Weinbecher geputzt und auf den Tisch gestellt. 20 Minuten vor Shabbateingang ertönen Sirenen über der Stadt. Zeit für Eilige, alles fertig zu machen und bereit zu sein.
Die ganze Familie versammelt sich pünktlich zur vorgeschriebenen Zeit, wenn die Frauen die Kerzen erzünden.
Jede verheiratete Frau beginnt nach ihrer Vermählung, zwei Kerzen anzuzünden. Nach und nach kommen für jedes Kind und für verstorbene Familienmitglieder noch weitere Kerzen dazu. Ich habe jetzt jede Woche 12 Kerzen auf dem Tisch. Wenn auch noch Töchter und Schwiegertöchter anwesend sind, glitzert und leuchtet es bei Tisch wundervoll festlich.
Es ist Sitte, dass verheiratete Töchter noch viele Jahre am Shabbat bei den Eltern essen, wenn sie auswärts wohnen, auch übernachten. Es wird immer Platz gemacht!
Freitags sieht man überall junge, festlich gekleidete Familien aus Bussen und Taxis steigen, beladen mit Babys, Kindern aller Altersstufen, Buggies, Trollies, Blumen, wie sie eilig den Häusern der Eltern entgegenstreben.
Beim Anzünden der Kerzen umgibt man drei mal kreisend die Kerzen mit beiden Händen, dann hält man die Hände vor die Augen und spricht den Segen über die Kerzen. Intensiv denke ich dann an alle Kinder, meinen Mann, meine Mutter und alle, die Gottes Hilfe benötigen. Immer fließen dabei Tränen, doch es sind Muttertränen, voller Bitte, voller Dankbarkeit. Nach dem Kerzenzünden küssen alle Familienmitglieder einander und die Männer und Buben begeben sich zur Synagoge. Frauen dürfen dies auch, müssen aber nicht und sind froh, die Beine etwas hochlegen zu können, die Kinder und Enkel zu geniessen, zu beten, gute Gespräche zu führen.
Wenn die Männer heimkommen, begibt man sich zu Tisch. Als erstes werden die Kinder vom Vater gesegnet. Er legt ihnen beide Hände auf den gebeugten Kopf, sagt einen kurzen Segen, küsst sie dann auf die Stirne. (Meine Geschwister und ich küssten unserem Vater danach liebevoll die Hand)
Jetzt ist es Zeit, den Shabbat zu segnen mit dem Becher Wein (oder Traubensaft ),auf den der Vater den Segenspruch sagt, dann allen Familienmitgliedern und eventuellen Gästen jeweils einen Schluck davon verteilt. Nun übergießen alle ihre Hände aus einem besonderen Gefäß mit Wasser, dann spricht der Vater den Segen über die zwei Shabbatbrote, schneidet sie an und jeder bekommt eine Schnitte, die er in Salz tunkt und dann genießen darf.Diese Zopfbrote backe ich seit 37 Jahren selbst. Das ist nicht nur ein besonderes Vergnügen, das dem Haus den speziellen Shabbat-Duft verleiht, es ist auch das Absondern eines Zehntels des Teiges, das man verbrennt, um zu zeigen, dass von allem ein Teil Gott gehört. Dabei spricht man auch ein kurzes Gebet, bei dem man für jeden, der krank ist Fürbitte leisten kann.
Ich habe schon viele wunderbare Dinge erlebt, die daraus resultierten, ganz besonders dann, wenn viele Frauen vorher abmachen, für jemand bestimmten zu bitten, mit vereinten Kräften vor G. Thron zu intervenieren...
Während der Mahlzeit wird viel gesungen, viel vorgeschriebenes nach alten, traditionellen Melodien, aber auch "Moderneres". Immer hatten wir Gäste, unsere Stammgäste einige Burschen aus der Schweiz, die in Israel Talmudhochschulen besuchten und in der Zeit ein Shabbatheim bei uns fanden. Nicht selten teilten unsere Söhne ihre Zimmer mit zwei bis drei Burschen und hatten eine herrliche Zeit dabei.
Mein Mann und beide Söhne liessen ihre Stimmen ausbilden, auch unsere Schwiegersöhne haben, bis auf einen, starke, schöne Stimmen, so waren die Gesänge immer ein Ohrenschmaus und oft kamen auch Nachbarn herüber, um sich zu beteiligen oder einfach zuzuhören. (Wann immer wir Ferien oder Wochenenden in einem Hotel verbrachten, landeten zum Dessert andere Gäste bei unserem Tisch und beteiligten sich mit Klatschen und Mitsingen - wir hatten diesbezüglich wirklich wundervolle Erlebnisse und daraus resultierende Freundschaften!)
Das Nachtischgebet wird auch gesungen, sogar kleinste Kinder können das, wie auch den Segenspruch über Brot, auswendig, da sie das schon im Kindergarten gemeinsam laut singen.
Es ist sehr schwer zu beschreiben, wie psychisch gestärkt, wie voller Frieden und Dankbarkeit man sich nach solch einem späten Abend zur Ruhe begibt!
Bei Tag gehen auch die meisten Damen in die Synagoge, ausser Frauen mit sehr kleinen Kindern. Der Mittagstisch verläuft ähnlich wie der Vorabend, nur kürzer. Danach kann die wohlverdiente Ruhe genossen werden, später geht man spazieren, empfängt oder macht Besuche. In Bnei-Brak und auch in den religiösen Vierteln anderer Städte gibt es keinerlei Verkehr, auf allen Strassen spielen Kinder Ball oder Seilspiele, es ist so friedlich, eine Art von besonderer Freiheit, eine totale Abkehr vom Alltäglichen...
Wenn der Shabbat sich dem Ende zuneigt, lassen wir die Königin ungern gehen - wir begleiten sie mit einem kleinen Imbiss, den die Familie nochmals zusammen einnimmt, mit dem Gebet über einen Becher Wein und einer besonderen, geflochtenen, langen entzündeten Kerze, die immer das jüngste Kind halten darf. Wenn drei Sterne sichtbar werden, geht es dann zurück zu der Welt...