"Ich schaue auf die Uhr. Schon wieder halb sechs. Es war stressig gewesen heute in der Poliklinik. Ich bin total geschafft, froh, endlich nach Hause gehen zu können. Als ich zum Auto in die Tiefgarage komme, sehe ich einen unserer ausländischen Hausmeister an seinem Mofa arbeiten. Allerlei Werkzeug liegt auf dem Boden. Als ich näherkomme, sehe ich, was passiert ist: ein Reifen ist platt!
Einen Mofareifen zu reparieren, das kostet Zeit. Damit habe ich Erfahrungen. Mir kommt in den Sinn, dass auch der Hausmeister wohl so bald wie möglich nach Hause will. Ich spreche ihn an: "Kann ich helfen?"
Ein erstaunter Blick - keine Antwort.
"In meiner Freizeit bastle ich viel an Fahrrädern herum."
Kein Kommentar.
Ich bleibe bei ihm stehen, reiche ab und zu eine Mutter oder einen Schraubenzieher, löse Bolzen oder ziehe sie fest.
Einer unserer Professoren kommt vorbei und schaut uns etwas befremdet an. Ich werfe ihm einen freundlichen Blick zu, er grüßt und geht weiter. Kurz nach ihm kommt einer meiner Kollegen - auch Arzt - vorbei. Dasselbe Spiel wiederholt sich.
In der Zwischenzeit arbeiten wir schweigend weiter. Nach etwa einer Stunde ist der Schaden behoben. Als ich den Mann grüße und mich zum Gehen wende, hält er mich fest, holt seinen Geldbeutel aus der Tasche und will mir Geld geben.
Es bedarf einiger Mühe, um ihm klarzumachen, dass das nicht meine Absicht war. Endlich steckt er den Geldbeutel wieder weg.
Auf die Frage, wie er heiße, bekomme ich einen langen griechischen Namen zur Antwort. Mittlerweile hatte er wohl begriffen, dass ich ihm tatsächlich nur helfen wollte. Er strahlt mich an: "Meine Tochter heiratet nächsten Monat; du mußt unbedingt kommen. Ich gebe einen aus!"
Dann verlassen wir gemeinsam die Garage, verabschieden uns mit Handschlag, und gehen nach Hause. Übrigens die Hochzeit: Ich bin tatsächlich hingegangen und war futsch und weg über die liebevolle Gastfreundschaft dieser Leute...!" G.N.
