Neujahr 2002 aufstehen um 7.00 Uhr morgens auf der anderen Seite der Welt, in Deutschland ist es Abend, der 31.12. 2001 Genau 12 Stunden beträgt der Zeitunterschied.
Als erstes fällt mir ein, ich könnte gerade mal anrufen, um meinen Freunden einen frohen Sylvesterabend zu wünschen.
Es klappt auf Anhieb bei Gärtners.
Ich habe eine Telefonkarte gekauft, die Nummer die ich anrufen muß um eine Verbindung mit Ihnen zu bekommen, ist 34-stellig.

0800 825 575 225153 033 682 0049 23690-488



Wenn ich mich verwähle, geht die Sache von vorne los. Und wenn ich ein Besetztzeichen erhalte ebenfalls.
Meine neuseeländische Freundin Annette sagt, als ich ihr das erzähle, haben die Deutschen doch recht, bist schon ziemlich weit weg.

Hallo, hier ist Barbara!!!
Ich will Euch einen schönen Sylvesterabend wünschen.
Meine Freunde in Deutschland Klaus und Gitta freuen sich sehr, sie wollen natürlich sofort wissen, wie es mir geht und wie es mir gefällt.
Wir reden einen Augenblick zusammen, dann später versuche ich noch bei meinen Eltern und bei Stefan, den ich zu Hause vermute, anzurufen. Er ist anscheinend nicht zu Hause und meine Eltern auch nicht.Pech gehabt.
Nach 24.00 Uhr gestern habe ich Verena angerufen. Auch sie habe ich auf Anhieb angetroffen.
Immerhin haben wir uns schon seit Anfang November nicht mehr gehört. Kurz vor mir ist sie nach Peru gefahren. Dank der so genialen Internetlösung gab es dann aber immer wieder mal e-mails von Peru Richtung Neuseeland, via Deutschland. Eine Sache, der ich immer wieder verwundert gegenüber stehe.

Und nun zum Reisebericht.

31.12.2001
Wir sind Sylvester gegen 19.00 Uhr in Punakaiki angekommen.
Sehr schöne große geräumige Zimmer warten auf uns. Es ist wunderschön nach einer underworld rafting-tour ein weißes Handtuch und eine komfortable Dusche zu haben.
Angeboten war an dem Tag der Ausflug in eine Höhle zur underworld rafting tour, im Paparoa Nationalpark auf der Südinsel Neuseelands.
Der ganze Tag war irgendwie feucht.
Von unserer Reisegruppe von 10 Personen nehmen acht Leute an diesem Ausflug teil. Die anderen relaxen in einer Kneipe.

In einem Schuppen bekommen wir unsere Grundausrüstung für die Höhlenwanderung, bestehend aus einem Neopremanzug, einer Latzhose und einer Jacke. Dazu gehören Handschuhe, Socken und Schuhe mit griffigen Profilen. Ein Helm mit Licht, eine Rettungsweste und eine Tasche, in der wir die ganzen Kleidungsstücke vom Hauptlager aus bis zur Außenstelle zu Fuss befördern müssen.

Zuerst fahren wir in einem Bus einige Kilometer in Richtung Regenwald und Höhle, haben dann noch mal einen Fussweg von ca. einer Stunde mit unserem Gepäck zurückzulegen.
Die komplette Gruppe besteht aus ca 30 Leuten, die in drei Gruppen die Höhle durchwandern werden.
Mitten im Wald ist ein Lager. Wir können dort unsere normalen Kleidungsstücke in die vom Regen feuchte Tasche packen und unseren Neopremanzug anziehen.

Von der Mühe die es mich gekostet hat, diesen Anzug anzuziehen, will ich jetzt nicht noch ausführlich erzählen.
Wir erhalten große Gummireifen, übrigens fast so groß wie ich, schultern sie und gehen Richtung Fluss weiter.
durchqueren den Fluß, das Wasser reicht bis zur Brust. Unter mir sind glitschige Steine und ich falle mit dem Gesicht zuerst ins Wasser.
Macht nichts ich bin nicht empfindlich.

Der Fluß hat hier eine mäßige Strömung. Wir steigen auf der anderen Seite aus dem Flusswasser, gehen noch ein kleines Stück durch wildes Gestrüpp und müssen dann 108 Stufen neuseeländischer Grössenordnung überwinden, um den Einstieg in die natürliche Höhle zu haben.
Am Eingang schalten wir unsere Lampen ein. Hintereinander betreten wir die Höhle. Es braucht eine geraume Weile bis sich meine Augen an die absolute Dunkelheit gewöhnt haben. Die schwachen Lichtringe meiner Helmlampe schenken mir einen sichtbaren Überblick.

Verschiedene Abteilungen der Höhle sind groß und hoch, nennen sich auch Kathedrale oder Konfernzraum.
Andere wieder klein oder eng, oft kann man wirklich nur Fuß vor Fuß setzen.

Es gibt Teile, die man nur in gebückter Haltung passieren kann. In diesen Augenblicken freue ich mich, daß ich so klein bin, und denke an die großen Männer Ralph und Jens, nämlich beide so ca. 1,90m gross.

Und nun meine ganz persönliche story.
Aus Unwissenheit ist mein Helm für meine Kopfgrösse zu gross eingestellt, er rutscht mir beim Gehen immer ins Gesicht.
Die Temperatur in der Höhle beträgt 12 Grad. Der Neopremanzug schützt vorzüglich gegen diese Kälte. Nicht nur das, durch die Anstrengung dampft mein Körper und mein Atem geht wie Schwaden vor mir her, das life-jacket ist zu locker und rutscht hoch. Ich habe also immer, zwischen Augen und Nase 10 cm Platz, um mich im Dunst zwischen Life-jacket und ständig rutschenden Helm im Dunkeln zu orientieren.

Mit der einen Hand halte ich das jacket fest, mit der anderen schiebe ich immer wieder meinen Helm in den Nacken.

Meine Füße haben nun alleine die Aufgabe den Weg zu finden, meine Aufmerksamkeit verlagert sich in meine Füße, meine Augen sind gerade nicht so sehr im Einsatz.

Wir werden gut begleitet von einer Frau, die uns immer wieder die Besonderheiten dieser Höhle erklärt.

Um die ABSOLUTE Dunkelheit zu erleben, halten wir an einem Punkt, setzen uns auf unsere Reifen, schalten unsere Helmfunzeln aus und sitzen schweigend in absolutem Schwarz zusammen.
Beeindruckend, weniger beängstigend für mich.

Ja mit sofortiger Wirkung ist man ganz bei sich. Spürt sich selbst als einzigen Anhaltspunkt. Mehr als vorher die Wärme des Körpers, die Atmung. Langsam schalten sich Sensoren ein, die es möglich machen, den Abstand zu dem nächsten Nachbarn zu spüren. Ein wenig fühlt man sich wie eine Fledermaus.

In der Gruppe und mit Leitung ist das alles nicht wirklich Angst auslösend.
Aber wie wäre das eigentlich hier alleine zu sein? Dann doch schon lieber nicht.

In solchen Momenten denke ich an die Entdecker solcher Höhlen, stelle mir vor, wie sie neugierig die Spalte in der Erde finden und nicht widerstehen können.

Nein, diesen Entdeckerdrang kann ich nicht teilen. Bin sicher eher –im wahrsten Sinne des Wortes- Mitläufer.

In zwei Minuten absoluter Dunkelheit ist, viel gedacht, gefühlt, entschieden.

Der Kontakt zur Erde läßt mir die Sicherheit. Wir stehen auf, gehen weiter - ohne Reifen - hin zu einer Stelle, an der sich Glühwürmchen aufhalten.

Fremde Welt kalte Pracht, denke ich und bin fasziniert.

Anschließend wandern wir zurück zu den Reifen, setzen unsere Höhlenerkundung fort.

Der Boden ist teilweise sandig, manchmal ein wenig matschig, vor allen Dingen steinig. An einigen Stellen sind Stufen von 70 cm bis zu einem Meter zu überwinden.

Ich rutsche aus Sicherheitsgründen, vor allen Dingen wegen meiner Größe auf dem Hintern runter. Meine Füße und auch mein Po fühlen sensibel meinen Weg, wie schnell doch andere Wahrnehmungsmöglichkeiten sich mir zur Verfügung stellen.

Manchmal müssen wir auch entsprechend steigen und ich bekomme hilfreiche Hände gereicht, oder ich verlasse mich auf mich und so klettere ich auf allen Vieren rauf.

Es geht!

Der Schweiß läuft aus dem Helm und mir ist warm in dem Neoprem-Anzug.
Ganz zum Schluss springen wir über eine Spalte. Jeder achtet auf seinen Vorder- und auch auf seinen Hintermann. Immer geleitet durch Hände die Hilfestellung leisten. Von Hand zu Hand. Von hier nach dort.
Mir gefällt dieses Miteinander läßt mich stark und zugehörig fühlen.
Wir kommen zur Quelle eines Flusses, lassen uns nach Anweisung rücklings in die Reifen fallen.

Wir sollen eine Reihe bilden.
Jeder Teilnehmer nimmt die Füße eines anderen Teilnehmers unter die Arme.

Dann bekommen wir diesen einmaligen Auftrag von unserer Höhlenforscherin

Sie sagt: Lay back and relax.

Sie zieht uns alle wie eine kleine Kette durch das Wasser und wir haben Gelegenheit Tausende und Tausende von Glühwürmchen an der Höhlendecke zu beobachten.

Es ist einfach grandios, viele verschiedene Milchstraßen von glow-worms bevölkern den Höhlenhimmel.
Wir sehen zu und wissen, daß wir uns in diesem Jahr am Sylvestertag für das ökologisches Feuerwerk der Glühwürmchen entschieden haben.

Es wird auffällig ruhig, wir schweigen, es gibt nichts zu sagen.

In meinem Kopf wiederholt sich der Satz –Lay back und relax- ich füge hinzu 2002. Die Eindrücke einsaugend. Den Moment geniessend. Wie immer, wenn ich am liebsten in die Zeit einen Nagel schlagen würde.

Oh, Augenblick verweile, du bist so schön.

Und ich kann sicher sein, daß sich diese Erfahrung ganz tief in meine Seele eingraben wird. Abrufbar mit gleichartig empfundener Tiefe.

Diese ungewöhnliche „Sylvesterparty“ geht weiter. Langsam wird es heller, die Vermutung von einströmendem Tageslicht ist da, die Höhle reißt über uns auf, es erscheint die sonnige Üppigkeit des Regenwaldes mit seinen baumhohen Farnen.

Ziemlich flaches Wasser mit Strömung treibt uns in den Ringen voran.


Nun beginnt die Flußfahrt.

Es erfasst uns die eine oder andere Stromschnelle welche die Fahrt beschleunigt oder die Reifen in kleine Strudel treibt, in der sich der Reifen dreht. Manchmal kommt bei diesem Treiben der Fels sehr nahe. Wir stoßen uns mit Händen oder Füssen ab und treiben, wie ein Rudel umgestürzte Gummitiere die auf den Rücken gefallen sind, weiter.
Nach 1,5 km hat die Fahrt ein Ende. An der verabredeten Stelle lassen wir uns aus dem Reifen fallen, waten durch den Fluss und kommen an die Stelle zurück, wo die Reifen deponiert werden für die nächste Gruppe von neugierigen Höhlenwanderern.

Wir kommen zu unseren Sachen und durch den leisen, warmen Nieselregen und die Grundfeuchtigkeit der Taschen, gelingt es uns mit Anstrengung die Neopremanzüge gegen unsere Tageskleidung zu wechseln.

Von feucht in feucht.

Wir machen uns auf den Heimweg. Durch einen absolut wilden Urwald. Ich geniesse es alleine zu gehen schaue mir die Pflanzen an und suche nach einem Stein.
Ein Stein, der Symbol sein soll für ein Sylvesterfest das tagsüber in einer Höhle stattgefunden hat.
Schritt für Schritt verlasse ich bewußt das alte Jahr mit allem, was hinter mir liegt.

Und dabei ist es erst 18.00 Uhr ich bin zufrieden. Heute muß eigentlich nichts besonderes mehr für mich passieren.

Wir starten in Richtung Motel und nun ist sicher verständlich, was es mit den weißen Handtüchern und mit der heißen Dusche auf sich hat.

Wir haben genau eine halbe Stunde um uns - landfein zu machen -.

Das heißt, Haare waschen und schminken und ein wenig Parfüm und frische trockene Kleidung und wir sind sylvesterfein.
Unser Motel liegt auf einem Berg, unten am Strand haben Jugendliche ein Feuer angezündet. In der Ferne liegen die pankake-rocks, einladend, für einen Augenblick zieht es mich zum Strand, ich finde allerdings niemanden, der mit mir dort hin wandern möchte.
uns ist ein barbeque angeboten, welches von den Motelbesitzern vorbereitet wurde.

Wir verbringen den Abend mit den Freunden der Motelbesitzer. Bewegen uns mehr oder weniger vorsichtig zu dieser Gesellschaft hin.

Sind an dem Abend stark und selbstverständlich miteinander verbunden.

Tiefer und fester, als eine normale Reise das erzeugen würde.

Wir sind miteinander gewandert, haben uns die Hände gereicht, wenn es schwierig wurde.
Geholfen, wenn es anstand. Und nun feiern wir miteinander den Wechsel des Jahres.

Die Neuseeländer sind wie immer freundlich und aufgeschlossen. Nehmen uns in ihre Mitte, wollen wissen wie uns ihr Land gefällt und so werden wir in englische Konversation hineingezogen, entspannt durch den Wein, den wir mitgebracht haben, das ist hier so üblich, daß man seine eigenen Getränke mitbringt, fällt mir das Englischsprechen im Augenblick nicht schwer.
Spüre eine schöne Verbundenheit auch zu unseren Gastgebern.

Die Neuseeländer schwärmen von Deutschland wie von einer Puppenstube von Heidelberg von München und Köln ebenso wie von den bemalten Häusern und Fensterladen von Rothenburg ob der Tauber.
Von Häusern aus Stein.
Na und wir kommen nach Neuseeland, schwärmen von der gemütlichen Atmosphäre in den Holzhäusern. Von den riesigen Grundstücken auf denen sie stehen und natürlich von der ungebremsten Natur die immer wieder umwerfend ist. Uns jeden Tag aufs Neue staunen läßt, uns überwältigt und zum Schweigen bringt.