Vorbemerkung: da mein Papa zum Zeitpunkt der Geschehnisse noch ein Kind war, werde ich ihn im weiteren Verlauf der Geschichte bei seinem Vornamen nennen. Ich finde, es hört sich etwas seltsam an, "mein Papa" zu schreiben, wenn es sich um einen kleinen Jungen bzw.jungen Mann handelt. Die folgende Geschichte hat mir mein Papa mindestens hundertmal erzählen müssen, als ich ein Kind war. Meine Kinder wiederum wollten sie von ihrem Opa mindestens genauso oft hören.

Erich, seit dem achten Lebensjahr Vollwaise, wuchs bei seiner Oma auf. Die Oma hatte eine sogenannte "Feld-,-Wald- und Wiesenkatze" namens Minka. Minka war Erichs liebste Spielgefährtin. Sie war auch eher häuslich veranlagt und lag am liebsten schnurrend auf der Bank vor dem großen Kachelofen. Aber einmal verschwand sie für einige Tage. Doch sie fand sich wieder ein und niemand war glücklicher darüber als Erich.
Die "Folge" ihres Ausflugs lag etwas mehr als zwei Monate später auf einer alten Decke auf dem Speicher: ein kleiner Kater! Minka war Mutter geworden und sie hatte nur ein einziges Junges geworfen. Das war aber ein ganz besonderes Katerchen: es hatte schneeweisses, langes Fell und, nachdem sich das übliche Blau bei Katzenjungen verflüchtigt hatte, bernsteinfarbene Augen.
Das Katerchen war, wie wohl alle Katzenkinder, sehr unternehmungslustig. Es konnte gerade mal laufen, da nahm es schon in Angriff, die schale Stiege vom Speicher herunter zu hüpfen. Erich wolte gerade nach ihm sehen, da kam ihm das Kleine entgegengepurzelt. Es hatte sich bei dem Sturz nichts getan - zum Glück! Aber jetzt hatte Erich endlich den richtigen Namen für das kleine Tier: Purzel!
Das kleine Katerchen war ungefähr ein Vierteljahr alt, da starb Minka. Erich sagte zu seinem kleinen Freund: "Jetzt hast du auch keine Mutter mehr - genau wie ich." Eine dickere Freundschaft, eine grö0ere Liebe als zwischen diesen beiden, sucht wohl ihresgleichen. Wie ein Hündchen lief der Kleine hinter Erich her. Er begleitete ihn zur Schule, legte sich auf einen ruhigen Platz und wartete, bis sein "Herrchen" wieder herauskam. Natürlich sprach sich das herum.
Eines Tages suchte der Sägewerksbesitzer meine Oma auf. Seine kleine Tochter hatte Purzel gesehen und ihren Vater gebeten, einmal nachzufragen, ob man ihn nicht vielleicht kaufen könnte. Der Sägewerksbesitzer war ein reicher Mann und bot ein hübsches Sümmchen für das Tier, während meine Uroma mit ihrem Geld gerade so eben über die Runden kam. Aber sie sagte nur: Purzel ist unverkäuflich!
Je grösser Purzel wurde, umso länger und seidiger wurde sein Fell. Aus seinem bildhübschen Katergesicht strahlten die goldgelben Augen wie Edelsteine. Außerdem war er sehr gelehrig, wie gesagt, fast wie ein Hund.
Bald schon stand eine weitere Interessentin vor dem Haus meiner Uroma. Es war die bildschöne, mondäne Frau des Juweliers. Oma und Erich staunten nicht schlecht, denn diese Frau war dafür bekannt, nur in den vornehmsten Kreisen zu verkehren - und dazu zählten die beiden nicht. Sie hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, öffnete ihr edles Täschchen, entnahm ihre Geldbörse, hielt der Oma einige grosse Geldscheine unter die Nase und sagte: "Ich MUSS diesen Kater haben!" Erich schaute seine Oma an und die Oma Erich. "Der Kater ist unverkäuflich!" sagte die Oma mit fester Stimme. "Der Junge hat seine Eltern verloren und der Kater ist sein bester Freund. Wir geben ihn für alles Geld der Welt nicht her!" Als die Dame sah, dass ihr Unterfangen zu scheitern drohte, änderte sie ihre Taktik "Sieh mal Erich", sprach sie den Jungen an, "du hast dir doch sicher schon immer einen Fussball gewünscht und ein Fahrrad." (für Kinder aus finanzschwachen Verhältnissen damals ein nahezu unerfüllbarer Wunschtraum) "Du kannst mit deiner Oma auch mal raus aus der Stadt, Ausflüge oder einen kleinen Urlaub machen", fuhr sie fort, "wenn du mir nur den Kater überlässt. Er wird es gut haben bei mir!" Erichs Augen füllten sich mit
Tränen und er sagte: "Niemals!" So musste die feine Dame unverrichteter Dinge abziehen.
Es kamen noch mehrere Anfragen, aber bald sprach sich herum, dass es keinen Zweck hatte.
Jahre später hielt ein Pyromane die Stadt in Atem. Trotz aller Bemühungen konnte die Polizei seiner nicht habhaft werde. Es legte viele Brände, Menschen wurden verletzt und getötet. Er ging wahllos vor. Mal brannte eine Villa, mal ein Arbeiterhaus.
Es war im Sommer: der schlafende Erich wurde mitten in der Nacht ziemlich unsanft von seinem Kater geweckt. "Was soll das, Purzel?" rief er schlaftrunken und verärgert. So etwas kannte er von seinem Kater nicht. Da bemerkte er den beißenden Brandgeruch. In Panik sprang er auf weckte seine Oma. "Es brennt, es brennt, wir müssen hier raus!" schrie er. Es war noch nicht zu spät. Oma, Erich und Purzel konnten das brennende Haus unbeschadet verlassen. Wie sich später herausstellte, war der Pyromane von einem Baum aus aufs Dach geklettert, durch ein Dachfenster auf den Speicher gelangt und hatte dort den Brand gelegt. Das Haus war nicht mehr zu retten. Als die Feuerwehr eintraf, brannte es lichterloh. Die kleine Familie hatte alles verloren, aber eine Welle der Hilfsbereitschaft rollte an. Purzel, der Held des Tages, wurde sogar in der Zeitung erwähnt und war DAS Stadtgespräch. Wenige Tage später wurde der Pyromane festgenommen. Die Bevölkerung konnte aufatmen.
Nun hätten Erich, seine Oma und Purzel, die mittlerweile Dank der tatkräftigen Unterstützung ihrer Nachbarn und anderer Leute ein neues zu Hause gefunden hatten, noch lange in Frieden leben können. Aber es kam eine uns allen bekannte Zeit, die in einen großen Krieg mündete. Erich, gerade 18 Jahte jung, wurde eingezogen und sollte als Soldat an einer der Fronten kämpfen. Als von Natur aus absolut friedfertiger Mensch wollte er das zuerst nicht, aber dann hörte er von den drakonischen Strafen, die Deserteure zu erwarten hatten. So fügte er sich unwillig in sein Schicksal, umarmte ein letztes Mal seine Oma, knuddelte Purzel und zog in den Krieg. Er hatte das Glück, sehr schnell gefangen genommen zu werden und kam als Kriegsgefangener in die USA. Als der unselige Krieg endlich zu Ende war, ließ man ihn heimkehren. Er konnte es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein, Oma und Purzel wiederzusehen. Schon als der Zug in den Bahnhof einlief, sah er mit Schrecken die vielen zerstörten Gebäude. Auch der Bahnhof war nur ein eilig zurechtgezimmertes Provisorium. Der Zug hielt an. Er sprang aus dem Zug und rannte so schnell er konnte zu seiner alten Wohnung. Dazu muss gesagt werden, dass er und seine Oma ganz in der Nähe des Bahnhofs gewohnt hatten. Ihm stockte der Atem, als er sah, dass es das Haus nicht mehr gab. Fast die ganze Strasse lag in Trümmern. Er liess sich erschöpft auf einem Steinhaufen nieder.
Seine Verzweiflung war nicht in Worte zu fassen. Da riss ihn ein wohlbekanntes Geräusch aus seiner Lethargie: das helle Maunzen von Purzel! Er lief auf sein Herrchen zu und sprang auf seinen Schoß. Wie nah liegen doch manchmal Glück und Leid beeinander!
Der Sägewerksbesitzer, dessen Haus nahezu unbeschädigt geblieben war, bot Erich vorläufig Obdach. Dieser erzählte ihm auch, dass seine Oma bei dem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Seine Tochter hatte den Kater, der überlebt hatte, gefunden und sich um ihn gekümmert. Erichs Dankbarkeit kannte keine Grenzen.
Das Land und die Menschen erholten sich langsam vom Krieg, Erich fand eine Arbeit und konnte sich bald wieder eine eigene Wohnung leisten. Purzel, der treue Kater, bekam so manches Leckerli zugesteckt. Er war jetzt schon ziemlich alt für einen Kater und Erich war sich bewusst, dass Purzel ihn bald verlassen würde. Eines Morgens lag er reglos in seinem Körbchen - friedlich im Schlaf an Altersschwäche gestorben. Erich begrub ihn unter der großen Kastanie hinter dem Haus. Jetzt war er ganz allein. Er verliess seine Geburtsstadt, er wollte etwas ganz Neues beginnen. So landete er im Ruhrgebiet und lernte dort meine Mutter kennen.
Anmerkung: unglaublich aber wahr: auch eine meiner Katzen (die allerdings schon einmal zuvor geworfen hatte) hat vor zwei Jahren ein einziges Junges zur Welt gebracht - einen kleinen Kater mit langem Fell, allerdings rot-weiß, und bernsteinfarbenen Augen. Ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn mein Papa das noch erlebt hätte.
Von Purzel habe ich leider kein Foto, aber dafür habe ich Mika, seinen "Nachfolger", als Titelbild eingestellt.