Wie warst du? Ich meine, wie warst du wirklich?
Ich kenne dich nur aus den Erzählungen meiner Mutter. Brutal warst du, geschlagen hast du sie. Mit Gehirnerschütterung und gebrochenen Rippen war sie im Krankenhaus.
Ich habe dich nie wirklich kennengelernt. Ich war ja nicht bei euch sondern bei Oma und Opa. Meine Erinnerungen zeigen mir keinen brutalen, bösen Mann. Ich bin mit dir zum Hundesportplatz, da war ich 4 Jahre. Voller Stolz führe ich den Hund, Du natürlich neben mir. Der Hund war gut erzogen.
Deine Liebe zu Hunden habe ich geerbt, utter mag keine Hunde, sie mag überhaupt keine Tierre. Was sonst noch in mir stammt von dir.
Ich habe immer nur gehört, du bist deinem Vater zu ähnlich. Du kommst auf ihn, du schlägst in die Familie. Welche Familie? Ich weiß du hattest Schwestern und Brüder. Ich kenne sie nicht. Ich kenne dich und deine Mutter, also meine andere Oma, nur von Bildern und ein wenig Erinnerung.
Nur, ich war zu jung.
Am Anfang hast du mich noch alle 14 Tage Sonntags abgeholt, du hattest Besuchsrecht. Du hattest eine neue Frau, sie hatte einen Sohn in meinem Alter. Du lebtest mit deiner neuen Frau im Hause ihrer Eltern. Ich war gerne bei euch. Eines Sonntag hattest du eine Überraschung für mich, ich hatte mir immer schon einen Wellensittich gewünscht und das saß er nun im Käfig in eurer Küche, Jocky hab ich ihn genannt, blau war er. Ich konnte gar nicht glauben, dass der mir gehören solle, dass ich ihn mitnehmen durfte.
Er war mir lange Zeit ein Begleiter.
Dann kam ich einen Sonntag nach Hause. Mutter fragte mich, und was habt ihr so gemacht? Ich erzählte, dass wir am Rhein spazieren waren, dass du mir versucht hast Federball spielen beizubringen, dass wir dann zum Essen waren. Und Nachmittags einen Mittagsschlaf gehalten haben. Dass du mit der Tante Hannelore zusammen in einem Bett gelegen hast.
Von da an gab es keine Besuche mehr bei dir. Mutter hatte aufgrund dieses „er hat mit Tante Hannelore in einem Bett gelegen“ beim Jugendamt durchgesetzt, dass das Besuchsrecht aufgehoben wurde wegen sittlicher Gefährdung des Kindes.
Einmal hast du noch versucht den Kontakt zu mir aufzunehmen, da wies ich dich ab, aufgehetzt wie ich war, mit den Worten, zahl erst mal den Unterhalt für mich. Das war etwas, was ich dauernd zu hören bekam. Das kann ich dir nicht kaufen, das können wir uns nicht leisten. Dein Vater zahlt keinen Unterhalt.
Und so vergingen die Jahre. Meine Mutter zeigte mir eine Todesanzeige in der Zeitung, meine geliebte Frau, unsere Mutter, Tante etc. ging viel zu früh von uns, dann der Name Hannelore und der Nachname, der auch meiner war. Deine zweite Frau war mit noch nicht 50 Jahren an Krebs verstorben. Mutter nannte es Gerechtigkeit. Gottes Mühlen mahlen langsam, waren ihre Worte und jeder bekommt, was er verdient. Ich frage mich nur, wann bekommt sie, was sie verdient.
Egal. Das ist ein anderes Thema.
Ich heiratete. Ich fand deine Adresse heraus. Schickte dir die Hochzeitsanzeige. Am Tage meiner Hochzeit kam ein kleiner Strauß Blumen, 5 Nelken. Die abwertende Bemerkung meiner Mutter, da siehst du, was ihm seine Kinder wert sind. Das ist das Minimum, dass Fleurop verschickt. War es eine Aufforderung, mich bei dir zu melden? Wolltest du damit den Kontakt zu mir aufnehmen?
Eine Aussage meiner Mutter war immer, du hast so gar nicht von mir, du kommst auf deinen Vater. Ich bin ja froh, dass ich nicht auf sie komme, aber was ist das, was ich von dir habe?
Wie auch immer, ich habe mich nicht bei dir gemeldet. Warum auch immer, Bequemlichkeit, Angst, immer noch der Einfluss meiner Mutter? Alles zusammen?
Als meine Tochter geboren wurde, schickte ich dir die Geburtsanzeige. Diesmal reagiertest du nicht. Immer wieder nahm ich mir vor, ich suche dich auf, ich will dich kennen lernen. Ich tat es nie.
Mein Sohn kam auf die Welt, wieder dachte ich an dich, fand dich aber nicht mehr im Telefonbuch. 1 Jahr später bekam ich über das Nachlassverzeichnis, dass du verstorben seist. Es keinen nennenswerten Nachlass gäbe, nur Schulden. Den Nachlass habe ich ausgeschlagen, mich trotzdem erkundigt, wo du begraben bist.
Habe dein Grab gesucht und gefunden, dich kennen zu lernen, dazu war es zu spät.
Text: Nika Nachtwind
Bildquellenangabe: Dieter Schütz / pixelio.de
