Vergessene Zeit
Mein Schwiegervater leidet schon seit einigen Jahren an Altersdemenz. Ob es wirklich plötzlich kam nach der ersten Operation oder ob es ein schleichender Vorgang war, den wir nicht bemerkten, kann ich nicht beurteilen. Im Dezember hatte er noch seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Obwohl, gefeiert kann man nicht sagen, denn seine Frau ließ es nicht zu, dass jemand kam. Seit er an Demenz leidet, schottete sie ihn von allem ab. Er wolle das nicht, war ihr Standpunkt und Einwände ließ sie nicht gelten. Geredet hat er nicht mehr viel in den Jahren zuvor und zu sagen hatte er auch nichts bei seiner Frau. Sie war die Dominierende in der über fünfzigjährigen Ehe und er war es gewohnt, zu gehorchen. Seit einigen Jahren lebt er nun in dieser Gedankenwelt, die wir nicht begreifen und die er uns nicht vermitteln kann. Gewohnheitsmäßig verrichtet er gewohnte Dinge wie Zähneputzen wiederholt sie ständig und fragt, was er anziehen soll, wenn er ins Krankenhaus muss. Oder er sagt, er dürfe nichts essen, weil er doch operiert werden sollte. Dem geistigen Zusammenbruch folgte der körperliche Zerfall. Er sank praktisch zusammen, wurde schwächer und konnte sich nur noch mit Mühe bewegen, obwohl er andererseits mit festem Schritt die Treppe in den ersten Stock hinaufging, nachdem wir einen Handlauf an der Mauer befestigten. Einmal ist er schon diese Treppe herunter gefallen, weil er kein Licht machen wollte. Er blutete stark und hatte sich dabei möglicherweise eine Gehirnerschütterung zugezogen, aber seine Frau holte keinen Arzt.
Als mein Schwiegervater in Rente ging, zogen sie von Augsburg in das Haus in Schondorf am Ammersee. Da lebte ihre Schwester noch und wir durften häufiger kommen. Da war mein Schwiegervater auch noch aktiver Teil des Hauses. Nach dem Tod der Schwester übernahm sie das Regiment im und um das Haus und als beide nicht mehr so recht konnten, mussten meine Frau und ich angreifen. Meine Frau ist die Pflegetochter des Ehepaares und ich lernte sie 1974 kennen. Der Vater war eine Seele von einem Menschen, typisch Schütze, die Mutter dagegen konnte einerseits scheißfreundlich sein, andererseits aber auch gemein und hinterhältig. Das Verhältnis zwischen meiner Frau und ihr war zwiespältig. Mittlerweile hat sich das Verhältnis drastisch zugespitzt. Die beiden hatten sich vor vielen Jahren darauf geeinigt, dass sie sich zwei Mal in der Woche gegenseitig anrufen. Seit der Altersdemenz ihres Mannes ruft meine Schwiegermutter an, wenn sie ihn ins Bett geschickt hatte. Danach rief sie bei uns an, meistens zwischen halb elf und elf und nicht selten kam es während dieses Gesprächs vor, dass sie nach einem normalen Gespräch in wüste Beschuldigungen und Schimpftiraden abglitt, um danach wieder zu einem normalen Gespräch zurückzukommen. Ihre Erziehungsmethode bestand aus Vorhaltungen, Beschimpfungen, Verboten und Ohrfeigen. Noch heute beschimpft sie ihre mittlerweile wegen Erbschaftsangelegenheiten adoptierte Tochter als Teufel, der ihr nur Böses wolle, Dinge versteckt oder demoliert sie bestiehlt. Hat sie ihre Schimpftirade vom Stapel gelassen, redet sie normal weiter, als gehöre das andere gar nicht dazu. Allerdings hält sie sich zurück, wenn sie uns zum Arbeiten braucht.
Vor einigen Wochen ist mein Schwiegervater die Kellertreppe hinuntergefallen, was er dort wollte, wissen er nicht mehr und wir auch nicht. Wenn es ihm langweilig war, ging er oft durch das Haus, räumte hier etwas beiseite und stellte etwas woanders hin. Bei dem Sturz zog er sich eine Platzwunde über dem Auge und eine an der linken Hand zu. Seine Frau fand ihn schließlich und holte die Nachbarn zu Hilfe, die ihn aufrichteten und den Notarzt riefen. Dadurch, dass er Macumar nehmen musste, wurde er schließlich mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus nach München geflogen und er musste drei Wochen bis zur einiger Maßen hergestellten Gesundheit darin bleiben. Geistig ist er inzwischen wieder soweit wie vor dem Sturz, allerdings hat er keine Kraft mehr in den Beinen, kann also nicht mehr selbständig gehen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kam er für drei Wochen in Kurzzeitpflege, bis zu Hause ein Krankenbett und ein Rollstuhl bereitstanden. Allerdings stellte sich heraus, dass er nicht mehr selbständig zur Toilette gehen konnte und deswegen auch schon im Krankenhaus eine Windel tragen musste. In diesen drei Wochen wurde er allerdings auch nur als Patient verwaltet, er bekam Essen, wurde medizinisch und hygienisch versorgt, das war es dann. Aber wer sollte die hygienische Versorgung zuhause in der Nacht übernehmen? Gab es einen Pflegedienst, der dies übernehmen konnte? Meine Frau erkundigte sich in einem Pflegeheim nach einem Platz für ihn, obwohl noch die Option, ihn zu Hause zu versorgen, offenstand. In der Zwischenzeit fiel meine Schwiegermutter im Garten wieder einmal hin und verletzte sich. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah und es wird nicht das letzte Mal sein. Deswegen einigten sie und meine Frau sich darauf, ihn schweren Herzens im Pflegeheim unterzubringen. In den vergangenen Tagen nimmt er kaum noch Essen zu sich und er magert immer mehr ab, leidet unter Schluckbeschwerden und redet sehr leise.
Meine Schwiegermutter trinkt zu wenig und ist inzwischen stark abgemagert, unser Zureden, sie sollte mehr trinken, wischt sie beiseite. Sie jammert, sie sei schwach und könnte dies und jenes nicht mehr machen, klagt über Schwindelanfälle und darüber, was sie alles durchmachen müsse. Nächstes Jahr im April wird sie 93 und versucht noch, alles Mögliche selbst zu machen. Sie kocht und geht einkaufen, macht Gartenarbeiten. Seit ihr Mann nicht mehr bei ihr ist, hat sie keine Lust mehr, viel fernzusehen, das kann ich verstehen. Im Stillen bereitet sie sich darauf vor, in absehbarer Zeit zu sterben. Am Sonntag hatte sie entgegen der Abmachung nicht angerufen und meine Frau machte sich Sorgen um sie, schließlich kann auch sie die Treppe herunterfallen. Sie verständigte die Polizei im Nachbarort, die dann kamen und nachsahen. Meine Schwiegermutter stellte sich schlafend, als sie kamen, hinterher regte sie sich furchtbar darüber auf. Zwei Tage später sagte sie zu mir am Telefon, welchen Hass sie (meine Frau) auf sie habe, dass sie ihr die Polizei schickt. Meinen Einwand, sie hätte sich Sorgen gemacht, ließ sie nicht gelten und argumentierte dagegen, sie wäre schon häufiger eingeschlafen und habe den obligatorischen Anruf vergessen.
Am Mittwoch wurde er ins Pflegeheim überstellt, als ich in sah, erschrak ich. Er sah aus wie jemand, der dem Tod schon näher ist als dem Leben. Abgemagert, mit eingefallenem Gesicht, die Augen hervorquellend, mit offenem Mund wurde er herein geschoben. Selbst seine Frau erschrak bei seinem Anblick, sie hatte ihn zweieinhalb Wochen zuvor noch ganz anders gesehen. Da war er vom Sturz noch gezeichnet, aber stabiler. Nun hat sie Angst, er könnte ziemlich bald sterben. Sein Herz ist stabil aber er will nichts mehr essen, weil er Schluckbeschwerden hat. Im schlimmsten Fall muss er mit einer Sonde ernährt werden. Es besteht allerdings die Gefahr, dass er sich diese wegreißt und es wäre nicht das erste Mal, dass er eigenmächtig etwas entfernt, weil es ihm nicht behagt. In den vergangenen Tagen ist er immer mehr abgemagert und sein Tod war nur eine Frage der Zeit. Eine Woche nach seiner Unterbringung im Pflegeheim, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag verstarb er im Schlaf. In genau zwei Monaten am 13 Dezember wäre er 91 geworden.
